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Erntehelfer beim Spargelstechen © Karsten W Rohrbach @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

"Wegwerfmenschen"

Arbeitsmigranten aus Ost- und Südosteuropa in Deutschland

Sie zerlegen Schweine, misten Geflügelställe aus, ernten Gemüse, pflegen Alte, liefern Pakete aus oder putzen - Arbeitsmigranten aus Ost- und Südosteuropa. Peter Kossen kämpft für sie und findet drastische Worte: Sklaverei, Ausbeutung, Menschenhandel.

Von Dienstag, 05.05.2020, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 04.05.2020, 18:43 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Peter Kossen nennt die Dinge gern unmissverständlich beim Namen. Sklaverei, Ausbeutung, Menschenhandel – das sind Vokabeln, mit denen der katholische Pfarrer seit Jahren die Situation von Arbeitsmigranten aus Ost- und Südosteuropa im Nordwesten Deutschlands beschreibt. Der hagere 52-Jährige mit grau melierter Raspelfrisur, randloser Brille und weißem Stehkragen unter der grauen Strickjacke spricht ruhig, kaum je die Stimme erhebend. Umso mehr treffen seine Aussagen die Zuhörer und Gesprächspartner bis ins Mark: „Wenn ich so leben müsste wie die meisten dieser Menschen, würde ich mich jeden Tag besaufen.“ Oft rufen seine Anklagen Widerspruch und Zorn hervor. „Das muss man aushalten können“, sagt der Priester des Bistums Münster und lächelt sanft.

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Die Menschen, für die Kossen sich so vehement einsetzt, kommen aus Rumänien, Bulgarien oder Polen. Sie zerlegen Schweine in Schlachthöfen, misten riesige Geflügelställe aus, ernten Gemüse, pflegen alte Menschen rund um die Uhr, liefern Pakete aus oder putzen. Angestellt seien sie bei Leiharbeitsfirmen, oft mit befristeten Verträgen oder zur Probe, sagt der Gemeindepfarrer aus dem westfälischen Lengerich nahe Osnabrück. Sie leisteten massenhaft unbezahlte Überstunden, auch nachts und an Feiertagen, wohnten zu horrenden Mieten in „Schrottimmobilien“ und würden bei Krankheit oder Schwangerschaft rausgeworfen. Statt eines Mindestlohns von knapp zehn Euro verdienten sie oftmals nur 4,50 Euro pro Stunde.

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Früher hätten Einheimische viele dieser Arbeiten erledigt – und dabei richtig gutes Geld verdient, sagt Kossen, der im niedersächsischen Vechta geboren und aufgewachsen ist und später dort als leitender Theologe tätig war. „Ich habe miterlebt, wie die Region durch intensive Landwirtschaft und Fleischindustrie zu Wohlstand gekommen ist.“

Wegwerfmenschen statt Mitbürger

Heute hingegen würden ausländische Frauen und Männer „wie Maschinen angemietet, verschlissen und aussortiert, ausgebeutet, betrogen und gedemütigt – Wegwerfmenschen statt Mitbürger“. Immer wieder sagt und schreibt Kossen öffentlich solche Sätze, spricht von „mafiösen Strukturen von Ausbeutung und Menschenhandel“. Die Menschen würden in Ghettos isoliert und diskriminiert. Sprachförderung und Integration – Fehlanzeige.

Der Pfarrer greift damit nicht nur Chefs großer Unternehmen wie Tönnies, Wiesenhof, die Papenburger Meyer Werft oder Bauern frontal an, sondern auch Bürgermeister und Minister. Kossen nennt sie alle beim Namen. Für einen Mann der Kirche eher ungewöhnlich: „Genau diesen Überraschungseffekt nutze ich, um mir Gehör zu verschaffen.“ Kürzlich hat er den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) und den nordrhein-westfälischen Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) in einem offenen Brief aufgefordert, die Arbeitsmigranten in der Corona-Krise besser zu schützen.

Systematische Ausbeutung

Daniel Tranc ist Kossen dafür dankbar. „Peter ist ein Super-Mann. Er will am liebsten allen helfen, die Hilfe brauchen.“ Der Rumäne ist selbst ehemaliger Leiharbeiter und hat in der Verpackungsindustrie gearbeitet. Heute berät er für einen von Kossen gegründeten Verein seine Landsleute. „Die deutschen Firmen, an die die Arbeiter vermittelt werden, reden sich damit raus, dass sie nicht zuständig seien.“

Einen Überraschungseffekt wie Kossen haben die Gewerkschaften naturgemäß nicht zur Seite. Auch sie kritisieren die systematische Ausbeutung und bieten den Betroffenen in ihren Beratungsstellen Hilfen an. Die Landesregierung und die Arbeitgeber seien in der Pflicht, sagt Mehrdad Payandeh, Bezirksvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Niedersachsen. „Billiglohn und Sozialdumping müssen endlich konsequent bekämpft werden.“ Er ist froh, dass der streitbare Kirchenmann viel Aufmerksamkeit für das Thema erzeugt.

Finger in die Wunde

Kossen stört es wenig, dass er dafür angefeindet wird. Er findet, den Finger in die Wunde zu legen, sei genau seine Aufgabe – und erntet damit Kritik auch aus den eigenen Reihen. Auch Kollegen der von ihm seit drei Jahren geleiteten Pfarrei in Lengerich, die sein Engagement positiv sehen, bekämen das zu spüren. Manch einer gebe denen zu verstehen, er komme nicht zur Messe, „solange der Kossen da ist“. „Da frage ich mich schon manchmal, ob ich ihnen das zumuten kann.“

Dennoch hat er vor gut einem Jahr den Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ gegründet. Viele der Praktiken von Leiharbeitsfirmen seien eigentlich verboten – das Problem sei jedoch, dass niemand die Firmen verklage, sagt Kossen. „Die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter sprechen kein Deutsch, kennen sich mit dem Arbeitsrecht nicht aus oder haben Angst, den Job zu verlieren.“ Der Verein berät Betroffene. Befreundete Anwälte wollen sie bis vor Gericht begleiten – kostenlos. „Damit die Menschenrechtsverletzungen endlich aufhören.“ (epd/mig)

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