Interview

Politologe: Nazi-Vergangenheit in den Familien diskutieren

Der Politologe Samuel Salzborn forscht an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und im niederländischen Groningen über Antisemitismus. Im Gespräch beleuchtet er, warum jeder sich der NS-Vergangenheit in der eigenen Familie stellen sollte.

Von Dienstag, 18.02.2020, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 16.02.2020, 13:46 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Warum halten sich judenfeindliche Einstellungen so hartnäckig in der Bevölkerung, trotz aller politischen Bildung?

Samuel Salzborn: Das hat damit zu tun, dass wir eine Tradierung von Antisemitismus in den Familien haben. Die allermeisten Deutschen haben nicht das geringste Wissen darüber, was ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern im Nationalsozialismus konkret getan haben. Einerseits identifiziert man sich positiv mit seiner Familie, andererseits ahnt man aber durch die öffentliche Auseinandersetzung, dass diese Täterinnen und Täter ja irgendwer gewesen sein muss. Aber die Fragen, was der Opa vielleicht gemacht hat, werden dennoch vermieden. Man möchte den Familienfrieden nicht antasten und übernimmt dann die antisemitische Schuldabwehr.

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In der gesamten Geschichte der deutschen Öffentlichkeit hat nie jemand ernsthaft gefordert, dass diese Fragen in den Familien diskutiert werden. Das sind Wege, die sicherlich schmerzhaft sind. Aber ich glaube, wenn wir die nicht gehen, dann werden wir die Grundlagen von Antisemitismus nicht angreifen können.

Info: Im März erscheint Samuel Salzborns Buch „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“; Verlag Hentrich&Hentrich 2020. 15 Euro.

Wie unterscheiden sich Rassismus und Antisemitismus ?

Samuel Salzborn: Historisch sind beide eng verbunden, aber es gibt Unterschiede. Der Antisemitismus ist dadurch entstanden, dass sich der christliche Antijudaismus mit völkischen Gedanken verbunden hat. Man darf nicht vergessen: Der Glaube an Rassen ist hochgradig irrational. Wissenschaftlich ist klar, dass es keine Menschenrassen gibt. Aber wenn man daran glaubt, dann hängt es davon ab, wer die Macht hat, zu definieren, wer zu einer bestimmten Rasse gehöre. Und genau das haben Antisemiten immer für sich in Anspruch genommen.

Im Unterschied zum Rassismus, der auf punktuellen Vorurteilen aufbaut, ist Antisemitismus ein umfassendes Weltbild. Das heißt, dass Antisemiten alles, was sie an der modernen Welt nicht verstehen oder ablehnen, antisemitisch deuten. Im Unterschied zu anderen Diskriminierungsformen erscheinen Juden im Antisemitismus zudem immer als schwach und mächtig zugleich.

Häufig hört man die Unterstellung, man dürfe Israel nicht kritisieren, ohne als Antisemit zu gelten. Wie lässt sich denn Judenfeindlichkeit erkennen und von legitimer Kritik abgrenzen?

Samuel Salzborn: Diese Unterstellung ist frei erfunden. Die Kriterien, die legitime Kritik von Antisemitismus unterscheiden, sind klar und leicht nachzuvollziehen. Es sind die drei D: Delegitimierung, Dämonisierung, Doppelstandards. Delegitimierung heißt, dass Israel das Existenzrecht abgesprochen wird, Dämonisierung meint beispielsweise Vergleiche von Israels Politik mit dem Nationalsozialismus, und bei Doppelstandards schaut man auf Israels Politik anders als auf die anderer Akteure. Das findet sich gerade im linken Antisemitismus immer wieder, der traditionell pro-palästinensisch ist und kaum Probleme mit dem Terrorismus der palästinensischen Bewegung hat. (epd/mig)

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  1. Manfred Burg sagt:

    Von keinem anderen Land der Welt würde erwartet werden, das man sich im Familienkreis kritsch mit den Taten der Vorfahren auseinander setzt. Wird denn in amerikanischen Familien thematisiert, welche Rolle die Vorfahren bei der Auslöschung der Indianer gespielt haben? Wird in israelischen Familien thematisiert, welche Rolle die Verwandten bei der Nakba gepielt haben? In Bezug auf Deutschland scheint es hier Doppelstandards zu geben. Nur Deutsche deshalb zu kritisieren ist somit ganz klar antideutsch.

    • Ute Plass sagt:

      Ich halte es für ganz notwendig, sich mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit auseinander zu setzten. Und da ich in Deutschland lebe, sehe ich es als meine Verantwortung an, mich auch mit dessen Geschichte und somit auch mit der eigenen Familiengeschichte
      auseinander zu setzen. Ob das in anderen Ländern auch so praktiziert wird oder nicht entbindet mich persönlich nicht von der eigenen Verantwortung. Im Übrigen dürfen Sie davon ausgehen, dass auch in den, von Ihnen, angeführten Ländern, Menschen leben, die sehr wohl
      ihre familiäre Biographie reflektieren, vergangenes wie gegenwärtiges Unrecht thematisieren und für universelle Menschenrechte eintreten.

      Bezüglich „antideutsch“ interessiert Sie vielleicht folgender Beitrag, der sich mit einer esoterisch anmutenden Gruppierung befasst, die sich selber ‚Antideutsche‘ nennen und einen mehr als fragwürdigen Philosemitismus herauskehren:
      https://le-bohemien.net/2015/04/21/antideutsche-pseudo-linke-ideologie/

  2. Ute Plass sagt:

    „In der gesamten Geschichte der deutschen Öffentlichkeit hat nie jemand ernsthaft gefordert, dass diese Fragen in den Familien diskutiert werden.“

    Eine Behauptung, die leicht zu widerlegen ist.
    Z.B. „Opa war kein Nazi“ v. Harald Welzer

    Auch der sog. 3D-Test, hinsichtlich der Feststellung von Antisemitismus, ist alles andere als ein wissenschaftliches Begriffs-Instrument, sondern legt eher den Verdacht nahe, dass es darum geht Kritik an der israelischen Besatzungspolitik zu unterbinden.

    Die Antisemitismus-Interpretationen von Samuel Salzborn bedürfen der Ergänzung und des Widerspruchs.

    https://www.heise.de/tp/features/Israelkritik-oder-Antisemitismus-3292245.html?seite=all

  3. Katerina S sagt:

    Das ist eben der antiwissenschaftliche Kern, den linke Politologen und Historiker immer wieder vertreten: Es gab angeblich eine massenhafte Mittäterschaft. Das stimmt aber statistisch-empirisch einfach nicht, denn der damalige Völkermord war ein geheim-elitäres Staatsprojekt. In Auschwitz z.B. haben weniger als 10.000 Leute gearbeitet, im Durchschnitt 4-5.000. Und auch die sogenannten Einsatzgruppen, die auf Befehl streng abgeschirmt und geheim agierten, hatten nur ca. 3.000 Mitglieder insgesamt (im Vergleich zu einigen 100.000 Mitgliedern bei der SS sowie zu den 13 Mio. Wehrmachtssoldaten). Die Vorstufe davon ist jedenfalls die bekannte These: Alle habe es gewusst.

    Es gibt also nichts in den Familien aufzuarbeiten, abgesehen von Einzelfällen. Das ist einfach antideutsches Gehabe von Salzborn, dem seit 1968 nicht Einhalt geboten wird und das auch noch in der Öffentlichkeit auf pseudo-wissenschaftliche Art Gehör findet. Schade. Aber vermutlich ist Salzborn deshalb eben nur apl. Prof. ;-)