Sabine Schiffer, Medien, Islam, Migranten, Muslime, Minderheiten
Prof. Dr. Sabine Schiffer © MiG

Rassismus tötet! …weiterhin

Hanaus offene Fragen verweisen auf andere Unbeantwortete

Die Versäumnisse in Hanau erinnern mich an eine Reihe weiterer ungeklärter Verbrechen. Die sich daraus ergebenden Fragen und Unterlassungen deuten auf einen tief sitzenden strukturellen Rassismus hin.

Von Mittwoch, 03.03.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 02.03.2021, 15:00 Uhr Lesedauer: 10 Minuten  |  

Viele Medien kommen in Sachen Hanau-Berichterstattung ihrer Funktion als Vierte Gewalt nach, so mein Eindruck. Das mag ein schwacher Trost für die Überlebenden und Hinterbliebenen der neun getöteten jungen Menschen des rassistischen Mordens sein, aber vielleicht wenigstens ein Hoffnungsschimmer auf Aufklärung – während die staatlichen Behörden versagen. Die Dokumentation des Hessischen Rundfunks, „Hanau: Eine Nacht und ihre Folgen“, mehrere ZDF-Sendungen, die ARTE-Doku „Das Attentat von Hanau – ein Jahr voll Trauer und Wut“, Artikel in taz und Spiegel und viele mehr greifen die offenen Fragen auf, die die Angehörigen der Opfer stellen.

Die Versäumnisse in der Nacht vom 19. Februar 2020, davor und danach, erinnern mich zum Teil an den Mord an Marwa el-Sherbiny in Dresden am 1. Juli 2009 und die bis dato ebenfalls fehlende Aufklärung unbeantworteter Fragen. Die Unterlassungen deuten auf einen tief sitzenden strukturellen Rassismus hin, der aus dem Unbewussten heraus an die Oberfläche gezerrt werden muss, damit geklärt werden kann, wie rassistische Muster Hilfe und Rettung verhindert haben und diese Denke weiterhin Menschenleben gefährdet. Wie der Umgang mit dem sogenannten NSU und den langjährigen Verdächtigungen gegenüber den eigentlichen Opfern bezeugt, hat auch hier bereits der in den Strafverfolgungsbehörden schlummernde Rassismus weitere Opfer ermöglicht – und verhindert gleichzeitig eine ehrliche Aufarbeitung.

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Offene Fragen rund um die Getöteten von Hanau

„Wie kann es sein, dass der mit drei Kugeln durch die Windschutzscheibe getötete Vili Viorel 18 Stunden im dann abgedeckten Auto sitzen gelassen wurde? Wer ist dafür verantwortlich? Bis zum Jahrestag des traurigen Todes ihres einzigen Kindes hatte niemand von der Polizei mit der Familie gesprochen.“

Was die Medienberichterstattung, die den Überlebenden des Mordens in Hanau und den Familien der Mordopfer eine Stimme gibt, sowie die Informationskampagnen der Initiativen aus Hanau selbst zutage fördern, sollte uns alle beunruhigen.

Zuerst die Frage, die sich nicht nur die Eltern von Vili Viorel Paun stellen und die auf ein allgemeines Versagen polizeilicher Leistungen hinweist – die Nichterreichbarkeit des Notrufs während langer Minuten in der Todesnacht:

Wäre der 22-jährige Vili Viorel Paun noch am Leben, wenn der Polizeinotruf auf seine vielfachen Anrufe reagiert hätte? Und eine andere Frage schließt sich an: Wie kann es sein, dass der mit drei Kugeln durch die Windschutzscheibe getötete Vili Viorel 18 Stunden im dann abgedeckten Auto sitzen gelassen wurde? Wer ist dafür verantwortlich? Bis zum Jahrestag des traurigen Todes ihres einzigen Kindes hatte niemand von der Polizei mit der Familie gesprochen.

