Marie Mualem Sultan, Marie, Mualem, Sultan, SVR
Dr. Marie Mualem Sultan © Foto: Mike Bielski, Zeichnung MiG

Von Aufmerksamkeit zu Anerkennung

Migrantenorganisationen sind mehr als Wegbereiterinnen der Integration

Migrantenorganisationen leisten viel. Nach wie vor ist aber zu wenig bekannt, in welchen Feldern sie aktiv sind. Der SVR-Forschungsbereich will deshalb in einer neuen Studie einen Überblick über die Arbeit von Migrantenorganisationen in Deutschland herstellen.

Von und Donnerstag, 16.01.2020, 5:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 16.01.2020, 17:10 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Lange Zeit wurden Migrantenorganisationen in Deutschland politisch kaum beachtet. Und die wissenschaftliche Diskussion kreiste um die wenig hilfreiche Grundsatzfrage, ob sie per se integrativ wirken oder umgekehrt Abschottung fördern. Das ist heute anders: Seit Mitte der 2000er Jahre hat sich das Interesse an der Arbeit von Migrantenorganisationen massiv gesteigert und der Fokus verlagert. Jetzt richtet sich der Blick vor allem auf ihre Ressourcen und ihre Vermittlerrolle bei der Ansprache von Menschen, die selbst oder deren Eltern eingewandert sind. Entscheidend für diesen Wandel war die politische Einsicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Damit ging ein Kurswechsel zu einer aktiven Integrationspolitik einher. Zugleich verstärkten sich die in Migrantenorganisationen gesetzten Hoffnungen – zum Beispiel bei der Entwicklung politischer Konzepte für gleichberechtigte Teilhabe oder aber, verstärkt seit dem Jahr 2015, bei der Integration von Geflüchteten.

Dass das Interesse an Migrantenorganisationen gestiegen ist, ist einerseits erfreulich. Denn Migrantenorganisationen sind wichtige zivilgesellschaftliche Akteurinnen und erbringen vielfältige Leistungen in vielen Bereichen. Dass ihre Stimmen gehört und berücksichtigt werden sollten, um die Vielfalt einer Gesellschaft abzubilden, darüber besteht heute ein breiter Konsens. Andererseits werden Migrantenorganisationen auch heute oft noch nicht als selbstverständliche zivilgesellschaftliche Akteurinnen mit Expertise in verschiedenen Themenfeldern betrachtet und einbezogen. Konkret gemeint ist damit: Das Interesse an ihnen richtet sich weiterhin vor allem auf Fragen der Integration.

„Migrantenorganisationen stehen in vielen Fällen im direkten Kontakt zu den Zielgruppen von Integrationsmaßnahmen und viele von ihnen arbeiten ganz selbstverständlich darauf hin, gleichberechtigte Teilhabe in Deutschland zu verwirklichen. Problematisch wird es aber, wenn Migrantenorganisationen auf ihren Beitrag zur Integration reduziert werden.“

Das ist auf der einen Seite nachvollziehbar. Migrantenorganisationen können hierzu in der Tat häufig wichtige Impulse liefern, sie stehen in vielen Fällen im direkten Kontakt zu den Zielgruppen von Integrationsmaßnahmen und viele von ihnen arbeiten ganz selbstverständlich darauf hin, gleichberechtigte Teilhabe in Deutschland zu verwirklichen. Problematisch wird es aber, wenn Migrantenorganisationen auf ihren Beitrag zur Integration reduziert werden.

Erstens gilt: Genau wie bei allen anderen Vereinen speist sich die Daseinsberechtigung von Migrantenorganisationen auch aus ihren sonstigen kulturellen, sozialen, künstlerischen oder bildungsbezogenen Aktivitäten. Schließlich wird auch die Arbeit nicht-migrantischer Sport-, Musik-, Freizeit-, Bildungs-, Frauen- oder Jugendvereine nicht primär daran gemessen, ob sie Integration fördern.

Genauso verfolgen Migrantenorganisationen unterschiedliche Ziele. Oft sind sie zudem – genau wie alle anderen bürgerschaftlich engagierten Vereine – in verschiedenen Bereichen gleichzeitig tätig, die sich über Jahre und Generationen hinweg verändern. Manche Migrantenorganisationen wollen neben ihrem Engagement in bestimmten Feldern auch explizit die Interessen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte vertreten; andere sind völlig unpolitisch.

Daraus folgt eine zweite wichtige Einsicht: Migrantenorganisationen sind mehr als Wegbereiterinnen der Integration. Sie können je nach Tätigkeitsfeld genauso Expertinnen für Bildungsfragen, Jugendpolitik, Sozialpolitik, Wohlfahrtspflege und anderes sein. Deshalb ist eine erhöhte Aufmerksamkeit für Migrantenorganisationen ambivalent, falls sie das Bild verfestigt, Engagement für Integration sei für ihre Daseinsberechtigung zentral.

„Migrantenorganisationen sind mehr als Wegbereiterinnen der Integration. Sie können je nach Tätigkeitsfeld genauso Expertinnen für Bildungsfragen, Jugendpolitik, Sozialpolitik, Wohlfahrtspflege und anderes sein.“

Um korrektiv gegenzusteuern, ist es wichtig, die Vielfalt des Engagements von Migrantenorganisationen in der öffentlichen Debatte sichtbar zu machen und sie auch jenseits von Integrationsfragen in anderen Politikbereichen stärker als bisher mitzudenken. Dass beides noch nicht selbstverständlich ist, liegt auch daran, dass es nach wie vor viele Wissenslücken über den Facettenreichtum, die Arbeitsschwerpunkte, Potenziale und Funktionsverständnisse von Migrantenorganisationen in Deutschland gibt. Diese Wissenslücken müssen wir schließen, damit aus einer erhöhten Aufmerksamkeit in Integrationsfragen echte Anerkennung wird.

Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration führt deshalb aktuell eine bis Ende 2020 laufende Studie durch, die eine Übersicht zur Landschaft der Migrantenorganisationen in Deutschland herstellen soll. Unsere Recherche zu Migrantenorganisationen in den vier Bundesländern Bayern, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen sowie zu allen landesweit und bundesweit tätigen Dachverbänden von Migrantenorganisationen hat dabei bereits jetzt bestätigt: Migrantenorganisationen decken das gesamte Spektrum bürgerschaftlichen Engagements ab.

Die Vielfalt der Aktivitäten und Zielsetzungen wirft zugleich auch die Frage auf, wie viele Organisationen in Deutschland sich überhaupt selbst als Migrantenorganisationen verstehen und was für dieses Selbstverständnis als Migrantenorganisation eigentlich maßgeblich ist. Geht es primär darum, dass eine Organisation mehrheitlich von Menschen mit Migrationshintergrund getragen wird und/oder muss auch für das Engagement eine Migrationserfahrung zentral sein? Wenn sich beispielsweise Frauen mit Einwanderungsgeschichte zu einem Verein zusammenschließen, um sich für die Teilhabe von Migrantinnen einzusetzen, sehen sie sich dann als Migrantenorganisation, als Frauenorganisation oder sind sie ihrem Selbstverständnis nach beides?

In unserer Onlinebefragung, die seit Januar 2020 läuft, fragen wir deshalb unter anderem genau nach diesem Selbstverständnis von Migrantenorganisationen. Ein weiteres Ziel besteht darin, die Größe und Vernetzung der Landschaft darzustellen und auch herauszufinden, wie die Zusammenarbeit von Migrantenorganisationen untereinander und mit Politik, Verwaltung und anderen zivilgesellschaftlichen Einrichtungen verbessert und Förderstrukturen weiterentwickelt werden können.

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