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Szene aus dem ZDF Mittagsmagazin vom 2.4.14 mit Akif Pirinçci

Akif Pirinçci

Deutschlands Mustersklave

Pirinçci ist wie der Mustersklave Stephen aus Quentin Tarantinos "Django Unchained". Als nützlicher Idiot spricht er jene kruden Gedanken aus, die viele denken aber sich zu fein sind, sie selbst zu äußern. Von Lalon Sander

Von Montag, 26.10.2015, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 26.10.2015, 19:22 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Die deutsche Rechte hat einen neuen, ungewöhnlichen Star, Akif Pirinçci, ein eingebürgerter türkischer Einwanderer und Autor von „Sachbüchern“, die so hasserfüllte wie skurrile Titel wie „Die große Verschwulung“ oder „Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ haben. Bisher hatten konservative Medien wenige Probleme damit, Pirinçcis Sexismus, Homophobie und Rassismus mit Verweis auf seine Herkunft zu entpolitisieren. Wenn selbst ein Einwanderer so etwas über Einwanderer und Muslime sagt, muss wohl etwas dran sein.

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Das scheint sich nun zu ändern, denn Pirinçci hat etwas getan, das selbst für manche Konservative die letzten Grenzen überschreitet. Vor 20.000 versammelten „besorgten Bürgern“ sprach er von Asylsuchenden als „flüchtende Schlampen“ und warnte davor, dass Deutschland zu einer „Moslemmüllhalde“ werde und unterstellte, dass die Mächtigen in Deutschland die Islamophoben („das eigene Volk“!) des Landes gerne in Konzentrationslager stecken würden. Die Rede ging offenbar sogar den weißen Demoanführern zu weit, weshalb sie Pirinçci von der Bühne komplimentierten – um danach die eigenen hasserfüllten Reden zu halten.

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Mit seinen blumigen Ausdrücken („so viel gemein wie mein Arschloch mit der Parfüm-Herstellung“) ist Pirinçci natürlich weder besonders kreativ noch kontrovers. Die Themen seiner öffentlichen Äußerungen – Sexismus, Homophobie, Islamophobie und Opferhaltung – sind in der deutschen Rechten gang und gäbe, kaum werden Privilegien abgebaut ist schon das Ende des Abendlandes in Sicht. Pirinçci nutzt nur den Spielraum aus, der ihm als vermeintlichen Immigranten-Whistleblower gegeben wird, um in der Öffentlichkeit das alles in einer krasseren Sprache zu besprechen, als es weiße Rassisten tun dürfen.

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Pirinçci ist wie der Mustersklave Stephen aus Quentin Tarantinos „Django Unchained“, der den freien Schwarzen Django übel beschimpft und seine Freiheit in Frage stellt („der N. soll im großen Haus schlafen?!“) – Dinge, die sein Versklaver Calvin Candie aus „Höflichkeit“ nicht äußern würde. Man ahnt, dass Candie ganz dankbar dafür ist, dass Stephen ausspricht, was er selbst gegenüber dem reichen Geschäftspartner nicht äußern kann. Pirinçci macht sich seit Jahren zu so einem Mustersklaven für deutsche Konservative und nun auch noch für Rechtsextreme. Als nützlicher Idiot spricht er jene kruden Gedanken aus, die viele denken aber sich zu fein sind, sie selbst zu äußern.

Angesichts der strukturellen Diskriminierung und offenem Hass, der Einwanderern und Muslimen in Deutschland begegnet, knien sich viele Migranten besonders rein, um durch Leistung ein wenig Anerkennung zu erlangen – oder zumindest ihre Anwesenheit nicht hinterfragt zu bekommen. Das ist eine Strategie, mit Rassismus umzugehen.

