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Bibel (Symbolfoto) © MattLake @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Nach mehr als 100 Jahren

„Witbooi-Bibel“ an Namibia zurückgegeben

Nach mehr als 100 Jahren sind die Bibel und Peitsche des einstigen Nama-Führers Witbooi wieder im Besitz Namibias. Baden-Württemberg gab sie zurück - es war eine der ersten bedeutenden Restitutionen kolonialer Kulturgüter aus Afrika. Ministerin entschuldigt sich für das lange Vorenthalten.

Freitag, 01.03.2019, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 04.03.2019, 14:06 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Die in der Kolonialzeit von den Deutschen erbeutete „Witbooi-Bibel“ ist wieder in namibischen Händen. Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) überreichte am Donnerstag Bibel und Peitsche des früheren Nama-Anführers Hendrik Witbooi dem namibischen Präsidenten Hage Geingob. Bei der feierlichen Zeremonie in Gibeon im Süden Namibias waren rund 3.000 Menschen zugegen, wie das Stuttgarter Ministerium am Donnerstag mitteilte. Beide Objekte wurden seit mehr als 100 Jahren im Stuttgarter Linden-Museum aufbewahrt. Baden-Württemberg restituierte damit erstmals koloniale Kulturgüter aus Afrika.

„Es ist ein bewegender und historischer Moment, dass wir die beiden Kulturgüter von nationaler Bedeutung an die Menschen in Namibia zurückgeben“, sagte Bauer. Die Deutschen könnten die Geschichte nicht ungeschehen machen, aber sich ihrer Verantwortung stellen. „Die koloniale Vergangenheit verbindet unsere Nationen, für Namibia auf besonders schmerzhafte Weise“, erklärte die Ministerin. Gemeinsam mit Namibia wolle man die koloniale Geschichte aufarbeiten. Baden-Württemberg will mit einer „Namibia-Initiative“ gemeinsame Projekte in Archiven, Museen und Universitäten beider Länder anstoßen und hat dafür 1,25 Millionen bereitgestellt.

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Bei der Übergabe am Familiensitz der Witboois in Gibeon waren auch der Gründungspräsident der Republik, Sam Nujoma, der Parlamentspräsident Peter Katjavivi, die Premierministerin Saara Kuugongelwa-Amadhila sowie Nachfahren Hendrik Witboois anwesend. Nach Namibia mitgereist war auch die Direktorin des Linden-Museums, Inés de Castro.

Entschuldigung für lange Vorenthaltung

Die Museumschefin nannte die Rückgabe der „Witbooi-Bibel“ an Namibia eine „moralische Verpflichtung“. Seit 2013 habe es Gespräche mit Namibia über eine Rückgabe der Witbooi-Objekte gegeben, sagte sie dem epd. Bei der Aufarbeitung des kolonialen Erbes wollten Museum und Land Baden-Württemberg auch künftig darauf setzen, mögliche Rückgaben mit „dialogischen Prozessen“ zu verbinden, sagte die Ethnologin.

Am Mittwoch waren Bibel und Peitsche von Windhuk in den Süden Namibias gebracht worden, mit Stationen in Rehoboth, Kalkrand und Mariental. Überall warteten namibischen Medienberichten zufolge Hunderte von Menschen, um einen Blick auf die historischen Objekte zu werfen. Es habe sie „tief berührt“ zu sehen, welche Bedeutung diese Kulturgüter für die Menschen in Namibia hätten, erklärte Ministerin Bauer: „Und ich entschuldige mich von Herzen dafür, dass sie ihnen so lange vorenthalten wurden.“ Die junge Generation in Afrika wolle sich mit ihrer Geschichte beschäftigen und habe ein Recht auf ihre nationalen Kulturgüter.

Streit um Eigentum

Hendrik Witbooi (um 1830-1905) gilt heute in Namibia als Nationalheld. Er führte seinerzeit den Aufstand der Volksgruppe Nama gegen die deutschen Besatzer an. Die Familienbibel wurde sehr wahrscheinlich im Jahr 1893 bei einem Angriff auf den Hauptsitz Witboois von deutschen Kolonialtruppen erbeutet. Bei dem Angriff gingen die Kolonialtruppen mit größter Brutalität vor, auch viele Frauen und Kinder wurden getötet. Namibia war von 1884 bis 1915 die Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Ministerin Bauer dankte in Gibeon besonders der Familie Witbooi, die die baden-württembergische Delegation herzlich empfangen habe. Die Familie hatte der Rückgabe an die namibische Regierung zugestimmt. Die Vereinigung der Nama-Stammesältesten (NTLA) kritisiert indes die Restitution an die Regierung und beansprucht die Gegenstände für die Volksgruppe der Nama. Die Bibel soll vorerst ins Nationalarchiv, die Peitsche ins Nationalmuseum von Windhuk gebracht werden.

Die nächste Rückgabe

Unterdessen deutet sich im Deutschen Historischen Museum in Berlin die nächste Rückgabe an: das Cape Cross, eine von den Portugiesen im 15. Jahrhundert aufgestellte steinerne Säule mit Kreuz. Namibia erhob 2017 Anspruch auf die Säule, die Kaiser Wilhelm II. nach Berlin bringen ließ. Bei einem Symposium im Sommer wurde als Lösung angedacht: Rückgabe und zugleich Aufbereitung der Geschichte des Cape Cross anhand einer Kopie in Berlin. Doch das letzte Wort ist noch nicht gefallen.

„Restitution sollte nicht als Nullsummenspiel betrachtet werden, wobei entweder der eine oder der andere alles bekommt, sondern sollte zur Win-win-Geschichte werden“, sagt der Sondergesandte der Bundesregierung für deutsch-namibische Beziehungen, Ruprecht Polenz (CDU). Er nennt das Cape Cross und die gemeinsame Aufarbeitung seiner Geschichte als Beispiel. In diese Richtung würden mit Namibia Wege gesucht. Der Weg über Recht und die Eigentumsfrage führe nicht zum Ziel; oft lasse sich gar nicht genau klären, wie die Objekte in deutschen Besitz gekommen seien, erläutert der CDU-Politiker die deutsche Linie, Gespräch und Kooperationen mit den Herkunftsländern zu suchen. (epd/mig)

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