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Ein Wahlraum © Landtag NRW, bearb. MiG

Bundestagswahl

Mit „radikaler Freundlichkeit“ gegen Populismus

Der "Politikverdrossenheit" zum Trotz: Viele junge politische Initiativen versuchen bis kurz vor der Wahl, Wähler zu mobilisieren. Sie werben für Vielfalt und Demokratie und gegen Populismus. Ihr Rezept: Dialog und direkte Begegnung. Von Christina Denz

Von Christina Denz Dienstag, 19.09.2017, 4:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 20.09.2017, 16:20 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Ein besonderes Erlebnis hatte Shai Hoffmann gleich zu Beginn seiner Tour im „Bus der Begegnungen“. Nach einem Gespräch in Chemnitz sagte ihm sein Gegenüber: „Hätten wir uns einen Tag früher getroffen, dann hätte ich bei der Briefwahl vielleicht mein Kreuz woanders gemacht.“ Der 35-jährige Hoffmann hat den „Bus der Begegnungen“ initiiert. Dieser fährt gerade durch Deutschland und wirbt für eine offene, pluralistische Gesellschaft: Im direkten Kontakt wollen Hoffmann und sein Team Wähler, vor allem Erst- und Jungwähler, für die Bundestagswahl am 24. September mobilisieren. Sie verstehen sich als parteiunabhängig.

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„Bei dieser Wahl steht etwas auf dem Spiel“, sagt Paulina Fröhlich, die Hoffmann auf einigen Stationen im roten Doppeldeckerbus begleitet. Sie hat vor allem eine Befürchtung: „Wenn die AfD in den Bundestag einzieht, erhält sie Geld und Aufmerksamkeit, was ihr noch mehr Zulauf bescheren wird.“ Fröhlich ist 26 und das Gesicht der Initiative „Kleiner Fünf“, die sie mitgründete, um den Einzug der AfD der Bundestag zu verhindern. Nach den aktuellen Umfragen liegt die Partei zwar weit über fünf Prozent – aber „Kleiner Fünf“ engagiert sich weiter.

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Politikverdrossenheit bie Jungwählern

Sie spüre in ihren Gesprächen mit Jungwählern schon eine gewisse Politikverdrossenheit, sagt Fröhlich. „Die ist aber ganz leicht wegzubekommen.“ Empathisch sein, Fragen stellen und zuhören, das helfe oft. Um für den Disput mit Rechts-Sympathisanten gewappnet zu sein, entwickelte „Kleiner Fünf“ einen Gesprächsleitfaden. Das Grundprinzip: „Radikale Freundlichkeit“. Also cool bleiben, sich nicht provozieren lassen, konkret argumentieren und nachfragen. „Das ist nicht einfach“, sagt Fröhlich, respektvoll und sachlich zu bleiben, wenn die andere Seite polemisiere und attackiere.

Fröhlich hofft, dass am 24. September mehr junge Leute als bei früheren Bundestagswahlen an die Urnen gehen. Wahlforscher Oskar Niedermayer begrüßt das Engagement der jungen Initiativen. „Denn diesmal kommt es auf jede Stimme an“, sagt der Professor für empirische politische Soziologie an der Freien Universität Berlin. Selbst kleine prozentuale Veränderungen würden darüber entscheiden, welche Partei drittstärkste Kraft im nächsten Bundestag wird. Deshalb rechnet er auch mit einer leicht höheren Wahlbeteiligung als bei vorhergehenden Bundestagswahlen.

Schwächste Wahlbeteiligung bei 21- bis 24-Jährigen

Traditionell zeigen Jungwähler zwischen 21 und 24 Jahren bei Bundestagswahlen die schwächste Wahlbeteiligung. 2013 lag sie bei 60 Prozent, bei Erstwählern bei 64 Prozent. Die Gesamtwahlbeteiligung erreichte 72 Prozent. Niedermayer erklärt das vor allem mit der sozialen Einbindung der Altersgruppe. Während viele Erstwähler oft von Familie und festen Strukturen geprägt seien, die das Wählen vorlebten, lösten sich mit dem Auszug von zu Hause, durch Studium und Beruf, diese Strukturen auf.

Er sieht aber auch die etablierten Parteien in der Pflicht. Weil rund ein Drittel der Wähler 60 Jahre und älter sei und mit zunehmendem Alter die Wahlbeteiligung steige, richteten sie ihren Wahlkampf überwiegend an Themen aus, die Ältere interessierten.

Der politische Disput in der Demokratie

Um etwas zu bewegen, hält es Diana Kinnert deshalb für wichtig, sich in einer Volkspartei zu engagieren. Seit neun Jahren ist die 26-Jährige mit Hiphop-Outfit in der CDU. Nicht immer teile sie die Meinung von Parteifreunden, sagt sie. „Aber ich muss mich nicht jedes Mal durchsetzen.“ Manchmal zähle der Diskurs mehr als die Entscheidung. Manche ihrer Generation müssten lernen, dass der politische Disput zu einer Demokratie dazugehöre. „Die jungen Leute dürfen nicht zu bequem werden“, sagt Kinnert. Als unpolitisch schätzt sie ihre Zeitgenossen aber nicht ein. „Politikverdrossenheit halte ich für ein Märchen.“

Clemens Holtmann sucht einen Weg, Parteiarbeit mit direkter Mitbestimmung zu verbinden: Zunächst trat der 28-Jährige in die SPD ein, merkte aber bald für sich: „Irgendwie geht da nichts.“ Mit anderen gründete er selbst eine Partei. „Demokratie in Bewegung“ tritt am 24. September in acht Bundesländern an. „In meiner Generation gibt es andere Gedanken“, sagt er. Viele hätten kein Interesse an politischer Karriere, wohl aber an politischer Partizipation und Verantwortung.

Politik muss jungen Leuten mehr Vertrauen

Lisa Hofmann (31) teilt diese Einschätzung: „Wir Jungen sind viel demütiger als andere Generationen“, sagt sie. Mit ihrem Kollegen Fabian Guzzo initiierte sie „Köln spricht“, Veranstaltungen in Kölner Parks, bei denen alle politische Meinungen zu Wort kommen – auch die der AfD. „Uns geht es um ein Lebensgefühl, um die Erfahrung, selbst etwas verändern zu können“, sagt Hofmann.

Ihre 21-jährige Mitstreiterin Yalda Wardas ärgert, dass die ältere Generation in der Politik den Jungen kaum Platz mache. Dabei hätten viele von ihnen gute Ideen: „Aber dafür muss die Politik uns jungen Leuten auch mehr Vertrauen entgegenbringen.“ (epd/mig)

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