„Starb Ferhat Unvar an unterlassener Hilfeleistung? Wie das Video einer Überwachungskamera zeigt, wurde der 23-Jährige beim Auffinden nicht erstversorgt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes übergangen – ein Polizist überstieg den am Boden Liegenden mehrmals, um den Tatort abzudunkeln. Lebenszeichen wurden nicht geprüft, Sanitäter nicht gerufen, keine Reanimationsversuche unternommen.“

Eine weitere Frage ist allgemeiner Art, nämlich: Warum konnte der Attentäter legal Waffen besitzen, obwohl seine psychischen Probleme bekannt waren? Diese Frage weist entweder auf Lücken im Waffengesetz hin oder auf Versäumnisse ganz anderer Art. Und warum reagierten Bundesanwaltschaft und Staatsanwaltschaft nicht auf das an Sie gerichtete Schreiben des späteren Mörders vom November 2019, aus dem eindeutig sein Verschwörungsdenken und „Ausländerhass“ hervorging?

Weitere Fragen stehen im Raum, die die Zusatzfrage aufwerfen, ob bei anderen Opfern auch so gehandelt worden wäre:

Starb Ferhat Unvar an unterlassener Hilfeleistung? Wie das Video einer Überwachungskamera zeigt, wurde der 23-Jährige beim Auffinden nicht erstversorgt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes übergangen – ein Polizist überstieg den am Boden Liegenden mehrmals, um den Tatort abzudunkeln. Lebenszeichen wurden nicht geprüft, Sanitäter nicht gerufen, keine Reanimationsversuche unternommen. Zwischen der Entdeckung von Ferhat hinter dem Tresen eines Kiosks und seinem im Totenschein verbrieften Sterbezeitpunkt vergingen fünf Stunden. Wer half hier nicht?

Wurde das Leben von Said Etris Hashemi riskiert, als dieser erstversorgt wurde, aber nicht ins Krankenhaus gefahren werden durfte? Oder als bei einem erneuten Angriff des Attentäters nicht die Bahre mit dem Verletzten geschützt, sondern als Schutzschild benutzt wurde?

Hätten mehr fliehen und überleben können, wenn der Notausgang in der Arena-Bar nicht verschlossen gewesen wäre? Indizien und Augenzeugen weisen darauf hin, dass diese Tür mit Wissen der örtlichen Polizei verschlossen bleiben musste, um bei Razzien Zugriff auf die Gäste der Bar zu haben.

„Wieso – und diese Frage stellt sich mit Blick auf die Zukunft – wurden die Familien nicht gewarnt, dass der Vater des Attentäters sich weiter volksverhetzend äußert? Warum erhält er Polizeischutz und nicht die von ihm Bedrohten?“

Wieso – und diese Frage stellt sich mit Blick auf die Zukunft – wurden die Familien nicht gewarnt, dass der Vater des Attentäters sich weiter volksverhetzend äußert? Warum erhält er Polizeischutz und nicht die von ihm Bedrohten?

Parallelen zur fehlenden Aufklärung im Mordfall Marwa el-Sherbiny

Bei den in den Dokumentationen und Berichten geschilderten Abläufen und dem Leid und Fragen der Hinterbliebenen erlebe ich als Medienbeobachterin einige Déjà-Vues. Als die junge Apothekerin Dr. Marwa el-Sherbiny nach ihrer Zeugenaussage im Dresdener Amtsgericht vom Angeklagten mit 16 bis 18 Messerstichen niedergestochen wurde, half nur ihr Ehemann und wurde dabei selbst schwer verletzt. Ein hinzugerufener Polizist schoss den Ehemann nieder und nicht den Angreifer. Da sich alle anderen Prozessteilnehmer im Nachbarsaal eingesperrt hatten, konnte niemand dem Polizisten zurufen, wer der Angreifer war. Auch das Kind des Paares hatten sie im Gerichtssaal zurückgelassen. Bis heute ist ungeklärt, ob die im dritten Monat schwangere junge Mutter hätte gerettet werden können, wenn nicht ihr Ehemann durch den Schuss in die Vene des Beines ins Koma gefallen wäre und erstversorgt wurde. Sie verblutete vor Ort. Der Junge wurde in ein Kinderheim gegeben. Offensichtlich kam niemand auf die Idee, dass die Familie in Dresden Bekannte gehabt haben könnte.

