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Der Kampf gegen die Ebola-Krankheit (Archiv) © DFID - UK Department for International Development @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Aids und Corona

„Es werden mehr Menschen sterben“

Viele HIV/Aids-Patienten in Afrika kommen in Zeiten der Corona-Pandemie nicht an ihre Medikamente. Es droht ein Anstieg von Erkrankungen und tödlichen Verläufen.

Von Donnerstag, 23.07.2020, 5:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 22.07.2020, 20:33 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Christine Awour Omondi schlägt den Vorhang zur Seite, der ihr Bett von dem kleinen Wohnbereich in der Wellblechhütte trennt. Die 39-Jährige hat die vertraute Stimme von Rose Omia gehört. „Wie geht es Dir?“, fragt die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation „German Doctors“ beim Betreten der Hütte im Slum Mathare in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Beim Blick auf zwei Frischhalteboxen auf dem Couchtisch stellt sie zufrieden fest: „Du hast Essen bekommen.“ Die Nachbarn hätten ihr etwas gebracht, bestätigt Omondi.

Seit ihr nach einem Unfall das rechte Bein am Oberschenkel amputiert werden musste, kann Omondi den Lebensunterhalt für sich und ihre drei Kinder nicht mehr verdienen. Ihr Mann ist vor elf Jahren an den Folgen von Aids gestorben, sie selbst wurde wenig später HIV-positiv getestet.

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Durch die Corona-Pandemie ist ihr Leben noch schwerer geworden. Dabei sind in Mathare nur etwa 50 Fälle bekannt. Auch die Gesamtzahl ist in Kenia mit rund 7.000 registrierten Infektionen deutlich geringer als zunächst befürchtet. Aber die Maßnahmen gegen eine Verbreitung des Virus treffen die Bevölkerung hart. Vor allem in informellen Siedlungen wie Mathare haben viele Menschen ihre Gelegenheitsjobs verloren. „Diejenigen, die ich früher um Unterstützung bitten konnte, haben jetzt selbst nichts mehr“, sagt Omondi.

Überall Behandlungen unterbrochen

Die Pandemie habe dazu geführt, dass viele der chronisch Kranken ihre Behandlung unterbrochen haben, berichtet Maureen Githuka, die das HIV/Aids-Programm der „German Doctors“ leitet. Die deutsche Organisation betreibt in Mathare eine ambulante Klinik, außerdem Programme für HIV- und Tuberkulose-Patienten. Fast 3.000 HIV/Aids-Patientinnen und Patienten werden regelmäßig behandelt.

„Viele Patienten können nicht mehr zu uns in die Klinik kommen“, bedauert Githuka. Etliche sind nach dem Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle in ihre Herkunftsdörfer gefahren und können wegen der Reisebeschränkungen nicht mehr zurück. Allein in zwei Wochen seien über hundert Personen nicht zu ihren Terminen gekommen.

Risiko für Folgeerkrankungen steigt

Werden die Medikamente nicht genommen, steigt das Risiko für Folgeerkrankungen, sagt Githuka. Das sei schon jetzt zu beobachten: „Von unseren HIV-positiven Patienten haben sich 20 neu mit Tuberkulose angesteckt.“ Dabei bekommen alle, die ihre Termine wahrnehmen, ihre Medikamente für drei Monate statt wie in vielen Fällen für einen Monat, um die Gefahr einer Corona-Ansteckung durch den selteneren Klinikbesuch so gering wie möglich zu halten.

Überall auf dem Kontinent müssten HIV/Aids-Patienten ihre Behandlung infolge der Corona-Pandemie unterbrechen, berichtet Gilles van Cutsem. Er leitet die internationale Arbeitsgruppe zu HIV/Aids von „Ärzte ohne Grenzen“. In einem Projekt in der südafrikanischen Provinz Kwa Zulu Natal sei jeder vierte Patient nicht zur Behandlung erschienen. In der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa sei ihre Klinik für schwerste Aids-Verläufe zum ersten Mal seit zehn Jahren nur zu einem Drittel belegt gewesen.

Ohne Behandlung werden mehr Menschen sterben

Warum die Patienten nicht kämen, sei häufig unklar, sagt der Arzt. „Vielleicht sind sie sogar zu Hause gestorben.“ Oder sie könnten sich das Fahrgeld nicht leisten. Oder in einer Einrichtung streike das Personal, weil Schutzkleidung gegen das Coronavirus fehle. Auch die Welt-Aids-Konferenz, die wegen der Pandemie vom 6. bis 10. Juli online tagte, beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf HIV-Positive.

Die Mitarbeiter der „German Doctors“ telefonieren ihren Patienten hinterher, wenn die zu einem Termin nicht erscheinen. „Wenn sie außerhalb von Nairobi sind, sagen wir ihnen, wo sie ihre Medikamente bekommen können.“ Aber nicht bei allen gebe es Ersatz. „Ohne Behandlung werden aber deutlich mehr Menschen sterben“, warnt Githuka.

Medikamente noch nicht knapp

Drastische Folgen hat auch der Hunger, der mit den Pandemie-Maßnahmen einhergeht, vor allem in Siedlungen wie Mathare. „Viele unserer Patienten haben mehr als zehn Prozent ihres Körpergewichts verloren“, sagt Githuka. Das schwächt ihr Immunsystem zusätzlich. Um die größte Not zu lindern, hat das Projekt sein Ernährungsprogramm deutlich aufgestockt. Immerhin seien in Mathare die Medikamente noch nicht knapp, sagt Githuka. „Wir sollten so bis zum Jahresende kommen.“

Gilles van Cutsem von „Ärzte ohne Grenzen“ befürchtet dagegen, dass es in den nächsten Monaten Probleme mit dem Nachschub geben wird. Denn der Großteil der Medikamente werde in Indien hergestellt, einige Zutaten kämen aus China. Produktionsunterbrechungen hält er für wahrscheinlich.

Christine Awour Omondi hat vorerst genug Medikamente und trotz ihrer Vorerkrankung keine Angst vor Covid-19. Das sei „eine Krankheit wie jede andere“, sagt sie. Vielleicht beruhigt sie sich auch selbst, denn viel kann sie ohnehin nicht tun. „Wenn mich jemand besucht, oder mir jemand Essen bringt, der keine Maske trägt – soll ich ihn dann wegschicken?“ (epd/mig)

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