Unternehmer, Migranten, Afro, Hair Salon
Migrantisches Unternehmertum in Deutschland Afro Hair Salons zwischen Ausgrenzung und Inkorporation © transcript Verlag

Rezension zum Wochenende

Afro Hair Salons zwischen Ausgrenzung und Inkorporation

Wie ist migrantisches Unternehmertum in gesellschaftliche Strukturen in Deutschland eingebunden? Caroline Schmitt verdeutlicht anhand von Afro Hair Salons die Position der Unternehmer zwischen sozialer Ausgrenzung und gesellschaftlicher Inkorporation.

Von Freitag, 19.02.2016, 8:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 22.02.2016, 11:28 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Caroline Schmitts in Mainz entstandene Dissertation leistet Pionierarbeit im Bereich des bisher noch wenig untersuchten Gebiets des Migrantischen Unternehmertums in Deutschland. Längst ist bekannt, das Unternehmensgründungen von Migranten zahlreichen strukturellen und institutionellen Herausforderungen und Schwierigkeiten ausgesetzt sind, die genaue Identifizierung ausgrenzender Gesellschaftsstrukturen und damit einhergehend ein Abbau dieser zu ihrer nachhaltigen Veränderung wurde bisher nicht eindeutig geleistet.

An diesem Punkt setzt Dr. Schmitt an. Im Zentrum ihrer Dissertation „Migrantisches Unternehmertum in Deutschland. Afro Hair Salons zwischen Ausgrenzung und Inkorporation“ stehen neben einem Abriss der Entstehung der ethnischen Ökonomien in Deutschland, der Herausstellung auf migrantische Unternehmen zutreffender Charakteristika, auch theoretische Erklärungsmodelle und Zahlen und Trends zu migrantischem Unternehmertum. Beispielhaft werden Herausforderungen, Gründungsmodelle und Ansatzpunkte ihrer Methodologie am Beispiel der Afro Hair Salon-Gründungen in Deutschland vorgenommen.

Vor diesem Hintergrund widmet sich Schmitt auch dem Kernproblem der sozialen Ausgrenzung und der gesellschaftlichen Inkorporation als Möglichkeit von Akteuren, in diesem Fall migrantischen Unternehmern, während und nach der Gründungsphase in gesellschaftlichen Strukturen und Systemen handlungsfähig zu sein und innerhalb dieser Strukturen nicht nur Anerkennung zu finden, sondern sich und ihre Gründungsideen zu verwirklichen.

In ihrer ethnografischen Erhebungsphase, in der sie als Erhebungsverfahren die Teilnehmende Beobachtung, Informelle Gespräche und Qualitative Interviews nutzt, widmet sich Schmitt einer Vielzahl von Afro Hair Salons in Deutschland und befragt sie hinsichtlich ihren Gründungsmotiven, Unternehmenskonzepten, Lebenswegen und strukturellen Herausforderungen in der Gründungsphase. Dabei wirft sie auch einen multiperspektivischen Blick auf den Zwiespalt von Unternehmen im Bereich des Afrohairbusiness, die sich meist zwischen sozialer Ausgrenzung und gesellschaftlicher Inkorporation befinden und beleuchtet die institutionell-rechtliche Perspektive in Deutschland in Hinblick auf ihre Rolle zwischen Marginalisierung und Inkorporation der Betroffenen.

„In Deutschland gehen die ersten migrantischen Unternehmensgründungen auf sogenannte Gastarbeiter zurück, von welchen einige seit den 1970er Jahren den Weg in die Selbstständigkeit einschlugen.“ (Schmitt: S. 11). Seit den 80er Jahren zeigt sich nicht nur ein Anstieg des migrantischen Unternehmertums, sondern auch eine Ausdifferenzierung der Branchen, in denen die Gründungen erfolgen. Migrantische Unternehmen zeichnen sich dabei unter anderem dadurch aus, dass sie meist Kleinstbetriebe sind, oft in Märkten mit geringen Eintrittsbarrieren und dadurch hoher Konkurrenz gründen und in städtischen Gebieten präsent sind. Ihre Gründungsmotive sind oft schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt (hierbei geht sie auch auf die Schwierigkeit der Anerkennung ausländischer Qualifikationen ein) und der Wunsch, bei gleichzeitiger Bedienung von Geschäftslücken, eigene Ideen zu verwirklichen. Auf Grund von Diskriminierungserfahrungen in Banken und staatlichen Institutionen, verlassen sich die Mehrheit der Migrantischen Unternehmer auf informelle Unterstützungsdienste in Form von Familien, Freunden und Bekannten.

Speziell bei Afro Hair Salons beleuchtet Schmitt die durch medial vermittelte Wirklichkeit von und Einstellungen gegenüber migrantischen Unternehmen verhinderte gesellschaftliche Anerkennung. Dabei geht sie von der Annahme aus, dass „medial vermittelte Bilder als eigenständige Akteure Wirklichkeit von und Einstellungen gegenüber migrantischen Unternehmen erzeugen.“ (Schmitt: S.102)

Auf der Ebene pädagogischer Konzepte und Ansatzpunkte macht die Dissertation die Identifizierung der Bedarfe migrantischer Unternehmen, eine nachhaltige Änderung ausgrenzender Gesellschaftsstrukturen und die Schaffung von Zugängen für betroffene Unternehmer zu finanziellen, netzwerkbezogenen Ressourcen deutlich.

Die große Stärke des Buches liegt darin, dass es einige Annahmen und Erkenntnisse erstmals in dieser Form wissenschaftlich fundiert und konkrete Handlungsansätze für soziale Arbeit liefert. Die Arbeit überzeugt auch durch eine eingehende Begriffsklärung, einen historischen Abriss Migrantischen Unternehmertums in Deutschland, Zahlen und Trends und klar ausdifferenzierte Ansatzpunkte und Ziele der Studie. Ferner ist der Aufbau des Methodologie-Teils, die eingehende Beschreibung des Methodischen Vorgehens und dem praktischen Fokus auf das Afrohairbusiness exemplarisch.

Insgesamt liefert Schmitt eine wichtige Analyse, anhand deren Multiplikatoren Bedarfe der Unternehmer eindeutig identifizieren und soziale Konzepte zur erfolgreichen Bewältigung der Herausforderungen entwickeln können. Die vorliegende Arbeit kann hierzu nicht nur eine Orientierung sein, sondern auch als Standardwerk gelten.

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