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Ich bin mehr: Junge Geflüchtete erzählen © Homunculus Verlag, Collage: MiG

Rezension zum Wochenende

Ich bin mehr. Junge Geflüchtete erzählen

Vier Studierende der Evangelischen Hochschule Nürnberg wollen den Schicksalen von jungen Flüchtlingen Gehör verschaffen. Sie haben mit ihnen geredet, sich deren Geschichten erzählen zu lassen und diese niedergeschrieben.

Von Freitag, 02.10.2020, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 01.10.2020, 15:19 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Sieben Geschichten über die Flucht von jungen Männern aus Syrien, Somalia, Mali, Irak und Ägypten nach Deutschland zwischen 2015 und 2017, aufgezeichnet und redigiert von vier Studierenden der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, gefördert von zwei Professoren. Das Ergebnis ist eine Publikation, die aus der Vielzahl von deutschsprachigen Veröffentlichungen über die dramatischen Erlebnisse von Flüchtlingen aus Afrika und dem Vorderen Orient in mehrerer Hinsicht herausragt.

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Die einzelnen Staaten wie auch Städte und Ortschaften, aus denen die Teenager stammen, werden mit markanten Daten über die ethnische und religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung sowie die dortige politische und kulturelle Situation vorgestellt. Auf diese Weise erhalten Leser/innen einen kurzen Einblick in die meist katastrophalen Lebensumstände in den einzelnen Ländern, die die Flucht der sieben Jugendlichen ausgelöst hat.

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Die jungen Erzähler, die meist unter Pseudonym von ihrer strapaziösen, kostspieligen und oft dramatischen Geschichte berichten, haben, soweit sie aus Syrien stammen, ihren Berichten ein oder zwei Handy-Schnappschüsse beigefügt. Sie vermitteln einen leider nur sporadischen Eindruck von den oft lebensbedrohlichen Umständen, unter denen das Flucht-Abenteuer ablief.

Umso nachhaltiger sind die Leseeindrücke, die die sorgfältig und transparent redigierten Berichte vermitteln. Sie erlauben plastische Vorstellungen von den Hindernissen und Schikanen, die ihnen nicht nur Grenz- und Zollorgane, sondern auch Militär bereiteten. Auch skrupellose Schleuser, gnadenlose Taxifahrer und korrupte Bootsbesitzer zockten ihre Opfer ab.

Auffällig in den Fluchtgeschichten sind die Vorstellungen und Erwartungen der Flüchtlinge, je näher sie ihrem Fluchtziel Deutschland kommen. Sie sind in Sorge über die Aufnahme durch die Asyl-Behörden, beunruhigt über die Stimmung derjenigen, denen sie nach ihrer Ankunft begegnen und sie denken darüber nach, wie der Kontakt zu ihren zurückgebliebenen Familien hergestellt werden kann.

Vier, fünf Jahre später, als diese Berichte von Studierenden der evangelischen Hochschule aufgezeichnet werden, zeichnet sich ein durchaus positives Bild von ihrer persönlichen Situation. Sie haben ihre ersten Erfolge in der beruflichen Ausbildung in Nürnberg und Umgebung, denken darüber nach, mal in die Heimat zurückzukehren, möchten aber auch in ihrer neuen Heimat ihre berufliche Laufbahn fortsetzen. Ein vielfältiges, für die Vermittlungsagenturen sicherlich beruhigendes Bild zeichnet sich auf diese Weise ab.

Und für die Herausgeber/innen, die zwischen 2018 und 2020 diese Interviews aufgezeichnet haben? Sie haben „den Namenlosen [nicht nur] ein Gesicht“ gegeben, sie haben einen wertvollen publizistischen Beitrag zur lebensweltlichen, beruflichen und sprachlichen Integration geleistet und damit diesen sieben ehemaligen Flüchtlingen eine abgesicherte Heimstätte ermöglicht. Nun liegt es an zukünftigen Wohnungsnachbarn oder Berufskollegen, ob die jungen Männer aus afrikanischen und orientalischen Ländern frei von verdeckten rassistischen Vorurteilen leben können.

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