Auschwitz, Konzentrationslage, KZ, Antisemitismus, Geschichte, Nationalsozialismus

"Naiv"

Gedenkstättenleiter warnt vor Zwangsführungen für Flüchtlinge

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung und der Präsident des Zentralrats der Juden hatten sich dafür ausgesprochen, mit Flüchtlingen jüdische Gedenkstätten zu besuchen. KZ-Gedenkstätten-Leiter Jens-Christian Wagner, findet die Idee "naiv".

Von Martina Schwager Dienstag, 25.04.2017, 4:21 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 26.04.2017, 9:34 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, Jens-Christian Wagner, hat davor gewarnt, Flüchtlinge zu Besuchen in NS-Gedenkstätten zu verpflichten. Er und seine Kollegen seien generell gegen „Zwangsführungen“, sagte der Historiker am Montag im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er halte deshalb auch nichts davon, solche Besuche in den verpflichtenden Lehrplan von Integrationskursen aufzunehmen. Freiwilligkeit sei eine Grundvoraussetzung für politische Bildung.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz (SPD), und der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatten sich in Interviews dafür ausgesprochen, mit Flüchtlingen NS-Gedenkstätten zu besuchen. Schuster hatte gefordert, gezielter gegen Antisemitismus von muslimischen Flüchtlingen vorzugehen. Özoğuz gab an, es gebe mit solchen Besuchen im Rahmen von Integrationskursen bereits erste positive Erfahrungen. „Die Herausforderung ist, Menschen deutsche Geschichte zu vermitteln, die wenig über den Holocaust wissen und von denen viele aus Ländern kommen, in denen Konflikte mit Israel zu pauschalen negativen Ansichten über Juden geführt haben“, sagte Özoğuz.

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Die Idee, Gedenkstättenkurzbesuche als „demokratische Schutzimpfung“ zu sehen, sei naiv, sagte hingegen Wagner, der auch Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ist. „Jemand mit gefestigtem antisemitischem oder rassistischem Gedankengut kommt nicht nach zwei Stunden Bergen-Belsen als geläuterter Demokrat wieder heraus.“ Deshalb werde es auch jedem Mitglied einer Gruppe oder Schulklasse, die sich zu Führungen angemeldet hätten, freigestellt, draußen zu warten. Tatsächlich passiere es immer wieder einmal, dass jemand äußere, er habe „keine Lust“.

Wagner für Geschichte in Integrationskursen

Wagner betonte, er würde es allerdings begrüßen, wenn Nationalsozialismus und Holocaust in Integrationskursen umfassend behandelt werden. Dabei sollten auch die jeweiligen Fluchtgeschichten der Teilnehmer berücksichtigt werden, sagte der Historiker: „Im Rahmen eines langfristig angelegten Projektes kann ein Gedenkstättenbesuch dann sogar sehr sinnvoll sein – vorausgesetzt er ist freiwillig.“ Solche gut vor- und nachbereiteten Besuche gebe es bereits vereinzelt.

Darüber hinaus warnte der Gedenkstättenleiter davor, unter Hinweis auf einen mutmaßlichen Antisemitismus unter Migranten vom deutschen Antisemitismus abzulenken. „Es ist wohlfeil, immer auf die angeblich bösen Migranten zu zeigen. Hier sollte man differenzieren, um nicht von der falschen Seite, etwa von der AfD, Beifall zu erhalten.“ (epd/mig)

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