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Cantürk Kiran, Politikwissenschaftler, Journalist, MiGAZIN
Cantürk Kıran © privat, Zeichnung MiG

Essay

Fremde Gefühle

Beim Rassismus geht es um Verteilung – von Chancen, Positionen und Gefühlen. Spielerisch und beiläufig werden letztere auf der Ebene der Selbstverständlichkeit zugewiesen. Was, wenn wir nicht mehr mitspielen?

Von Mittwoch, 23.09.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 21.09.2020, 12:02 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Sie gehen zum Bäcker, bestellen etwas Süßes und etwas Salziges. Die Verkäuferin packt beides in dieselbe Tüte. Ein ganz selbstverständlicher Vorgang, wenn Sie so aussehen wie ich. Die blonde Frau vor und der rothaarige Mann hinter Ihnen bekommen selbstverständlich zwei getrennte Tüten. An deren Kuchen haftet kein Salz.

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Nun beschleicht Sie ein Gefühl, das Sie seit Ihrer Kindheit kennen, es zeigt Ihnen an, dass für Sie andere Maßstäbe gelten. Doch Ihre Erfahrung legt sich über Ihr Gefühl. Nicht jeder Kampf lohnt sich.

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Ein Spiel findet statt – auf der Ebene der Selbstverständlichkeit. Sie und Ihr Gegenüber spielen es beiläufig und Sie beide vertrauen darauf, dass es zu Ende gespielt wird. Neue Regeln sind anstrengend.

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Spielerische Zuweisung von Plätzen

Ein türkeistämmiger Bundestagsabgeordneter zeigt nach einer Delegationsreise mit Kolleg:innen bei der Flughafengrenzkontrolle seinen Diplomatenpass vor und wird als einziger vom Beamten gefragt: „Wo haben Sie den denn her?“ Der Abgeordnete will mit einem Witz kontern, doch sein Kollege hinter ihm interveniert.

Auch hier findet ein Spiel statt – bis zu dem Moment, als von außen jemand eingreift. Erst dann wird das Spiel sichtbar für alle Beteiligten. Bis dahin findet es verborgen statt, automatisch. Zu sehr sind die Beteiligten darin versunken – und an diese als Spiel getarnte Zuweisung von Plätzen gewöhnt.

Ein Spiel auf eigene Kosten

Während der Beamte daraus ein Gefühl des Triumphs zieht, soll der Abgeordnete dadurch abgewertet werden – eigentlich. Nur hat dieser über die Jahre einen widerständigen Humor entwickelt, dessen einziger Zweck die Entschärfung der Situation ist.

„In diesen Spielen entstehen Gefühle, ein positives auf der einen und ein negatives auf der anderen Seite. Dieses negative Gefühl kennen der Kunde und der Abgeordnete seit ihrer Kindheit. Es zeigt beiden an, dass sie anders behandelt werden.“

Der verhinderte Witz wäre der nächste Zug in diesem Spiel gewesen, das nach festen Regeln abläuft, an dessen Schluss sich der Angegriffene um den Angreifer kümmert und die explosive Situation für ihn auflöst. Meisterhaft gespielt – auf eigene Kosten.

Funktionale Verteilung von Gefühlen

In diesen Spielen entstehen Gefühle, ein positives auf der einen und ein negatives auf der anderen Seite. Dieses negative Gefühl kennen der Kunde und der Abgeordnete seit ihrer Kindheit. Es zeigt beiden an, dass sie anders behandelt werden. Beide übergehen dieses Gefühl – alles andere wäre unklug.

Indem Sie aber Ihrem Gefühl nicht trauen, haben Sie letztlich kein Vertrauen in sich selbst.

Dieses Gefühl soll lähmen. Es zu überwinden, kostet Kraft. Das Gefühl selbst kostet Kraft: Die Menschen, die sich auf der Negativseite dieser Gefühlsverteilung befinden, sind damit beschäftigt, dieses sie beschleichende negative Gefühl, in sich selbst zu vergraben – nur um den Schein für den anderen zu wahren, um diesem zu versichern, dass an sich ja alles ganz okay sei.

Dem Gefühl (miss-)trauen

Interessant ist hier die Figur des zufälligen Dritten, der interveniert oder an dem wir uns messen. Unser Gefühl alleine scheint uns nicht zu genügen, um die Situation als das zu bewerten, was sie ist: rassistisch – wo doch nur wir über die entsprechende Erfahrung, sprich: Expertise verfügen. So wenig trauen wir unserem eigenen Gefühl, so tief haben wir es vergraben, so sehr haben wir uns an dieses Spiel gewöhnt.

Und spielerisch wird es immer wieder neu hervorgerufen, dieses unnatürliche, negative Gefühl, das, ursprünglich fremd, uns erst zu Fremden machen soll. Ein Gefühl, dessen Zweck es ist, uns zu behindern.

Auch Antirassist:innen profitieren

„Beim Rassismus geht es also nicht nur um die Verteilung von Chancen, sondern auch von Gefühlen. An den Chancen hängen Positionen – die guten Positionen, die den anderen vorenthalten werden. An den Gefühlen hängt Kraft – gute Gefühle spenden und schlechte rauben Kraft.“

Beim Rassismus geht es also nicht nur um die Verteilung von Chancen, sondern auch von Gefühlen. An den Chancen hängen Positionen – die guten Positionen, die den anderen vorenthalten werden. An den Gefühlen hängt Kraft – gute Gefühle spenden und schlechte rauben Kraft.

Davon sind alle Menschen betroffen, auch diejenigen, die der privilegierten Gruppe angehören und sich als Antirassist:innen bezeichnen. Auch sie profitieren von der rassistischen Grundstruktur. Sie werden mit besseren Chancen und besseren Gefühlen versorgt. Sie müssen nicht exzellent sein, um voranzukommen.

Für die einen also das gute Leben und für die anderen das mühevolle.

Politik der Gefühle

Eine politische Argumentation, die Gefühle miteinbezieht, macht sich schnell angreifbar. Dann heißt es oft, man argumentiere moralisch und nicht politisch, man sei empfindlich – schließlich fordert man gute Chancen, gute Positionen und gute Gefühle ein.

Dabei dürfen wir die funktionale Verteilung von Gefühlen nicht vergessen und auch nicht, dass die begünstigte Seite – selbst überempfindlich – alles abwehrt und die bestehende Ordnung moralisch verteidigt.

„In antirassistischen Kämpfen, die diesen Namen verdienen, geht es also um eine Neuverteilung von Chancen, Positionen und Gefühlen.“

In antirassistischen Kämpfen, die diesen Namen verdienen, geht es also um eine Neuverteilung von Chancen, Positionen und Gefühlen.

Übel und Werkzeug zugleich

Dieses Gefühl, das uns in rassistischen Situationen beschleicht, zeigt uns etwas an, was wir nicht sofort sehen können oder wollen, was wir verdrängen, um durch den Tag zu kommen.

Es hatte den Sinn, uns zu behindern, uns zu Fremden zu machen. Und tief in uns haben wir es vergraben, dabei gehört es nicht zu uns.

Geben wir es zurück – in die Situation, in der es immer wieder neu entsteht. Lassen wir es sprechen. Steigen wir aus diesem kräftezehrenden Spiel aus.

Wir sind empfindlich? Natürlich! Ganz genauso wie alle anderen auch.

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