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Museum (Archivfoto) © MiGAZIN

Restitution ist nicht alles

Afrikaner fordern neue Ära der kulturellen Kooperation mit Europa

Frankreich und Deutschland diskutieren verstärkt über den Umgang mit dem kolonialen Erbe in ethnologischen Sammlungen. Afrikanische Experten machen nun klar, dass es ihnen um weit mehr geht als die Rückgabe geraubter Kulturgüter.

Von Claudia Rometsch Donnerstag, 08.08.2019, 5:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 13.08.2019, 17:44 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Beim Anblick der Puppe mit dem liebevoll bestickten Rock steigen Cynthia Schimming Tränen in die Augen. „Diese Puppe wurde einem Kind gestohlen“, sagt die namibische Mode-Designerin. Das Spielzeug ist eines der Objekte in der Sammlung des Ethnologischen Museums Berlin, mit denen sich Schimming beschäftigt. Die Expertin für traditionelle namibische Kleidung erforscht derzeit im Rahmen eines Kooperationsprojektes historische namibische Objekte in der Sammlung des Berliner Museums. Die Arbeit mit den geraubten Kulturgütern sei für sie sehr emotional, sagt Schimming. „Es ist nicht einfach.“

So wie Schimming waren viele afrikanische Experten tief betroffen, wenn sie auf der Konferenz „Museum Collections in Motion“ im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum mit der Geschichte geraubter Kulturobjekte aus ihren Herkunftsländern konfrontiert wurden. Die koloniale Vergangenheit habe in vielen afrikanischen Ländern Traumata hinterlassen, die nie aufgearbeitet wurden, erklärt der senegalesische Wirtschaftswissenschaftler und Restitutions-Experte, Falwine Sarr. Das müsse nun angegangen werden. „Die Rückgabe symbolischer Objekte kann in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen.“

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Die Restitution afrikanischer Kulturgüter aus europäischen Museen wird seit dem vergangenen November verstärkt diskutiert, als ein von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Auftrag gegebener Bericht veröffentlicht wurde. Sarr hatte darin zusammen mit der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy die Modalitäten für die Rückgabe afrikanischer Kunstobjekte ausgelotet. Die beiden Experten forderten die Restitution aller unrechtmäßig nach Frankreich gebrachten afrikanischen Kulturgüter.

Dialog auf Augenhöhe

Auch in Deutschland hatte der Bericht Bewegung in die Debatte um die koloniale Geschichte afrikanischer Objekte in ethnologischen Sammlungen gebracht. Im Mai hatten 26 Museen aus dem deutschsprachigen Raum eine Stellungnahme zur Dekolonialisierung verabschiedet. Zudem nahm im Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste der Förderbeirat „Koloniale Kontexte“ die Aufarbeitung der Provenienzen von Objekten aus kolonialen Sammlungen auf. Dem Gremium gehört auch Savoy an. Vor zwei Jahren war die Kunsthistorikerin, die an der TU Berlin lehrt, aus Protest gegen die mangelnde Transparenz bei der Herkunft ethnologischer Ausstellungsstücke aus der Expertenkommission des Berliner Humboldt-Forums ausgetreten.

Die nach Köln angereisten afrikanischen Experten machten klar, dass die Anerkennung der afrikanischen Besitzansprüche geraubter Kulturgüter unerlässlich sei. Allerdings wollen sie weit mehr als die bloße Rückgabe von Kunstobjekten. Vielmehr fordern die Afrikaner einen Dialog auf Augenhöhe. So verlangt der ugandische Kulturexperte Nelson Abiti, bei der Diskussion um die Restitution afrikanischer Objekte, mehr auf die afrikanischen Stimmen zu diesem Thema zu hören. „Wir erwarten mehr Aufmerksamkeit für und Zusammenarbeit mit der Empfängerseite“, sagte der Ethnologe.

Beziehungen reparieren

Sarr fordert, nun ein neues Kapitel der Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa aufzuschlagen. Die Initiative Macrons habe ein „historisches Fenster“ geöffnet. Die gestohlenen afrikanischen Kulturgüter vereinten die gemeinsame afrikanisch-europäische Geschichte in sich. „Sie wurden ihrer Herkunfts-Kultur durch koloniale Gewalt entrissen, aber sie wurden an ihrem neuen Aufbewahrungsort auch willkommen geheißen und gepflegt.“ Damit seien sie Teil einer gemeinsamen Geschichte, die nun neu geschrieben werden könne.

Durch den Raub von Kunst- und Kultobjekten seien afrikanische Völker nicht nur ihrer Kreativität, sondern auch ihres kulturellen Erbes beraubt worden, sagt Sarr. Dies könne nicht allein durch die Rückgabe von Objekten oder durch finanzielle Entschädigungen ausgeglichen werden. Vielmehr müsse auch eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte geleistet werden. „Entschädigung bedeutet in diesem Fall das Angebot, die Beziehungen zu reparieren.“

Rückkehr befürchtet

Die Anerkennung der Besitzrechte werde nicht die von manchen Museumsleuten befürchtete komplette Rückkehr ethnologischer Sammlungen nach Afrika zur Folge haben, zeigte sich Sarr sicher. Es gehe nur um eine relativ geringe Zahl symbolischer Kulturgüter, die nach Afrika zurückkehren sollten. Viele afrikanische Museumsdirektoren hätten ihm sogar gesagt, dass sie den Verbleib afrikanischer Objekte in europäischen Sammlungen wünschten.

Ein Großteil der Sammlungs-Objekte könne künftig zwischen den beiden Kontinenten zirkulieren, schlägt Sarr vor. „Sie können Mediatoren neuer Beziehungen und einer neuen Ethik der Beziehungen sein.“ (epd/mig)

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