Yasmin Al-Douri, Politikwissenschaften, Rassismus, Diskriminierung, Migranten, Integration
Yasmin Al-Douri © privat, Zeichnung: MiG

Das Problem

Vorbilder statt Diversity-Quote?

Familienministerin Giffey und Staatsministerin Widmann-Mauz lehnen Quoten für Migranten im öffentlichen Dienst ab. Wichtiger seien Rollenvorbilder und Beauftragte. Da wären wir auch schon bei unserem Diversity-Problem.

Von Mittwoch, 20.01.2021, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.01.2021, 15:57 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und Integration-Staatsministerin Widmann-Mauz lieferten kürzlich die perfekte Vorlage, um über das Nummer Eins Diversity-Problem in Deutschland zu reden. Nein ich spreche nicht über die Frauenquote in Führungspositionen, sondern über Migrant:innen-Quoten im öffentlichen Dienst. Keine Sorge, Giffey und Widmann-Mauz, das Pro-Frauen-Quote Team, haben sich ironischerweise gegen eine Quote für Migrant:innen ausgesprochen. Bei diesem Vielfaltsverständnis kommt die derzeitige Diversitätsdebatte nur einer Gruppe zugute: Weißen Frauen.

Es ist kein Geheimnis, dass es in den deutschen öffentlichen Verwaltungen an Vielfalt mangelt. Schätzungen von Citizens for Europe illustrieren, dass die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Verwaltung recht homogen ist: Nur elf Prozent der Führungskräfte in der öffentlichen Verwaltung haben eine Migrationsgeschichte. Diese Schätzung schließt alle Menschen mit Migrationshintergrund ein, also auch europäischer und nordamerikanischer Herkunft. Belastbare Zahlen gibt es nicht. Studien scheitern – so die offizielle Begründung – an Datenschutzbestimmungen. Ohne Daten können Verwaltungen Diskriminierungsvorwürfe einfach abwehren.

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Just saying

Aus einer Studie des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2016 geht zumindest hervor, dass es sich bei den Angestellten mit Migrationsgeschichte (schätzungsweise 15 Prozent) häufig um junge Frauen handelt, die in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen ohne Beamtenstatus und oft mit befristeten Verträgen arbeiten.

In einer anderen Studie wurde immerhin noch die Frage beantwortet, welche Maßnahmen in den letzten Jahren ergriffen wurden, um den Anteil von Deutschen mit Migrationsgeschichte in öffentlichen Ämtern zu erhöhen. Im Mittelpunkt der Studie stand die Befragung von Integrationsbeauftragten in Bund, Ländern und ausgewählten Kommunen. Ergebnis: Es wurden zwar mehr junge Deutsche mit Migrationsgeschichte eingestellt, diese besetzten allerdings vor allem Positionen im mittleren Dienst, während Positionen im gehobenen und höheren Dienst immer noch keine adäquate Repräsentation aufwiesen. Personalverantwortliche erklärten dies durch den Mangel an qualifizierten Kandidat:innen. Angesichts der Tatsache, dass im Jahr 2018 zwanzig Prozent aller Deutschen mit Migrationsgeschichte einen Hochschulabschluss besaßen (in absoluten Zahlen wären das 2,9 Millionen Menschen), wirft diese Begründung Fragen auf.

Es bringt also eher weniger, wie von Widmann-Mauz gefordert, mehr Beauftragte einzustellen. Insbesondere dann, wenn diese bereits die Annahme verinnerlicht haben, dass es keine qualifizierten nicht-weiße Kandidat:innen gibt. Die Studienautoren schlussfolgern: Die bestehenden Barrieren für Minderheiten, in öffentlichen Verwaltungen Karriere zu machen, sind systematisch bedingt. Vorbilder setzen, so wie Giffey es verlangt, wird demnach auch schwierig, wenn Beauftragte keine Vorbilder einstellen – just saying.

Teure Praktika

Es gibt viele Faktoren, die solche Barrieren für Minderheiten vergrößern. Entscheidend für den gehobenen und höheren Dienst sind oft Praktika. Sie sind eine Möglichkeit, um a) wichtige Berufserfahrung zu sammeln, b) das eigene Netzwerk zu erweitern und c) erste Eindrücke von einem möglichen Arbeitgeber zu bekommen. Personalverantwortliche achten bei Bewerber:innen auf bereits gesammelte Erfahrung in ähnlichen Bereichen oder rekrutieren bewusst Personen, die bereits bei ihnen gearbeitet haben. Es ist daher wichtig, den gleichberechtigten Zugang zu solchen Praktika zu gewährleisten, insbesondere bei besonders elitär geltenden Praktika.

Praktika sind allerdings mit Kosten verbunden. Das gilt auch für die in öffentlichen Verwaltungen. Die meisten Stellen sind unbezahlt oder bieten allenfalls eine „Aufwandsentschädigung“ von monatlich 300 Euro an. Dieser Betrag reicht für den Lebensunterhalt nicht. Gerade in Berlin, wo sich die meisten Ministerien befinden, ist Wohnraum nicht nur knapp, sondern fast unbezahlbar für Studierende. Ein Praktikum ist insofern ein Privileg, die sich oft nur Studierende aus gut betuchten Elternhäusern leisten können – ausgerechnet die, die von Haus aus ohnehin gut vernetzt sind.

Alle anderen haben oft das Nachsehen – insbesondere Migrant:innen. In Deutschland sind 27 Prozent der Familien mit Migrationsgeschichte laut einem Bericht des Bundesfamilienministeriums armutsgefährdet. Besonders oft betroffen sind Familien mit türkischem Hintergrund (36 Prozent). In diesen Zahlen sind alleinerziehende Mütter mit Migrationsgeschichte nicht einmal enthalten. Sie sind besonders oft armutsgefährdet (51 Prozent).

Mehr Förderung

Die Anerkennung, dass wir in Deutschland ein Problem mit mangelnder Vielfalt in öffentlichen Verwaltungen haben, ist der erste Schritt, um etwas ändern zu können. Es müssen aber konkrete Maßnahmen folgen. Wenn sich die Politik schon so schwertut mit Quoten für Minderheiten, dann muss sie andere, Vorschläge auf den Tisch legen. Sonntagreden – „Wir müssen Vorbilder setzen“ helfen nicht.

Eine Lösung könnte sein, einkommensschwache Praktikant:innen finanziell zu unterstützen. Etwa durch eine Anpassung der Aufwandsentschädigung je nach Praktikumsort. Wer beispielsweise ein Praktikum in Buxtehude absolviert, wird weniger für seine Miete aufbringen müssen als jemand in Berlin oder München. Eine individuelle finanzielle Unterstützung würde Praktikumsanwärtern aus ärmeren Elternhäusern zudem sehr helfen, einen Fuß in die Verwaltung zu setzen. Investitionen in diese Personengruppe würde auf lange Sicht die Vielfalt in unseren Verwaltungen erhöhen und sich vielfach auszahlen.

Meinung
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  1. Pam sagt:

    Danke für den Artikel! Jetzt verstehe ich den aktuellen ‚Comig‘ noch besser.