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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, Zeichnung MiG

Nebenan

Weihnachtsmärchen

Märchen sind ein wunderbarer Aufhänger, um diese Kolumne zur Weihnachtszeit ausklingen zu lassen. Deutsche Märchen! Doch was sind eigentlich deutsche Märchen?

Von Dienstag, 17.12.2019, 5:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Samstag, 11.01.2020, 20:59 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Weihnachten naht und der Kulturkampf um die Feiertage ist längst aus den USA nach Deutschland eingewandert, um sich hier breitzumachen: Trumps These, man dürfe nicht mehr “Frohe Weihnachten!” sagen, hat ja über die deutschen Trumps der AfD auch bei germanischen Knallköppen verfangen, die “ihre Kultur” durch alles bedroht sehen, was politisch korrekt oder gar “fremd” ist. Ich möchte allerdings nicht über die Minderwertigkeitskomplexe der Deutschtümeler referieren, deren Kultur sich im weltweiten Wettstreit mit anderen Kulturen nicht mehr durchsetzen kann.

Reden wir lieber über einen deutschen Exportschlager in Sachen Kultur. Nachdem schon mein letzter Text mit einem Zitat des Märchens um die Bremer Stadtmusikanten endete, sind Märchen doch ein wunderbarer Aufhänger, um diese Kolumne zur Weihnachtszeit ausklingen zu lassen.

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Doch was sind eigentlich deutsche Märchen? Ohne die Brüder Grimm ist eine Geschichte der deutschen Märchen nicht denkbar. Ein ganz kurzer Abriss: Im Kontext der napoleonischen Kriege hatte die Weimarer Clique deutsch von der Sprache des Pöbels zu eine Kultursprache erhoben, um die Lücke zu füllen, die das Französische gerissen hatte – im Zuge des Überfalls der französchen Armee hatte diese frühere Kultursprache deutscher Landen ein wenig an Beliebtheit eingebüßt.

Neben der Arbeit am Deutschen Wörterbuch hatten die Grimms angefangen, in der Landbevölkerung Erzählungen zu sammeln, die sie der deutschen Volkskultur zurechneten, um damit einen Kanon dieser neuen, künstlich geschaffenen, deutschen Kultur zu schaffen.

Zur Ironie der deutschen Geschichte gehört, dass sie dabei häufig auf Bauernfamilien trafen, die auch heute noch so wohlklingende Namen wie “(de) Maizière” tragen. Gerade in dem Raum, in dem die Brüder Grimm unterwegs waren, hatten sich nämlich nur wenige Jahrzehnte zuvor Zehntausende Flüchtlinge angesiedelt, die aus Frankreich fliehen mussten – weil ihre Religion plötzlich nicht mehr so wirklich willkommen war. Viele deutsche Fürsten hatten diese Menschen als willkommenes Stimulans für die eigene Wirtschaft gezielt angesiedelt und beworben – in gewisser Weise eine frühe Form von Wirtschaftsflüchtlingen. Über Integrationszwang hatte man sich damals noch wenig Gedanken gemacht.

Man könnte auch sagen: Die deutschen Märchen der Brüder Grimm sind so deutsch wie Brie und Quiche Lorraine. Andererseits: Das Christentum ist ja auch so deutsch wie Falafel und Fladenbrot. Wenn man andererseits Jesus von Nazareth zum Weißen, wenn nicht gar zum “Deutschen ehrenhalber” machen kann und seine nahöstliche Lehre zur urdeutschen Religion, die nicht etwa angestammte deutsche Glaubensvorstellungen verdrängt hat, wo gibt es dann noch Grenzen für diese Heuchelei?

Immerhin etwas Gutes (weil zutiefst Deutsches) können wir den Pegidisten an Weihnachten dann aber doch noch servieren: Es mag sein, dass wir am Festtag des Saturn die Geburt eines jüdischen Bengels feiern und uns dazu gemäß altägyptischer magischer Bräuche einen Tannenbaum in die Bude stellen, bevor uns ein Türke (oder der jüdische Bengel, je nachdem wo man wohnt) Geschenke bringt. Die Würstchen, die traditionell zu den südamerikanischen Kartoffeln in Mayonnaise serviert werden, wurden immerhin nach deutschen Städten benannt. Und das kann uns niemand wegnehmen! Fröhliche Weihnachten!

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