Neuer UN-Generalsekretär

Syrien wird ganz oben auf der Agenda stehen

Inmitten der schlimmsten Vertriebenenkrise seit dem Zweiten Weltkrieg wird der frühere Flüchtlingskommissar neuer UN-Generalsekretär. Auf den Portugiesen Guterres wartet ein schweres Erbe.

Von Jan Dirk Herbermann Dienstag, 13.12.2016, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 14.12.2016, 21:51 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Auf diese Position hat António Guterres lange hingearbeitet, zuerst im Stillen, dann mit offenem Visier: Generalsekretär der Vereinten Nationen. Anfang Januar wird der frühere portugiesische Premierminister und ehemalige UN-Hochkommissar für Flüchtlinge den Topjob bei der Weltorganisation übernehmen. Am Montag sollte Guterres in New York seinen Amtseid ablegen.

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Mit der Wahl des 67-Jährigen setzen die Mitglieder der Vereinten Nationen klare Zeichen: Sie vertrauen den wichtigsten UN-Posten einem erfahrenen Politprofi an. Sie wollen inmitten der schlimmsten Vertriebenenkrise seit dem Zweiten Weltkrieg einen Fachmann für die komplexen Flüchtlingsfragen an der UN-Spitze sehen. Und sie demonstrieren seltene Einigkeit. Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin nannte die Nominierung von Guterres „historisch“, und Samantha Power, die amerikanische Botschafterin bei den UN unterstrich, dass die Großmächte uneingeschränkt „hinter der Wahl“ stünden.

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Vereinten Nationen versagen

Guterres, ehemaliger Präsident der Sozialistischen Internationale, wird den Südkoreaner Ban Ki Moon ablösen. Seine Amtszeit beträgt fünf Jahre, mit der Option auf eine Wiederwahl. Guterres wird ein schweres Erbe antreten. Die Vereinten Nationen konnten in den vergangenen Jahren ihrer wichtigsten Aufgabe, Stabilität und Frieden in die Welt zu bringen, nicht gerecht werden. Terroristen verüben wie am Wochenende in Istanbul und Kairo schreckliche Massaker. Blutige Konflikte erschüttern ganze Regionen und machen immer mehr Menschen zu Opfern. Die Hilflosigkeit der UN manifestiert sich vor allem in Syrien – ein Krieg, der trotz jahrelanger Friedensbemühungen der Weltorganisation Hunderttausende Todesopfer fordert.

Syrien wird ganz oben auf der Agenda des neuen UN-Generalsekretärs stehen. Über eigentliche politische Macht wird aber auch der Generalsekretär Guterres nicht verfügen, er kann aber durch Appelle die Politiker und die Weltöffentlichkeit aufrütteln. Der praktizierende Katholik scheint für diese Aufgabe allerdings gut geeignet zu sein: Der studierte Elektrotechniker gilt als hervorragender Redner, der die UN-Sprachen Englisch, Französisch und Spanisch fließend beherrscht. Und er hat sich als geschickter Stratege bewährt, der seine Ziele beharrlich verfolgt. „Guterres ist eine sehr gute Wahl, er kennt sich in den Vereinten Nationen bestens aus und ist mit den Toppolitikern der Welt vernetzt“, kommentierte ein hoher UN-Funktionär die Wahl.

„Reiche Länder dürfen sich nicht verstecken“

Guterres muss sich vor allen mit den Schwergewichten USA, China und Russland arrangieren. Der gewählte UN-Generalsekretär machte bereits seine Aufwartung in Washington, Moskau und Peking. Die Präsidenten Barack Obama (USA), Wladimir Putin (Russland) und Xi Jinping (China) sicherten dem nächsten Chef des UN-Sekretariats ihre Unterstützung zu. Allerdings fand der designierte US-Präsident Donald Trump noch keine Zeit für den designierten UN-Chef. „Wir rechnen demnächst mit einem persönlichen Treffen oder einem Telefongespräch“, sagte eine UN-Sprecherin dem Evangelischen Pressedienst.

Guterres war von 1995 bis 2002 Premierminister Portugals. Von 2005 bis 2015 bekleidete er das Amt des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge in Genf. In seiner Amtszeit als Chef des Flüchtlingshilfswerks UNHCR stieg die Zahl der Menschen auf der Flucht kontinuierlich an, Ende 2015 waren es mehr als 65 Millionen Männer, Frauen und Kinder.

Guterres verstand seinen Job als Hochkommissar auch politisch: Er warnte beharrlich vor einer Verschärfung der Vertriebenenkrise. Und er forderte die Regierungen der wohlhabenden Staaten auf, mehr Geld für die humanitäre Hilfe zu geben. „Die reichen Länder dürfen sich nicht aus falscher Sorge um ihre Sicherheit verstecken“, warnte Guterres bereits kurz nach seiner Nominierung als UN-Hochkommissar. Als UN-Generalsekretär wird er ab 2017 seine Appelle mit noch mehr Autorität wiederholen können. (epd/mig)

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