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Gymnasium (Symbolfoto)

Rassismus vorbeugen

Bildungsarbeit an Schulen mit rechsextremen Aussteigern

Engagierte Lehrer holen Aussteiger aus der rechten Szene an die Schule und lassen sie über ihr Leben und ihre Rückkehr zu einer demokratischen Haltung berichten. Damit wollen sie Schüler vor politischem Extremismus warnen. Aber gelingt das?

Von Dienstag, 23.06.2020, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 22.06.2020, 17:00 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Um Rechtsextremismus und Rassismus vorzubeugen, erzählen frühere Staatsfeinde an Schulen aus ihrer Lebensgeschichte: von Schlägereien und vom Töten, von Wut und Hass. Ein ehemaliger Rechtsextremist meint: „Ich bin glaubwürdig besonders für Jugendliche. Ich kenne den Weg, die Motive und das, was aus einem wird.“ Er will in seinem neuen Leben „präventiv wirken, um anderen meinen Werdegang zu ersparen“. Ob das mit solchen Vorträgen gelingen kann, ist allerdings unklar. Denn wissenschaftlich Fundiertes zu den Wirkungen auf die Schüler gibt es kaum.

Das hat zwei Forscherinnen herausgefordert: Die Kriminologin Maria Walsh und die Soziologin Antje Gansewig haben im Auftrag des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention und des Landespräventionsrats Schleswig-Holstein untersucht, welchen Eindruck Vorträge von politischen Aussteigern bei Jugendlichen hinterlassen. Sie haben dabei von Schülern gehört: „Krass, bewegend, kennt man nur aus Filmen.“ Gelungen sei, „dass ich sehr gut nachvollziehen konnte, warum jemand rechts wird“, „dass uns viel erzählt wurde, wie gefährlich es sein kann“. Andere Schüler sagten: „Ich fand es beängstigend, was für Sachen er früher angestellt hat.“ Oder auch, dass der Referent „manchmal bei dem Thema Gewalt zu sehr ins Detail“ gegangen sei.

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Kein positiver Einfluss

Die Studie „Biographiebasierte Maßnahmen in der schulischen Präventions- und Bildungsarbeit“ von Gansewig und Walsh weist auf „kritische Aspekte“ hin. 80 von 490 befragten Schülern gaben an, sich teilweise „unwohl gefühlt zu haben“. Etwa die Hälfte sagte, vorher nichts über Rechtsextremismus gewusst zu haben. Fast zwei Drittel merkten an, dass der Vortrag in der Klasse inhaltlich nicht vorbereitet worden sei.

Befragte Lehrer sagten den Wissenschaftlerinnen: „Ich befürworte den Einsatz, weil nur Beteiligte authentisch von Szenen berichten können. Sollten wir Lehrkräfte darüber präventiv unterrichten, wären die Schüler nicht in dem Maße beeindruckt und abgeschreckt, wie sie es sind, wenn ein Aussteiger davon berichtet.“ Die Forscherinnen konnten jedoch in ihrer Studie keinen positiven Einfluss auf Einstellungen der Schüler belegen.

Respekt vor Aussteigern

„Wir haben großen Respekt vor Aussteigern“, sagten Gansewig und Walsh dem „Evangelischen Pressedienst“. „Aber wir wollen die Öffentlichkeit und insbesondere Lehrer für einen reflektierten Umgang mit solchen Veranstaltungen an Schulen sensibilisieren.“ Detaillierte Beschreibungen von Gewalt im Unterricht halten die Wissenschaftlerinnen für fragwürdig. Psychotherapeut Harald Weilnböck, Mitglied des europäischen „Experts on Extremism Network”, warnt sogar vor seelischen Beeinträchtigungen.

Außerdem könne ein Vortrag faszinieren und damit dem präventiven Ziel zuwiderlaufen, sagt die Soziologin Ricarda Milke. Das ahnen auch Lehrer, die Gansewig und Walsh für ihre Studie befragt haben. Einer sagt: „Ich finde den Ansatz gut, allerdings ist es für Schüler nicht ganz einfach, sich der Ausstrahlung des Referenten zu entziehen und ihm auch kritische Fragen zu stellen.“

Massiver Redebedarf

Auf Wunsch ihrer Schüler hat Michaela Prussas an ihrer Schule zwei Aussteiger-Vorträge organisiert. Prussas ist Fachleiterin für Sozialkunde am Valentin-Heider-Gymnasium in Lindau, das seit 2012 Teil des bundesweiten Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist. „Wir haben direkt nach den Vorträgen Gespräche in den Klassen geführt. Es gab massiven Redebedarf.“ Begleitend war eine Ausstellung zum Thema Rechtsextremismus zu sehen. „Wir wollten mit der Kombination von Hintergrundwissen und Biographie eine Nachvollziehbarkeit schaffen.“

Tobias Lehmeier von der Bundesarbeitsgemeinschaft „Ausstieg zum Einstieg“ unterstreicht: „Aussteiger sind vor allem Experten ihrer eigenen Biographie und nicht zwangsläufig Experten für Rechtsextremismus.“ Es müsse Fachwissen vermittelt werden und nicht nur eine persönliche Geschichte. (epd/mig)

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  1. Ute Plass sagt:

    Auf die Arbeit von Exit sollte in diesem Beitrag unbedingt Erwähnung finden: https://www.exit-deutschland.de/

  2. Michael Ankele sagt:

    Hallo Insa,
    wir kennen uns! Meine Meinung ist ihnen auch bekannt. Ich kenne die Bedenken beim Einsatz von Aussteigern aus der REX Szene seit 20 Jahren. Und immer wieder möchte ich betonen: Es ist ein Sensibilisierungsprojekt im Rahmen sachorientierter
    Demokratievermittlung. Authentische Präventionsveranstaltungen durch Teilnahme von Szeneaussteigern ist authentisch und nicht ersetzbar. Die Info über den Aussteiger sind seine persönlichen Erfahrungen. Dazu kommen aber in unserem Projekt meine Erfahrungen in der Arbeit mit über 100 registrierten Klienten. Das ist die Besonderheit meines Projektes. Nachlesbar über http://www.projekt21ii.de.
    Gruß aus Sachsen!
    Michael Ankele
    den Sozio- Hintergrund von über 100 Klienten