Pirinçci hat eine andere gewählt: Kollaboration. Er ist dem rassistischen Deutschland so weit in den Arsch gekrochen wie er konnte. Sein Hass wendet sich an alle Menschen mit Migrationshintergrund, die es wagen Akzeptanz, Freiheit und Rechte für sich einzufordern – denn der Abbau von Rassismus hieße, dass unterwürfige Speichellecker ihre kleinen Distinktionsmöglichkeiten nach weiter unten verlieren würden.

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  1. Leider scheinen mir weder die Produktionen von Pirincci noch die seiner Kritiker besonders differenziert. Pirincci äußert sich wie nicht wenige egal mit welchem Hintergrund und die Frage warum er das sogar öffentlich tut kann viele Gründe haben es verbietet sich jedoch wild zu spekulieren und immer wieder die „Migrantenleier“ zu bemühen. Gerade im Falle von Pirincci erscheint es sehr eindimensional aus seinem Auftreten auf einen paradox kompensatorischen Akt zu schließen, der in der ach so schlimmen Lage von muslimischen Migranten in Deutschland gründet . Die Wirklichkeit ist viel „bunter“. Hört endlich auf zu „Migrantisieren“ , wo auch andere Herleitungslinien in den Blick rücken könnten. Josef Özcan / Diplom Psychologe

  2. karakal sagt:

    Die Tatsache, daß solche eine Person von den Medien derart hoffiert wird, zeigt, wie die Demokratie allmählich in eine Ochlokratie (Herrschaft des Pöbels) entartet.

  3. Stephan sagt:

    Die „aufhören“-Rufe des Publikums und der Abbruch der Rede scheinen mir keine inhaltlichen Gründe gehabt zu haben, wie Bachmann später suggerierte. Pirinçci, der selbst nach eigenen Angaben kein guter Redner ist, hatte schon fast eine halbe Stunde gesprochen, und dies ist für eine Rede auf einer Demonstration einfach zu lang. Anfangs hatte er viel Applaus bekommen, auch für seinen inzwischen berühmten KZ-Spruch und zahlreiche Fäkalsprüche.

  4. Petra Melchert sagt:

    @ Josef Özcan, ich kann die Genervtheit über die „Migrantenleier“ sehr gut nachvollziehen. Man hat sie ständig und überall, als ob man alles was man tut nicht einfach so tut, sondern eben immer in und aufgrund oder eben gerade trotz seiner Rolle als Migrant (und eben Nicht-Biodeutscher), als Frau (und eben nicht als Mann) etc. pp. In den meisten Kontexten ist die Erwähnung solcher Gruppenzugehörigkeiten vollkommen irrelevant.

    In diesem individuellen Kontext halte ich diese Randinformation aber schon für wichtig. Allein schon deshalb, weil Kollaboration eine häufig beobachtete Methode Einzelner ist, um der eigenen Diskriminierung zu entgehen. Darüber hinweg zu sehen bedeutet, über die Diskriminierung hinwegzusehen, die hier im Hintergrund stattfindet. Und das wäre fatal.

    Noch dazu finde ich die Bemerkung Sanders, wonach Pirinçcis Migrationshintergrund zu falscher Toleranz verführt, auch wichtig. Ich finde den Artikel deshalb schon differenziert, wenn auch nicht besonders neutral (aber das will er wohl auch nicht sein)

  5. Deniz Sert sagt:

    Ein sehr gelungener, kluger Text. Auf den Punkt gebracht. Dank an den Autor

  6. Zu Petra Melchert: Ihr fundierter Beitrag kann als gute Ergänzung meiner etwas pointierten Darstellung angesehen werden. Die von Ihnen benannten Aspekte habe ich gut studiert und halte sie für real wirksam und darum erwähnenswert. Leider können in einem Kurzkommentar nicht alle Aspekte gleichermaßen in den Vordergrund rücken, das muss natürlich auch anderen Schreibern zugebilligt werden zumindest, wenn sie sich in dem was sie schreiben um Sachlichkeit bemühen. Josef Özcan / Diplom Psychologe