Kenan Engin, Professor, Migration, Flucht, Berlin, Wissenschaft
Prof. Dr. Kenan Engin © privat, Zeichnung MiG

Chronologie

100 Jahre kurdische Einwanderung nach Deutschland

Die ersten Kurden migrierten bereits vor über 100 Jahren nach Deutschland. Heute leben Schätzungen zufolge 1,2 Millionen Kurdischstämmige in Deutschland. Warum und woher kamen sie?

Von Donnerstag, 23.01.2020, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 22.01.2020, 17:31 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

Bekanntlich existieren bis heute keine gesicherten Daten über die Zahl der Kurden in Deutschland, da amtlich lediglich die Staatsangehörigkeit und nicht die ethnische Zugehörigkeit erfasst wird. Deshalb basieren die Angaben zur Zahl der Kurden in Deutschland auf Vermutungen, die schwer verifizierbar sind.

Im Jahr 2000 erklärte die Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage, dass in Deutschland schätzungsweise etwa 500.000 Menschen kurdischer Abstammung leben würden. 2011 antwortete die Bundesregierung auf eine weitere Anfrage, dass schätzungsweise etwa 800.000 Menschen kurdischer Abstammung in Deutschland leben würden.

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Zwischen 2011 und 2019 kamen etwa 800.000 syrische Geflüchtete nach Deutschland, deren Asylgesuch positiv entsprochen wurde. Das BAMF dokumentiert in seinen Asylstatistiken, dass etwa 25 bis 30 Prozent der Geflüchteten aus Syrien kurdischstämmig seien. Dies würde bedeuten, dass sich die Zahl der Kurden in Deutschland von 2011 bis 2019 allein durch die kurdischen Geflüchteten aus Syrien um mindestens 200.000 erhöht hat. Die kurdischen Geflüchteten aus dem Irak, der Türkei und dem Iran, deren Zahl in dem Zeitraum nicht unter 200.000 liegen dürfte, wurden dabei nicht berücksichtigt.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte, und wenn man die von der Bundesregierung 2011 genannte Zahl von 800.000 zu den neu zugewanderten kurdischen Migranten addiert und Nachkommen der hier lebenden kurdischen Familien dabei berücksichtigt, dürfte eine Schätzung von 1,2 Millionen realistisch sein. Damit bilden die kurdischen Migranten nach den Türken die zweitstärkste Migrantengruppe in Deutschland, was bisher weder in den offiziellen Statistiken noch im Fachdiskurs berücksichtigt wurde.

Die Phasen der kurdischen Migration nach Deutschland

Dabei geht die kurdische Migration bis in das Jahr 1919 zurück. Bis heute lassen sich fünf Phasen für kurdische Migration nach Deutschland ausmachen.

Die erste Phase: 1919-1961

Die Wurzeln der ersten belegbaren kurdischen Migration nach Deutschland liegen schon in 1920er Jahren. Ihre Quantität war zwar nicht bedeutend, die politische Bedeutung war für die kurdische Community jedoch äußerst groß. Denn diese bestanden hauptsächlich aus den Mitgliedern der kurdischen Eliten bzw. Intellektuellen, die teils wegen Studium und diplomatischer Mission, teils aus politischen Gründen nach Deutschland kamen. Sie konnten durch ihre politische, diplomatische und schriftstellerische Arbeit die Kurden über Jahrzehnte maßgeblich beeinflussen.

Schon Ende des 19. Jahrhundert bis in die 1940er Jahre hinein kam es in von Kurden bewohnten Gebieten zu mehreren Aufständen, bei denen die Kurden gegen die Unterdrückung der damaligen Mächte aufstanden. Die Protagonisten der Aufstände waren meist die Mitglieder der Großfamilien oder Intellektuellen, die in diversen Großstädten wie Istanbul, Beirut, Kairo oder Damaskus schon studiert und hochrangige Ämter im Osmanischen Reich bekleidet haben. Viele dieser Persönlichkeiten kamen schon am Anfang der 20er Jahre als Pioniere der kurdischen Migration nach Deutschland. Ein ausgeprägtes Nationalbewusstsein der jungen kurdischen Migranten mündete Jahre später in die Gründung erster studentischer Vereine.

