Katja Schmidt, DIW, Wissenschaftler, Flüchtlinge, Integration, Rassimsus
Katja Schmidt © DIW, Zeichnung MiG

Sorgen über Zuwanderung

Mehr Miteinander gestalten!

Mit dem Höhepunkt der Fluchtmigration stiegen in Deutschland auch die Sorgen über Zuwanderung. Heute sinkt der Sorgenbarometer wieder. Die Gründe sind vielfältig.

Von und Mittwoch, 09.09.2020, 5:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 08.09.2020, 16:34 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Mit dem Höhepunkt der Fluchtzuwanderung nach Deutschland 2015/16 wuchs auch der Anteil der Bevölkerung, der sich große Sorgen über Zuwanderung machte. Die Entwicklung von Sorgen der Bürgerinnen und Bürger geben nicht nur Hinweise darauf, was die Gesellschaft aktuell bewegt. Sorgen können auch zu konkretem Handeln führen, was Konsequenzen für die Gesellschaft im Allgemeinen und für Zugewanderte im Besonderen mit sich bringt.

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Die Sorgen, die sich die Menschen 2015/16 hierzulande über Zuwanderung machten, führten einerseits im Rahmen der „Willkommenskultur“ zu großem ehrenamtlichen Engagement für Geflüchtete und einer beträchtlichen Spendenbereitschaft. Andererseits äußerten sich die Sorgen in migrationsfeindlichen und rassistischen Demonstrationen, wie bei Pegida, in Angriffen auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte und in Wahlerfolgen der rechtspopulistischen AfD.

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Dabei ist wichtig zu verstehen, dass die erfolgreiche Integration von Zuwanderern unter anderem auch vom allgemeinen Meinungsklima in der aufnehmenden Gesellschaft abhängt. Erfahren Zugewanderte Ablehnung, schlimmstenfalls in Form von Gewalt, aber auch in Form sozialer Distanz oder von Diskriminierung, werden ihnen Chancen gesellschaftlicher Teilhabe erschwert.

Sorgen wieder rückläufig

Inwiefern sich das Stimmungsgefüge hinsichtlich Zuwanderung in der Bevölkerung über die Jahre verändert, untersucht eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) anhand von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Hierzu werden jährlich die Sorgen erfragt, die sich die Befragten zum Thema Zuwanderung nach Deutschland machen. Die Antwortkategorien reichen von „keine Sorgen“ über „einige Sorgen“ bis zu „große Sorgen“.

Während 2013, dem Jahr vor den steigenden Geflüchtetenzahlen, etwa jede/r vierte Befragte große Sorgen wegen der Zuwanderung nach Deutschland äußerte, war es im direkten Anschluss an den sogenannten langen Sommer der Migration im Jahr 2016 fast jede/r Zweite. Zählt man noch die Befragten hinzu, die sich zumindest einige Sorgen über Zuwanderung machten, waren dies 2016 etwa 85 Prozent der Bevölkerung. Bereits zwei Jahre später sank dieser Wert deutlich, nämlich auf 74 Prozent: 2018 machte sich demnach noch etwa jede/r Dritte große, knapp die Hälfte einige und jede/r Vierte keinerlei Sorgen über die Zuwanderung nach Deutschland.

Mediale und politische Aufmerksamkeit als Sorgentreiber

Der Rückgang der Sorgen seit 2016 mag mit der verminderten Fluchtzuwanderung aufgrund der Schließung der Balkan-Route und des EU-Türkei-Deals zu erklären sein. Er ist allerdings insofern interessant, dass die damals Zugewanderten überwiegend auch heute noch in Deutschland ansässig sind. Dies lässt vermuten, dass die Zuwanderung insgesamt und deren mediales Echo ein größerer Treiber für Sorgen in der hiesigen Bevölkerung sind, als der Anteil der Zugewanderten, der aktuell in Deutschland lebt.

