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Gelichter

Nationalismus als Event

Menschen, die in Ihrem Leben nichts auf die Beine gestellt haben, wird es wohl immer geben. Und wer nichts anderes hat, auf das er stolz sein kann, hat immer noch die Nationalmannschaft. Von Sven Bensmann

Von Sven Bensmann Dienstag, 14.06.2016, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 14.06.2016, 18:42 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Wer sich noch immer fragt, woher eigentlich all diese Ritter von jämmerlicher Gestalt kommen, die da gegen die Windmühlen des Multikulti anrennen und der AfD zu ihren hohen Umfragewerten verhelfen, der muss dieser Tage nur mal auf die Straße schauen.

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Nunja, es sei denn, er kommt aus Bad Segeberg: Zur dort angemeldeten Demo gegen „Asylmissbrauch“ am vorvergangenen Samstag kamen nämlich nur Polizisten und Gegendemonstranten. Weil eine Demonstration qua Gesetz eine Versammlumng mehrerer (genauer: mindestens dreier) Personen ist und Gegendemonstranten dabei dummerweise aber nicht mitgezählt werden, musste der einzig erschienene Demonstrant, der Veranstalter höchstselbst, die Demo nämlich schweren Herzens absagen. Nichts wars mit einem Marsch der Selbstgerechten gewesen.

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Was man dieser Tage aber fast überall sieht, ist dieser halbgare Event-Nationalismus der Massen von sonst fast schon normal erscheinenden Gestalten, die dieser Tage weitgehend unwidersprochen die fragwürdige Hypothese „Deutschland = DFB, DFB = Deutschland“ in den Raum gröhlen und dabei jede chauvinistische Beißhemmung verlieren.

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So ist es inzwischen ja in verschiedenen Milieus üblich geworden, das eigene Automobil üppig wie dereinst des Führers Mercedes beim Karnevalszug zu Köln anno Neunzehndreiunddreißig mit Fahnen zu verzieren. Andere haben Türen und Fenster derart beflaggt, dass man auch gerade nach Nordkorea hineingestolpert sein könnte. Und über allem thront Kim Jon Jogi.

Was vielen dieser Tage noch als, wenn auch arg suspekte, fußballerische Folklore durchgehen soll, die vor allem demjenigen Bürger unzugänglich ist, der sein Mutterland nicht durch einen mafiösen Scheißverein vertreten sehen will oder mit Fußball generell nicht viel anfangen kann, wirkt spätestens dann zwei Wochen nach Turnierende bloß noch wie eine billige Entschuldigung, den eigenen chauvinistischen Nationalismus auf der Straße Gassi zu führen. Dann noch soll es wohl einfach überflüssige Aufmerksamkeit unter all denjenigen Eventnationalisten vermeiden, die im wirklichen Leben dann doch jene zuvor angesprochene Beißhemmung wiederentdecken, die sie davor bewahrt, gegen Lügenpresse und Asylantenflut, für Blut und Boden auf den die Straße zu gehen oder eben nicht so ganz viel Sympathie für Schwarzweißrot aufbringen lässt, wie für affige Wimpeln. Die Nazis feiern jedenfalls seit jeher das Fußballstadion als Verknüpfungspunkt in die breite Gesellschaft, ein innerer Reichsparteitag den Nazis, dass Fußballfans neuerdings ihren Nationalismus als angeblich unverkrampft aus dem Stadion heraustragen.

Sicher nicht denkbar wäre jedenfalls ein Björn, pardon, Bernd – oder doch Björn? – Höcke, der in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow trotz Alkoholverbot mit Fahne auftaucht, noch vor 2006 gewesen. Ebensowenig die Pegida, die von fern sicher nicht ganz zufällig wie eine Fanmeute beim öffentlichen Fernsehen wirkt: „Die Selbstermächtigung des Rassisten in seinem Rassismus in der Affirmation durch den Anderen“ könnte man das nennen, wenn man clever erscheinen will. Die Zielgruppe kennt das als simpler „Affen machen alles nach“ – womit wir auch wieder im Stadion wären: Rein akustisch ähnelt der Inhalt der Stadien doch stark einer Affenmeute im Dschungel. Nur das Affen nicht so bescheuert sind, sich gegenseitig grundlos zusammenzuschlagen.

Was aber soll man machen?

Menschen, die in Ihrem Leben nichts auf die Beine gestellt haben, wird es wohl immer geben. Und wer nichts anderes hat, auf das er stolz sein kann, wird immer die finden, die ihm erklären, er könne doch stolz sein auf sein Land. Wer nämlich nichts hat, der hat immer noch eines: Ein Land, in dem er geboren wurde. Und dann kann man seins ja immer noch für besser halten als das der anderen. Dazu braucht es schließlich nicht mehr, als selbst darin geboren zu sein. Irgendwas wird sich dann schon finden, was diesen Glauben stützt. Und sei es nur, dass dort Menschen gelebt haben und leben, die mehr auf die Beine gestellt haben, als man selbst.

Die Antwort auf die obige Frage sind übrigens die drei Bs: Bildung, Bildung und Bildung. Sämtliche Untersuchungen zum Thema bestätigen eine allgemeine statistische Tendenz: Je dümmer, desto rechts. Wer komplexe Probleme nicht versteht, braucht nunmal einfache Lösungen.

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