Die zweite Phase: 1961–1973

Die zweite Phase der kurdischen Migration nach Deutschland begann mit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei. Von 1961 bis zum Anwerbestopp 1973 kamen etwa 867.000 Arbeitnehmer aus der Türkei nach Deutschland. 1980 waren es 1,5 Millionen, 1998 schon 2,1 Millionen.

Weil die ersten Arbeitsmigranten aus der Türkei aus den westlichen und zentralen Landesteilen rekrutiert wurden, waren die Kurden zunächst unterrepräsentiert. Dies änderte sich im Laufe der 1970er Jahre, als der Anteil der Gastarbeiter aus dem überwiegend kurdisch bewohnten Teil der Türkei zunahm.

Wenn man die Zahl (2,1 Millionen) der Türkeistämmigen in Deutschland im Jahr 1998 mit der Zahl der Kurden in der Türkei in Relation setzt, ist davon ausgehen, dass mindestens 500.000 (ein Viertel) davon kurdischstämmig waren. Die meisten dieser Migranten betrachteten sich anfänglich jedoch in erster Linie als Türken, da viele von ihnen die offizielle Doktrin der Türkei, dass Staatsbürger grundsätzlich auch Türken seien, verinnerlicht hatten oder durch die Assimilationspolitik „vertürkt“ waren.

Die Wiederentdeckung der „kurdischen“ Identität bzw. die Betonung des „Kurdisch-Seins“ begann erst durch die Aktivitäten kurdischer Studenten und später politischer Geflüchteter in den 80er Jahren. Die nächste Generation (die sogenannte zweite Generation), bestehend aus den in Deutschland aufgewachsenen Einwandererkindern, ist tendenziell stärker an kurdischer Identität und kurdischer Politik interessiert als ihre Eltern. Viele Eltern kehrten erst unter dem Einfluss ihrer Kinder zu ihren kurdischen Wurzeln zurück.

Die dritte Phase: 1980–1990

Diese begann am Anfang der 80er Jahre und dauerte bis zum Anfang der 90er Jahre. Die Unterdrückung der Kurden im Iran durch die Regierung Khomeini, der langwierige Krieg (1980–1988) zwischen dem Irak und Iran, der Militärputsch in der Türkei 1980 sowie die „Anfal-Operation“ zur „Säuberung“ der von Kurden besiedelten Gebieten durch Giftgasangriff waren Hauptauslöser der Migration der Kurden ins Ausland, u.a. nach Deutschland.

Die vierte Phase: 1990–2000

Der Ausbruch des zweiten Golfkrieges führte zu bedeutenden kurdischen Fluchtbewegungen inner- und außerhalb des Irak, nachdem die Regierung Saddam gezielt die kurdischen Siedlungsgebiete angegriffen hatte. Infolgedessen flohen etwa eine Million Kurden überwiegend in die Türkei, aber auch in andere Länder.

Die fünfte Phase: 2011–2018

Die fünfte Phase begann mit dem „Arabischen Frühling“, dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges sowie der Entstehung der religiös motivierten fundamentalistischen Bewegungen in Syrien und im Irak, die ihren Höhepunkt 2016 erreichten.

Die Gründe der kurdischen Migration nach Deutschland

Insofern ist die kurdische Migration multidimensional. Der multikausale Charakter erschwert die adäquate Verwendung von Begriffen wie „Migration“ und „Flucht“. Bei näherer Betrachtung ist jedoch festzustellen, dass die kurdische Migration überwiegend auf die Unterdrückung und Repressalien in den jeweiligen Ländern zurückzuführen ist, während andere Gründe eine nachgeordnete Rolle spielten. Das Massaker an Kurden in Halabja, die offensive Assimilationspolitik der Türkei und die Verleugnung der kurdischen Identität, der Entzug der syrischen Staatsbürgerschaft und die Arabisierungspolitik in Syrien sowie ständige kriegerische Auseinandersetzungen in den kurdischen Gebieten waren die Hauptmotive der kurdischen Migration.

