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Rohingya-Flüchtlingscamp (Archiv) © DYKT Mohigan @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Kein Vor und kein Zurück

Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch

Lernen so gut es eben geht: Für die Rohingya in Bangladesch ist die Rückkehr nach Myanmar zurzeit keine Option, weil sie weiter Verfolgung fürchten müssen. Unterricht für Jungen und Mädchen muss also trotz Hindernissen im Flüchtlingscamp stattfinden.

Von Donnerstag, 27.02.2020, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 05.03.2020, 17:41 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Welche Zahl ist größer? Akramullah lernt gerade, Zahlen in die richtige Reihenfolge zu bringen. Der Flüchtlingsjunge aus Myanmar ist zwölf und sitzt mit seinen zehnjährigen Freunden Abdullah und Ahalos in einer Klasse im Rohingya-Flüchtlingslager bei Cox’s Bazar in Bangladesch. Tausende Kinder werden hier unterrichtet – von Hilfsorganisationen und ohne offiziellen Lehrplan.

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„Bangladesch erlaubt uns nicht, den Lehrplan des Landes zu verwenden“, sagt Karen Reily, die für das UN-Kinderhilfswerk Unicef in Cox’s Bazar im Einsatz ist. Auch bangladeschische Sprachen dürfen nicht unterrichtet werden. Damit unterstreicht das Zufluchtsland, dass die Rohingya nur Gäste auf Zeit sein sollen. Lieber heute als morgen sollen sie zurück nach Myanmar.

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Keine Option

Doch das ist im Moment für die Flüchtlinge keine Option. In ihrem Heimatland werden die Angehörigen der muslimischen Minderheit nicht als Staatsbürger anerkannt und sind seit langem Übergriffen und Verfolgung ausgesetzt. Seit den 1970er Jahren flohen immer wieder Rohingya vor Gewalt in Myanmar nach Bangladesch.

Eine brutale Militäroffensive ab August 2017 trieb erneut mehr als 700.000 Menschen über die Grenze. Inzwischen sind es mehr als eine Million, der Großteil davon in der Region Cox’s Bazar. In den mehr als 30 Camps sind es fast 500.000 Kinder. Manche wurden hier geboren, viele haben die Gräuel von Verfolgung und Flucht im Kopf. Wie Akramullah, Abdullah und Ahalos.

UN: Ethnische Säuberung

Ihr Leben in Myanmar sei so schön gewesen, sie hätten viel Land gehabt, gute Häuser, erzählen die Jungen. Dann seien die Soldaten gekommen und hätten ihre Häuser niedergebrannt. Gewalt habe es gegeben, berichten die Kinder. Was ihnen und den Familien widerfahren ist, sagen sie nicht. Menschenrechtler haben von Mord, Brandschatzung, Vergewaltigung berichtet. Selbst bei den UN ist von ethnischen Säuberungen und Völkermord die Rede. Und die Gewalt halte an, hieß es in einem UN-Bericht vom Herbst.

„Wir würden so gerne zurück“, sagt Abdullah. „Das ist unser Zuhause.“ Auch ihre Eltern sagten, dass sie zurückwollten, fügen die Jungen hinzu. Aber nur, wenn sie in Myanmar sicher seien. Bis dahin werden sie in den Camps so gut wie möglich unterrichtet. Bislang nutzen die Helfer eine eigene Mischung aus verschiedenen Lehrplänen.

Hochschulverbot

Rund 90 Prozent der Kinder unter 14 könnten sie mit ihren „Lernzentren“ erreichen, erklärt Unicef-Bildungsexperte Bibek Poudyal. Danach allerdings wird es besonders schwierig: Die Jugendlichen fallen vielfach durch das Netz, und Hochschule oder Uni sind für die Flüchtlingskinder ohnehin tabu. Den jungen Leuten bieten Hilfsorganisationen zumindest eine Art Ausbildung in lebenspraktischen Dingen an: Nähen gehört ebenso dazu wie Aufbau und Betrieb von Solargeräten.

„Wenn Jugendliche nicht zu uns kommen, gehen wir auch zu ihnen nach Hause und bringen ihnen wichtige Dinge bei“, sagt Kahimur Akter von der bangladeschischen Organisation brac. Diese betreibt zusammen mit Unicef solche Ausbildungstrainings, die auch das Bundesentwicklungsministerium finanziert. Dabei müssten immer wieder Hemmnisse aus dem Weg geräumt werden, berichtet William Kpangbala Kollje von Unicef.

Vorbereitung auf Rückkehr

In die Schulbildung kommt nun allerdings etwas Bewegung. Bald dürfen die Lehrer einen offiziellen Lehrplan für „Grade“ 6 bis 9 verwenden, also etwa für Schüler ab zwölf. Und sie hegen Hoffnung, dass das künftig noch auf Stufe 10 ausgeweitet wird.

Genutzt wird jedoch nicht der bangladeschische, sondern der myanmarische Lehrplan. Das Ziel dahinter ist klar: Die Kinder sollen auf eine Rückkehr nach Myanmar vorbereitet sein. Aber auch die Flüchtlinge hätten sich das so gewünscht, sagt eine Lehrerin. Die Hoffnung auf Rückkehr haben sie nicht aufgegeben. (epd/mig)

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