Bis heute wurde nicht aufgearbeitet, warum das Drohschreiben des Angeklagten und schließlich Verurteilen zuvor an das Gericht nicht zu Schutzmaßnahmen für Marwa und ihre Familie geführt hatte. Denn der Angreifer hatte geschrieben, dass er Muslime für gefährlich halte, und machte explizit, dass er etwas gegen diese Gefahr tun müsse. In der Tat stellt sich die Frage, ob es umgekehrt nicht Personenschutz gegeben hätte, wenn ein Muslim der Absender eines solchen Schreibens gewesen wäre.

„Es scheint, dass manche Menschen manche Menschen nicht als Opfer denken können, sondern sie nur als potenzielle Täter und Gefährder wahrnehmen. Darauf deutet auch die Gefährderansprache an die Hinterbliebenen der Ermordeten von Hanau hin, denen die Polizei offensichtlich Rachegelüste unterstellte…“

Es scheint, dass manche Menschen manche Menschen nicht als Opfer denken können, sondern sie nur als potenzielle Täter und Gefährder wahrnehmen. Darauf deutet auch die Gefährderansprache an die Hinterbliebenen der Ermordeten von Hanau hin, denen die Polizei offensichtlich Rachegelüste unterstellte bzw. unterstellt – denn bis heute gibt es für die Familien keinen Schutz vor dem Vater des Attentäters, der nicht nur der gleichen Gesinnung, sondern eventuell auch der Mittäterschaft verdächtig ist. Damit Letzteres untersucht wird, bedurfte es einer Anzeige durch die Opferangehörigen – von alleine wurden weder Polizei, noch Staatsanwaltschaft tätig.

Wie die Ermittler in Hanau die zu Schützenden betrachten, darauf deuten unter anderem die Beschreibungen der Mordopfer hin. Hamza Kurtovic, ein blonder junger Mann, wird als „orientalisch südländisch“ beschrieben, ganz offiziell und amtlich. Diese rassifizierende Bezeichnung weist auf die Ermittler zurück. Nimmt man den Ausdruck dessen ernst, dann könnte das die mutmaßlich unterlassene Hilfeleistung bei Ferhat Unvar erklären. Er wurde – und es tut mir leid, das hier schreiben zu müssen – einfach nicht als „einer von uns“ angesehen.

„In die gleiche Richtung weist das Verhalten von Volker Bouffier, Ministerpräsident Hessens, der die NSU-Untersuchungsakten zurückhält und damit Aufklärung rassistischer Morde und Gesinnung verhindert, und der Joghurt-löffelnd den Hinterbliebenen des Massakers in Hanau kondoliert.“

In die gleiche Richtung weist das Verhalten von Volker Bouffier, Ministerpräsident Hessens, der die NSU-Untersuchungsakten zurückhält und damit Aufklärung rassistischer Morde und Gesinnung verhindert, und der Joghurt-löffelnd den Hinterbliebenen des Massakers in Hanau kondoliert. So verhält sich niemand, der sich wirklich betroffen fühlt vom Verlust junger und hoffnungsvoller Menschenleben. Dieser Ausdruck von „keine von uns“ ist für mich schon schwer zu ertragen. Wie unerträglich muss das für die Familienangehörigen sein? Und umgekehrt, signalisiert das Verhalten der Behörden dem bizarren Vater des Mörders von Hanau gegenüber, dass er als „einer von uns“ wahrgenommen wird – jemand, für den Rechtsstaatlichkeit eben gilt.

In Dresden wurden nach dem Mord an Marwa el-Sherbiny Einlasskontrollen zum Gericht eingeführt und zum Schutz des Mörders vor möglichen Racheakten eine Glaswand in den Gerichtssaal eingezogen. Die ersten, die diesen Sicherheitsmaßnahmen unterzogen wurden, war die Familie der Ermordeten, ihr Witwer und ihr Bruder, die zum Prozess gegen den islamophoben Täter eingelassen werden wollten.

Die These vom Einzeltäter ist eine Innenperspektive…

All diesen Auswüchsen – denn normal ist das nicht in einem Rechtsstaat, der gleiches Recht für alle bereithält – geht ein langer Diskurs der Ausgrenzung voraus, Rassismus in Wort und Tat, Politikerworte und verfestigende Medienbilder und Hassliteratur à la Sarrazin & Co. Dieser Diskurs ist mörderisch und der findet nicht nur im Internet statt, wenn sich auch dort solche problembehafteten Männer sehr gut versammeln können, die ihr eigenes Unvermögen in eine vermeintliche Heldentat zur „Rettung der Nation“ ummünzen wollen.