Dies bestätigen die Asylstatistiken des BAMF. Die Türkei zählte beispielsweise durchgängig von 1986 bis 2011 zu den Hauptherkunftsländern von politisches Asyl Suchenden in Deutschland. Allein zwischen 1991 und 2001 kamen etwa 197.250 Asylbewerber aus der Türkei (BAMF 2005). Es kann davon ausgegangen werden, dass deren überwiegender Teil, schätzungsweise 90 Prozent, kurdischstämmig war.

Daneben spielten auch ethno-religiöse Strukturen in Kurdistan eine Rolle. Die meisten Kurden gehören zum sunnitischen Zweig des Islams. Jedoch existieren neben den sunnitischen Muslimen in den kurdischen Siedlungsgebieten andere religiöse kurdische Minderheiten wie Jesiden, Aleviten oder die heterodoxe Gruppe Ahl-e Haqq. Diese Minderheiten waren öfter Zielscheibe von Angriffen und Opfer von Massakern.

Zudem waren die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und der in Deutschland verbotenen PKK ein anderer wichtiger Grund zur Migration. Seit dem Beginn des Krieges 1984 finden bis heute Gefechte zwischen der PKK und türkischen und iranischen Militärkräften statt. Angaben der türkischen Stiftung für Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Studien zufolge wurden zwischen 1984 und 2004 bis zu 1,2 Millionen Menschen aus den überwiegend von Kurden bewohnten Provinzen vertrieben.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen und der andauernde Ausnahmezustand führten dazu, dass die überwiegend von Kurden bewohnten Gebiete unter massiven wirtschaftlichen Problemen litten. Der Aufbau von Infrastruktur und Investitionen blieben aus. Die offizielle Arbeitslosigkeit im Jahr 2000 stieg in Diyarbakır auf 30,2 Prozent. Die Ergebnisse der KONDA-Studie verdeutlichen das soziale Gefälle zwischen den Kurden und Türken. Während im Jahr 2011 knapp 73 Prozent der Türken in das soziale Sicherungssystem eingebunden waren, waren es bei den Kurden gerade einmal 40,8 Prozent.

Repressalien und Menschenrechtsverletzungen im Irak, Iran, in der Türkei und in Syrien waren ein weiterer Migrationsgrund. Insbesondere wurde dies in der Türkei sichtbar: Die Kurden wurden in der Türkei lange als Bergtürken bezeichnet und ihre Existenz verleugnet, sodass die kurdische Sprache legal nicht genutzt und kurdische Kultur nicht gelebt werden durften. Jegliche Unternehmungen zur Pflege der kurdischen Kultur und Sprache wurden unterbunden und bestraft. Diese traumatischen Erlebnisse hatten sicherlich große Auswirkungen auf die Familien und vor allem die Kinder, die sie unter anderem nach Deutschland getragen haben.

Schließlich trugen auch Naturkatastrophen zur Migration bei. Die überwiegend von Kurden bewohnten Städte Varto, Erzincan, Pülümür, Hınıs, Lice, Bingöl, Karakocan und Van wurden zwischen 1966 und 2007 von mehreren Erdbeben heimgesucht. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben. Allein nach dem großen Erdbeben 1966 um die Städte Muş und Erzurum migrierten etwa 7.000 Kurden nach Deutschland.

Die kurdische Migration nach Deutschland fing 1919 an. 2019 jährte sich dieses Datum zum 100. Mal. Heute gehört die „unsichtbare“ Migrantengruppe der Kurden zu erfolgreichen Unternehmern, Filmemachern, Sportlern oder Ärzten. Sie machen wissenschaftliche Karrieren und sind in Parteien sowie zahlreich in Landtagen und im Bundestag vertreten.

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  1. Valentin sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof.Kenan,

    Nenn Sie doch bitte zur Illustration und besserem Verständins die Nachkommen kürdischer Einwanderer, die als erfolgreiche Unternehmer, bekannte Filmemacher, Soortler , Ärzte, Wissenschaftler aber auch las Abgeordnete in Landtag und Bundestag sich zurecht einen Namen gemacht haben.
    Ich würde mich wirklich interessieren.

    Mit freundlichen Grüßen
    warthof@gmx.de