Anja Seuthe, Muslime, Islam, Religion, Kopftuch
Anja Seuthe © privat, Zeichnung MiGAZIN

Terror in Österreich

Irgendwo ist etwas gewaltig schiefgelaufen

Nach Wien twittert Macron: „Dies ist unser Europa.“ Das hätte auch der Täter rufen können. Er war selbst Österreicher. Seine Familie? Europäer. Fast zeitgleich schlägt ISIS auch in Kabul zu. Was sagt uns das?

Von Dienstag, 03.11.2020, 20:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 03.11.2020, 19:10 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Wien, 2. November 2020, ein Tag, den niemand so schnell vergessen wird. Eine Stadt gerät unter Beschuss. Und das Internet ist da. Während die Polizei versucht, die Ruhe wiederherzustellen, hetzen Nutzer auf Twitter mit falschen Fotos und Videos und unbegründeten Anschuldigungen gegen Nationalitäten und Religionen. Auch Prominente nutzen die Gunst der Stunde, wie der französische Präsident Macron, der twittert: „Dies ist unser Europa.“

Das hätte auch der Täter rufen können, denn der 20-jährige, der von der Polizei erschossen wurde, war selbst Österreicher. Geht man in seiner Familiengeschichte zurück, so landet man in Mazedonien, das zweifelsohne ebenfalls in Europa liegt. Grenzen zu schließen, hätte in diesem Fall niemanden gerettet. Aber auch das Gerede von den „Schläfern“ unter uns bringt uns hier nicht weiter. Die zweite Generation Migranten in Wien und anderen europäischen Ländern äußert sich auf Twitter unmissverständlich. Der Tenor der Alis und Mehmets und Abdallahs lautet: „Wir und die Polizei gegen die Scheiß-Terroristen.“ Zwei türkische Sportler werden online gefeiert, die unter Beschuss einen verletzten Polizisten und eine ältere Dame gerettet haben sollen. Das sind die Helden der Community, die Retter, nicht die Angreifer.

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„Niemand wird zum Täter, weil er, wie der Wiener Terrorist, Österreicher ist, oder Migrant, oder Moslem, oder jung, oder ein Mann. Er wird zum Täter, weil irgendwo etwas gewaltig schiefgelaufen ist.“

Was unterscheidet aber nun den Täter von anderen 20-jährigen Österreichern mit Migrationshintergrund? Er ist vorbestraft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation, sprich: „ISIS“. Das wiederum erklärt eigentlich alles. Das ein Mitglied einer terroristischen Organisation auf die Idee kommen könnte, Terror zu verbreiten, sollte eigentlich jedem klar sein. Wenn Sie den ISIS Anschlag vom 2. November 2020 googeln, landen Sie übrigen nicht in Wien, sondern an der Universität von Kabul, wo sich am selben Tag Terroristen ebenfalls eine 6stündige Schießerei mit der Polizei lieferten. ISIS hat sich zu dem Anschlag bekannt, bei dem 22 Studenten getötet und 60 verletzt wurden. In Afghanistan, einem nahezu rein muslimischen Land, wurden von ISIS Terroristen junge, gebildete Menschen angegriffen, die letztendlich die Zukunft des Landes tragen. Würden Sie Ihr Kind zur Universität schicken, wenn es keine Sicherheit gibt, dass es am Ende des Tages wieder wohlbehalten nach Hause kommt?

Warum spreche ich von Kabul? Weil ISIS auch dort Menschen getötet hat, weil sie anders leben wollten, als ISIS das für gutheißt. Muslimische Menschen. Und da gibt es Leute, die auf Twitter behaupten, Muslime würden Terror Anschläge gutheißen? In welcher Welt bitte! In Afghanistan haben sich selbst die Taliban eindeutig von ISIS distanziert. Wir sitzen alle in einem Boot, was ISIS angeht. Wir haben alle Kinder, die zur Schule gehen. Mütter, die auch abends noch sicher nach Hause kommen möchten. Wir möchten uns frei bewegen, ohne über die Schulter blicken zu müssen, ob irgendwo ein Spinner mit Waffe lauert, um uns anzugreifen. „Idioten“ ist eines der Wörter, mit dem die Twitter Nutzer die Terroristen beschreiben. Da ist sich die muslimische Community einig. Wer so etwas macht, ist nicht etwa ein Märtyrer, sondern ein Mörder.

Das mag lapidar klingen, ist aber genau das, worum es bei der Verhinderung entsprechender Taten gehen muss. Niemand wird zum Täter, weil er, wie der Wiener Terrorist, Österreicher ist, oder Migrant, oder Moslem, oder jung, oder ein Mann. Er wird zum Täter, weil irgendwo etwas gewaltig schiefgelaufen ist. Das verhindern können wir nur gemeinsam. Indem wir unsere Werte vorleben und immer wieder zeigen, dass ein respektvolles Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion nicht nur möglich ist, sondern selbstverständlich. (epd/mig)

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