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Bühnenbilder. Poetry Slam Texte

Buchtipp zum Wochenende

Bühnenbilder. Poetry Slam Texte

Artem Zolotarov wurde 1989 in Donezk, Ukraine, geboren. 1998 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland um. Derzeit studiert er Europäische Literatur und Germanistik und tritt seit 2014 bei Poetry Slams auf. 2015 wurde er Rheinland-Pfälzischer Poetry Slam Meister. "Bühnenbilder" ist seine vierte Veröffentlichung. MiGAZIN veröffentlicht den Text "Sprengstoff" aus dem Buch:

Von Artem Zolotarov Freitag, 22.01.2016, 8:19 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 24.01.2016, 18:51 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Sprengstoff

Er ist deutsch, er lebt in Deutschland und er wurde hier geborn.
Seine Eltern brachten Farbe nach der braunen Uniform.
Er spricht deutsch und seine Träume sind so deutsch wie das Wort Traum.
Und was seine Eltern sprechen, unter sich, versteht er kaum.
Doch sein Vater spricht Gebete, jeden Tag kniet er sich hin.
Er lebt einen fernen Glauben, dieser gibt ihm Lebenssinn.
Und er sagt, dass dieser Glaube Liebe, Frieden propagiert.
Du darfst keine Fliege töten, ganz egal, was auch passiert.
Ramadan, die Zeit des Fastens; man entbehrt, um zu verstehn,
dass das Leben nicht für alle einfach ist. Um zu bestehn,
muss man auch den Armen helfen, Schwache stützen, Gäste schätzen.
Jeder Reichtum ist vergänglich – nichts kann Menschlichkeit ersetzen.
Und so sieht er viele Männer lange, schwarze Bärte tragen.
Sie sind freundlich und sie scherzen, antworten auf seine Fragen.
Bis ihr Lachen ganz verschwindet, als die beiden Türme stürzen.
Terror, Angst und Propaganda Menschlichkeit und Freundschaft kürzen.

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Und in Deutschland hat er jetzt kein Gesicht, nur schwarze Haare.
Seine Stimme riecht nach Sprengstoff, ohne nur ein Wort zu sagen.
Er steht unter Tatverdacht, weil er einen Glauben hat,
der missbraucht und pervertiert wird bei jedem Attentat.

Diese Blicke auf der Straße, als ob er ein Affe wäre.
Sie begaffen und beschimpfen ihn, um ihren Hass zu mehren.
Polizeibeamte stoppen ihn jetzt öfter ohne Grund.
Kontrollieren die Papiere mit der Hand am Waffenbund.
Fernsehbilder, die erklären: Der Islam sei Krieg und Hass.
US-Militärbefehle suggerieren: Wir regeln das.
Länder werden überfallen, ausgebombt und leer gepumpt.
Blut und Öl am Überfließen, Menschenrecht in Dung getunkt.
Der Islam steht jetzt am Pranger und der erste Stein flog längst.
An Klischees und Vorurteilen wird die stille Angst getränkt.
So vergehen ein paar Jahre, alles läuft ab wie gewohnt.
Ein paar Bomben, ein paar Tote. Al-Qaida? Kenn‘ wir schon.
Doch es kommen neue Demos. Der PEGIDA-Zug fährt auf.
Tausend gehen demonstrieren. Fremdenangst im Abendland.
Bis an einem grauen Tag in Paris 12 Menschen sterben,
Meinungsfreiheit gegen Terror – und es wird noch schlimmer werden.

Und in Deutschland hat er jetzt kein Gesicht, nur schwarze Haare.
Seine Stimme riecht nach Sprengstoff, ohne nur ein Wort zu sagen.
Er steht unter Tatverdacht, weil er einen Glauben hat,
der missbraucht und pervertiert wird bei jedem Attentat.

Alle Medien berichten, alle Zeitungen sind voll.
Und im Grunde weiß doch niemand wirklich, was er sagen soll.
Tausende Experten reden, tausend Quellen, tausend Stimmen.
Und Millionen bilden sich Meinungen in stillen Zimmern.
Wieder Blicke auf der Straße, wieder gaffen sie ihn an,
als ob er ne Bombe hätte, die er gleich mal zünden kann.
Er spürt Wut in sich aufsteigen, wenn er sieht und wenn er liest,
weil er weiß, dass Vieles Lüge, Vorurteil und Unrecht ist.
So beschließt er sich zu wehren, er will diese Sache klären.
Jeder soll es jetzt erfahren, wie die Dinge wirklich stehen.
So bereitet er sich vor, tüftelt, bastelt, fügt zusammen,
inspiriert von den Gedanken, die aus seinem Herzen stammen.
Und er findet einen Ort, um sich bald zu revanchieren.
Alle werden es bald hören, alle werden es kapieren.
So steht er dann auf der Bühne, Montagabend, kurz nach 8.
In den Händen hält er “Sprengstoff” und er liest aus voller Kraft:

Er ist deutsch, er lebt in Deutschland und er wurde hier geborn.
Seine Eltern brachten Farbe nach der braunen Uniform.
Er spricht deutsch und seine Träume sind so deutsch wie das Wort Traum.
Und was seine Eltern sprechen, unter sich, versteht er kaum.
Doch sein Vater spricht Gebete, jeden Tag kniet er sich hin.
Er lebt einen fernen Glauben, dieser gibt ihm Lebenssinn.
Und er sagt, dass dieser Glaube Liebe, Frieden propagiert.
Du darfst keine Fliege töten, ganz egal was auch passiert.
Ramadan, die Zeit des Fastens; man entbehrt, um zu verstehn,
dass das Leben nicht für alle einfach ist. Um zu bestehn,
muss man auch den Armen helfen, Schwache stützen, Gäste schätzen.
Jeder Reichtum ist vergänglich – nichts kann Menschlichkeit ersetzen.
Und so sieht er viele Männer lange, schwarze Bärte tragen.
Sie sind freundlich und sie scherzen, antworten auf seine Fragen.
Bis ihr Lachen ganz verschwindet, als die beiden Türme stürzen.
Terror, Angst und Propaganda Menschlichkeit und Freundschaft kürzen.

Und in Deutschland hat er jetzt kein Gesicht, nur schwarze Haare.
Seine Stimme riecht nach Sprengstoff, ohne nur ein Wort zu sagen.
Er steht unter Tatverdacht, weil er einen Glauben hat,
der missbraucht und pervertiert wird bei jedem Attentat.

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