Wie Wolfgang Benz es in seinem 400-Seiten starken Buch „Vom Vorurteil zur Gewalt“ akribisch aufzeigt, die Radikalisierung im Kontext von Vorurteilen gegen andere, ist in allen nur erdenklichen Kontexten möglich. Die geistige Brandstiftung ist also immer ernst zu nehmen – ohne Ausnahme. Benz, der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, zieht am Schluss mit Blick auf den Terrorakt in Hanau das Fazit, dass es nur ein frommer Wunsch einer sich selbst idealisierenden Gesellschaft sei, den Mythos eines Einzeltäters zu pflegen. Tatsächlich sind die geistigen Brandstifter erkennbar, ihre mediale Vervielfältigung bekannt, das politische Versagen greifbar.

„…bei Rechtsextremisten, nicht bei Islamisten – letztere werden als Symptom einer Verallgemeinerung gedeutet, als vermeintlicher Beweis für angeblich alle Muslime erfassende Denkweisen. Hingegen wird ein Täter aus dem „eigenen Umfeld“ als Verstoß gegen die Norm, als Ausnahme, als Ausrutscher in einer sonst angeblich ganz anderen Gesellschaft gedeutet, einer guten.“

Auffällig ist, dass in dem Kontext eben nur bei bestimmten Attentätern nach persönlichen Dispositionen gesucht wird, die so eine monströse Tat erklären könnten: bei Rechtsextremisten, nicht bei Islamisten – letztere werden als Symptom einer Verallgemeinerung gedeutet, als vermeintlicher Beweis für angeblich alle Muslime erfassende Denkweisen. Hingegen wird ein Täter aus dem „eigenen Umfeld“ als Verstoß gegen die Norm, als Ausnahme, als Ausrutscher in einer sonst angeblich ganz anderen Gesellschaft gedeutet, einer guten. Vielleicht erklärt das die Lust am Einzeltäter. Ein Einzeltäter kann das idealisierte Selbstbild konstant halten, ein Einzeltäter schützt vor (selbst)kritischer Auseinandersetzung mit dem strukturellen Rassismus der eigenen Gesellschaft.

Die Einzeltäterthese deutet auf eine Innenperspektive hin, wo man den Verbrecher als Abweichler identifiziert. Die schnelle Zuweisung eines Gewalttäters zu einem ganzen Kollektiv hingegen, wie es dann geschieht, wenn zum Beispiel Muslime oder sonstige „andere“ Abweichler von der Norm sind, deutet auf eine Außenperspektive hin. Der Blick von außen aber homogenisiert die ganze Gruppe, glaubt, bei denen sei das ebenso. Der homogenisierende Blick von außen und der ausdifferenzierende Blick von innen sind zwei Seiten der gleichen Medaille – nämlich die, die die Menschen in unserem Land in Wir und Ihr einteilt, in zugehörig und nicht zugehörig. Und Hanau zeigt und mahnt uns, dass wir da noch einen weiten Weg hin zur Gleichbehandlung und damit zur Anerkennung von Gleichwertigkeit zu gehen haben – so, wie die Menschenrechte es verbriefen und sie gerne als „westliche Werte“ vor sich hergetragen und gleichzeitig vereinnahmt werden; egal wie wenig man sie lebt.

Die Aufgabe der Medien ist die des Kontrolleurs von Macht, im konkreten Fall, die Macht alles unter den Teppich zu kehren. Hier gibt es die Möglichkeit, an der Seite der Ohnmächtigen für die Sache der Aufklärung zu kämpfen – und dafür gibt es jetzt einige Beispiele, und das zumindest stimmt mich verhalten hoffnungsvoll. Denn aus den vielen Toten rassistischer Pogrome in BRD und DDR und seither lässt sich eines ganz klar ableiten: Was nicht geklärt wird, wirkt weiterhin tödlich.

Meinung
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