Das enorme mediale Interesse rund um die Fluchtzuwanderung 2015/16 sowie der hitzig geführte und emotional aufgeladene politische und soziale Diskurs können sicherlich als Gründe für die gesteigerten Sorgen in der Gesellschaft angeführt werden. Ihr Rückgang seit 2016 lässt sich so teilweise auch mit einem Blick auf die mediale Aufmerksamkeit des Themas Zuwanderung erklären: Im Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR) 2019 wird eindrucksvoll dargestellt, dass die Sendeminuten zum Thema Zuwanderung in Fernseh-Hauptnachrichten seit 2016 kontinuierlich abgenommen haben. Mit einer rückläufigen Medienberichterstattung geht auch der Anteil der Befragten zurück, der das Thema Zuwanderung als wichtigstes Problem ansieht.

In jüngeren Jahren dominieren hingegen die Themen Klima und Corona. Obwohl für die Jahre 2019 und 2020 noch keine SOEP-Befragungsdaten vorliegen, kann vermutet werden, dass die Sorgen über Zuwanderung damit weiter leicht rückläufig sind und sich dem Niveau von vor dem sogenannten langen Sommer der Migration annähern.

Akzeptanz und EU-Einigung

Der Tatsache, dass sich 2018 immer noch drei Viertel der Bevölkerung Sorgen über die Zuwanderung nach Deutschland machen, kann auf politischer Ebene mit zwei Handlungsempfehlungen begegnet werden: Erstens sollte das deutsche Selbstverständnis dahingegen korrigiert werden, dass Deutschland seit geraumer Zeit ein Einwanderungsland ist. Ändert sich der politische und mediale Diskurs, kann dies auch zu einer steigenden Akzeptanz von Zuwanderern in der Gesellschaft führen.

Zweitens muss auf europäischer Ebene endlich eine Einigung erzielt werden, wie mit Asylbewerbern auf dem Kontinent verfahren wird. Dadurch wird (Flucht-) Zuwanderung in der Bevölkerung nicht als andauernde Krisenerscheinung wahrgenommen. Auch wenn mit diesen Schritten sicherlich nicht der rechte Rand der Gesellschaft erreicht werden kann, trägt dies doch dazu bei, die Sorgen um Zuwanderung in der hiesigen Mehrheitsgesellschaft zu verringern und damit die Integration für Zugewanderte zu erleichtern.

Mehr Kontakt mit Zugewanderten

Die Integration Zugewanderter kann auf zivilgesellschaftlicher Ebene durch den direkten Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft erleichtert werden. Kontakt bietet nicht nur die Möglichkeit zum Austausch von Informationen und Ressourcen, sondern kann auch gegenseitiges Vertrauen schaffen, so die soziologische Forschung. Somit kann verstärkter Kontakt zwischen Zugewanderten und Deutschen auch zum Abbau von Sorgen über Zuwanderung beitragen.

In der Gruppe der zuletzt Zugewanderten, den Geflüchteten, hat aber bislang nur etwas über die Hälfte regelmäßigen Kontakt zu Deutschen, unter geflüchteten Frauen ist der Anteil geringer. Die Etablierung von Berührungspunkten zwischen Zugewanderten und der ansässigen Bevölkerung wären in diesem Zusammenhang ein wichtiger politischer Schritt. Ermöglicht werden kann dies beispielsweise über Initiativen wie Patenschaften, Mentorenprogramme sowie Vereine. Dabei ist nicht nur die Zivilgesellschaft gefragt, sondern auch Unterstützung seitens des Staates, der diese Integrationsbemühungen nachhaltig gestalten sollte.

Sorgen über Zuwanderung stehen dem gelungenen Zusammenleben von Zugewanderten und der Mehrheitsgesellschaft im Weg. Für mehr Miteinander bedarf es eines differenzierten Selbstverständnisses des Einwanderungslands Deutschland, Klarheit und Einigkeit bezüglich des Themas innerhalb der EU sowie vermehrter Kontakte zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen.

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