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Bibliothek der Universität Tübingen © Friedhelm Albrecht/Universität Tübingen

Mekka für Münzexperten

Eine der weltweit größten Sammlungen orientalischer Münzen in Tübingen

Es ist wie eine Reise in die Zeit von "1001 Nacht": In den Tresoren der Forschungsstelle für islamische Numismatik finden sich Münzen legendärer Sultane und Kalifen - aber auch Hinweise auf Herrscher, von denen die Forschung bisher nichts wusste.

Von Freitag, 02.10.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 18.10.2020, 18:08 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Ein kleiner Raum mit sechs Tresoren – auf den ersten Blick recht unspektakulär. Und doch ist hier in Tübingen in der Forschungsstelle für islamische Numismatik (Münzkunde) die mit Abstand größte islamische Münzsammlung Deutschlands zu Hause. Weltweit gehört sie sogar zu den Top drei: Fast 80.000 Münzen lagern dort. Nur die Sammlung der Eremitage in St. Petersburg und die des Nationalmuseums von Katar mit je ungefähr 100.000 Münzen sind noch größer.

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Die Münzen erzählen die Geschichte des Islam, die mit Religionsstifter Mohammed (571-632) im 7. Jahrhundert begann. Aus der Frühzeit des Islams stammt auch einer der Schätze der Tübinger Sammlung: Der Leiter der Forschungsstelle, Sebastian Hanstein, zeigt eine Silbermünze aus dem 7. Jahrhundert, geprägt im Südiran. In mittelpersischer Schrift ist auf ihr der Kalif Mu’awiya (603-680) als „Befehlshaber der Gläubigen“ genannt. Er ist der erste Kalif überhaupt, dessen Name auf einer Münze verewigt worden ist.

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Dass es die Zeit war, in der das islamische Reich erst entstand, ist auch daran zu erkennen, dass auf der Münze noch ein alter zoroastrischer Feueraltar mit Priesterwachen sowie eine Büste des sasanidischen Großkönigs abgebildet ist – obwohl das persische Großreich nicht mehr existierte, weil es bereits von den muslimischen Arabern erobert worden war.

„Die frühislamischen Herrscher haben die Münzentypen, die man in den eroberten Gebieten gewohnt war, erst allmählich den neuen Machtverhältnissen angepasst“, erklärt Hanstein und holt als weiteres Beispiel aus einer der vielen Schubladen eine arabo-byzantinische Kupfermünze aus Syrien heraus, auf der griechische Buchstaben neben arabischen prangen.

Münzen von Saladin

Selbst byzantinische Münzen mit christlichen Kreuzen wurden nach der islamischen Eroberung anfangs noch verwendet. Später prägte man dann im gesamten Umayyadenreich – also von Zentralasien über den Nahen Osten bis Spanien – einheitliches Silbergeld. Auf diesem steht nur arabische Schrift – darunter die 112. Koransure: In ihr wird in Abgrenzung zu christlichen Vorstellungen betont, dass Gott weder Vater noch Sohn ist. Auf solchen Münzen des 8. Jahrhunderts finden sich dann keine Herrschernennungen und bildlichen Darstellungen mehr.

Anders sieht das bei sogenannten Geschenkmünzen aus, die man bei einem speziellen Anlass feierlich überreicht bekam. Diese unterschieden sich von den normalen Umlaufmünzen, erklärt Hanstein und zeigt eine abbasidische Münze, auf der Hasen abgebildet sind. Über den zehnten Abbasiden-Kalifen al-Muttawakkil (822-861) ist zu lesen, dass er bei einem Fest im Winter Rosenblüten verstreuen wollte. Da es im Winter aber keine Rosen gab, ließ er hauchdünne Münzen bunt einfärben und warf diese unter seine Gäste.

Natürlich sind in der Sammlung auch Münzen so berühmter Herrscher wie Saladin zu finden, der im 12. Jahrhundert Jerusalem eroberte. In manche Münzen wurden auch Löcher geschlagen, um sie als Schmuckstücke am Hals oder der Kleidung zu tragen. „Das ist für Wissenschaftler nicht so schön, wenn gerade durch den Namen des Herrschers oder die Jahreszahl ein Loch geht“, sagt Hanstein mit einem Lächeln.

Andauernd Neues zu entdecken

Seit 30 Jahren besteht die Forschungsstelle für islamische Numismatik. Sie gehört zur Abteilung Orient- und Islamwissenschaft des Asien-Orient-Instituts der Universität Tübingen und hatte anfangs vor allem die Aufgabe, die Sammlung des Amerikaners Stephen Album aus 30.000 Münzen zu erschließen, die 1988 mit Hilfe der Volkswagenstiftung gekauft wurde.

Selbst drei Jahrzehnte später gibt es für die Wissenschaftler noch andauernd Neues zu entdecken: „Wer hier forscht, kann sogar bisher unbekannte Dynastien entdecken“, sagt Hanstein.

Unter der Buyiden-Dynastie im Iran und Irak gab es beispielsweise rund 100 Münzprägestätten, und da die Namensnennung auf den Münzen im 10./11. Jahrhundert ein zentrales Herrscherrecht war, finden sich auf den Prägungen oft mehrere Namen und Titel. Dadurch sind die politischen Verhältnisse in den einzelnen Provinzen jahrgenau rekonstruierbar: „Die Münzen sind wie kleine Staatsurkunden“. Damit die buyidischen Münzen auch im Internet zugänglich sind, werden sie in einem neuen Forschungsprojekt digitalisiert.

Das europäische Mekka islamischer Münzen

Oft ist es nicht so einfach, die Namen zu entziffern, die auf Arabisch oder Persisch auf den Münzen stehen. Kopfzerbrechen bereiten beispielsweise türkische Namen und Titel, die mit arabischen Buchstaben geschrieben wurden.

Um auch jungen Menschen die Faszination von Münzen nahezubringen, ist die Forschungsstelle an dem Projekt „Craveler + Copter“ beteiligt, in dem eine Lernspiel-App entwickelt wird. Mit ihr reist man zum Beispiel in die Zeit von al-Mutawakkil zurück und muss am Ende eines Hindernislaufs das berühmte Spiralminarett von Samarra erklimmen, wo eine passende Münze als Belohnung wartet.

Traditionell im Mai lädt die Forschungsstelle zu einer internationalen Tagung ein für Sammler und Wissenschaftler ein. Aber nicht nur dann sind regelmäßig Besucher aus aller Welt zu Gast, um in der Sammlung und der numismatischen Bibliothek zu forschen. Tübingen ist eben das europäische Mekka für Experten islamischer Münzen. (epd/mig)

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