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Populismus © MiG

Stereotype, Vorurteile, Ängste

Gesellschaftliche Spaltung im Sog des Populismus

Die Religionsmonitor-Studie der Bertelsmann-Stiftung hat viele Menschen überrascht. Daran erkennt man, dass sich die Islam-Debatte von vernünftigen Maßstäben zu entfernen droht. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Untergrabung der Wissenschaft. Von Prof. Dirk Halm

Von Donnerstag, 14.09.2017, 4:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 17.09.2017, 18:05 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Kernbotschaft des politischen Populismus ist, egal ob von rechts oder von links, dass gesellschaftliche Eliten sich zunehmend von der Bevölkerung abkoppeln. Dieser Vorwurf trifft traditionell Politik, Wirtschaft und Medien (die „Lügenpresse“), nun aber in zunehmendem Maße auch die Wissenschaft, zumal wenn sie auf allgemein bedeutenden Feldern unterwegs sind.

Integration und Einwanderung sind solche Themen; im Gegensatz zur Teilchenphysik oder Altertumswissenschaft konkurriert die Migrationsforschung hier mit mannigfachem Alltagswissen, aus dem sich zum Teil sehr kontroverse Debatten ableiten. Angebot von Wissenschaft ist es, solchen Debatten eine konstruktive Richtung zu geben, indem sie die Voraussetzungen von Argumenten transparent macht (was z.B. ist Integration und welche unterschiedlichen Vorstellungen gibt es diesbezüglich?), auf dieser Grundlage nachvollziehbare und nachprüfbare Erkenntnisse gewinnt und damit auch gesellschaftlichen Konsens fördert, weil politische Auseinandersetzungen dann nicht nur auf Wahrnehmungen oder auch Ängsten gründen.

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Wenn diese Aufgabe in Zweifel gezogen, weil im Sog des Populismus Subjektivität und Alltagsempfinden gegen die Arbeit von Wissenschaftlern in Stellung gebracht werden, so ist dies eine Besorgnis erregende Entwicklung. Die Folgen werden am Umgang mit Studien zu den Muslimen in Deutschland sichtbar, die regelmäßig nicht ohne aufgeregte Zurückweisungen zumeist pauschaler Art auskommen, oft unter Vermeidung einer Argumentation im Detail – jüngst so geschehen mit dem Religionsmonitor der der Bertelsmann-Stiftung zur Sozialintegration von Muslimen in Europa, aber in jüngerer Zeit auch mit anderen Arbeiten, ob zu fundamentalistischen Orientierungen oder zu Einstellungen und Wertewandel.

Das Muster ist dabei immer ähnlich: Fragestellungen, die aus Sicht der Kritiker zu kontraintuitiven Befunden führen, werden als illegitim abqualifiziert, methodisch nachvollziehbare Ergebnisse angezweifelt und die Leitung durch politische Interessen unterstellt.

Im Falle der Religionsmonitor-Studie war der vermeintlich kontraintuitive Befund, dass Sozialintegrationsprozesse (also die Umsetzung von Bildung in Teilhabe und aufnahmegesellschaftliche Kontakte) in der Gruppe der Muslime in Europa im Wesentlichen nicht anders verlaufen als in der nichtmuslimischen Bevölkerung, trotz verbleibender Hürden, die in der Stärke der Religiosität und in den Rahmenbedingungen in den Ländern liegen und von denen am ehesten Frauen betroffen sind.

Dass ein solcher Befund viele zu überraschen scheint, ist erschreckend und deutet an, dass sich die Debatte über den Islam in Deutschland von vernünftigen Maßstäben zu entfernen droht. Im Ergebnis wird Wissenschaft dann schlechtestenfalls so untergraben, dass Stereotypen, Vorurteile und Ängste allein die gesellschaftliche Debatte bestimmen und politisch instrumentalisiert werden.

Egal, ob man konkreten wissenschaftlichen Bewertungen folgt, die Muslime als in bestimmtem Ausmaß integriert, fundamentalistisch, fremd oder assimiliert qualifizieren: So lang die Grundlagen solcher Interpretationen transparent sind kann, kann man sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit zumindest annähern. Wird dieser – zugegeben mühevolle – Prozess zugunsten einfacher Wahrheiten und Wissenschaftsfeindlichkeit diskreditiert, so ist dies der eigentliche Beitrag zu gesellschaftlicher Spaltung.

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