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Auschwitz, Konzentrationslager, Nationalsozialismus, Geschichte, Rassismus
Auschwitz © Juan Antonio Segal @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die NS-Zeit nacherleben

Objekttheater über Alltag im Konzentrationslager beim Festival Perspectives

Zeitzeugen als Hologramme, das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Objekttheater. Erinnerungskultur ist einem ständigen Wandel unterworfen. Emotionen dürfen sein, sie sollten aber nicht im Mittelpunkt stehen, sind sich Experten einig.

Von Marc Patzwald Freitag, 07.06.2019, 5:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 11.06.2019, 17:43 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Baracken, eine Eisenbahn und über dem Eingangstor die Worte „Arbeit macht frei“. Tausende Menschen befinden sich dort. Individuen, die einander ähneln. Sie bestehen aus Ton und Draht. Drei Künstler vom niederländischen Theater- und Performance-Kollektiv Hotel Modern bewegen und filmen sie. Denn über der Szenerie des Konzentrationslagers aus Pappmaché ist eine Leinwand, auf denen ihr Alltag aus der Nähe zu erleben ist. „Kamp“ heißt das Stück von Pauline Kalker, Arlène Hoornweg und Hermann Helle. Es ist am 9. und 10. Juni beim deutsch-französischen Festival Perspectives zu sehen.

„Kamp“ orientiert sich am KZ Auschwitz-Birkenau. „Es ist keine exakte Kopie“, sagt Pauline Kalker. Komplett ohne Worte erlebt der Zuschauer den Alltag nach. „Bei der Aufführung geht es nicht darum, den Tätern Vorwürfe zu machen“, unterstreicht sie. Das Stück hat vielmehr eine persönliche Motivation: Ihr Großvater wurde dort getötet und die Konstruktion des Modells ermöglicht ihr, ihrem Großvater symbolisch zu begegnen.

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Zeitzeugen werden weniger

Zurzeit spielen meist Zeitzeugen eine große Rolle in der Erinnerungsarbeit – doch diese werden weniger. „Das Ende dieser Erinnerungskultur wird von sehr vielen Protagonisten mit sehr großer Angst besetzt“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Steffi de Jong von der Universität zu Köln. Dabei veränderten sich Erinnerungskulturen andauernd.

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„Man versucht an dieser zeitzeugenzentrierten Erinnerungskultur festzuhalten, indem man zum Beispiel neue Formen von Zeitzeugengesprächen schafft wie bei ‚New Dimensions in Testimony‘ von der USC Shoah Foundation“, erklärt de Jong. Für dieses Projekt wurden Zeitzeugen interviewt und aufgenommen. Es geht darum, per Hologramm das Gespräch mit dieser Person nachzustellen.

App: „WDR AR 1933-1945“

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) zielt mit der App „WDR AR 1933-1945“ in eine ähnliche Richtung. Sie ermöglicht die Einbettung von gefilmten Zeitzeugen in die Umgebung des Nutzers.

Mittlerweile gibt es auch digitale Lagerrekonstruktionen. Dazu gehörten sowohl offizielle Projekte wie in der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen als auch Versuche von Laien, berichtet de Jong. Etwa als Rekonstruktionen von Auschwitz in dem Videospiel Minecraft. Ein italienischer Spieleentwickler wolle wiederum mit „Witness Auschwitz“ den User in der virtuellen Realität den Alltag von Auschwitz nacherleben lassen.

Erinnerungsarbeit nicht nur virtuell

Erinnerungsarbeit ist jedoch nicht nur virtuell. Der saarländische Landtagspräsident Stephan Toscani (CDU) ist regelmäßig mit Schülern unterwegs, um mit ihnen die Spuren jüdisches Lebens vor Ort zu entdecken und zu erfahren, was mit früheren Nachbarn und Mitschülern passierte. „Wichtig ist, dass Erinnerungsarbeit nicht erstarrt, sie nicht in einem negativen Sinne ritualisiert wird“, erklärt Toscani.

Auch wenn beispielsweise das Instagram-Projekt „Eva Stories“ als Darstellung des Lebens eines jüdischen Mädchen im Holocaust nicht unumstritten sei, sei es ein Ansatz, um die heutige Generation zu erreichen. „Ansonsten besteht die Gefahr, dass unsere Erinnerungsarbeit an den Menschen, die wir erreichen wollen, vor allem jüngere Generationen, emotional wie intellektuell vorbeigeht“, sagt Toscani.

Chancen und Risiken

Künstlerische Formen der Erinnerungsarbeit bieten dem Historiker Oliver von Wrochem zufolge sowohl Chancen als auch Risiken. Denn Bilder wirkten stärker emotional als Text, sagt der Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Emotionen gehörten zwar immer dazu, dürften aber nicht künstlich befördert werden. Dem stimmt auch de Jong zu: „Emotionen an sich leisten nicht wirklich etwas.“ Es müsse um das Verstehen der Entwicklungen gehen.

Darauf setzt auch „Kamp“ – auch wenn die ursprüngliche Motivation für das Stück persönlich war. „Ich hoffe, auch wenn das etwas klischeehaft klingt, dass es die Zuschauer dazu inspiriert, weiter gegen Rassismus und Faschismus zu kämpfen“, sagt Kalker. Und auch für Toscani ist das Lernen für die Zukunft wichtig. „Es ist Aufgabe jedes Einzelnen, sich für eine freiheitliche Gesellschaft und ihre Grundwerte einzusetzen“, sagt er. Das könne auch mit künstlerischen Mitteln geschehen. (epd/mig)

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