Koexistenz in der Jugendherberge

Berufsschüler und Flüchtlinge unter einem Dach

150 Betten hat das Land Niedersachsen in der Jugendherberge angemietet, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Den normalen Herberge-Betrieb hält das nicht ab. Flüchtlinge und Berufsschüler unter einem Dach. Martina Schwager war vor Ort.

Von Martina Schwager Donnerstag, 23.07.2015, 8:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 23.07.2015, 20:46 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Die Stimmung in der Einganghalle ist angespannt: Männer, Frauen und Kinder drängen sich der Jugendherberge Bad Iburg bei Osnabrück um die Dolmetscherin, reden auf sie ein, gestikulieren. Es sind Jesiden, Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Ihr Asylverfahren stockt. Sie haben Angst um ihre Verwandten: „Die IS-Terroristen entführen und ermorden unsere Familien“, sagt ein 25-Jähriger aufgebracht. Für die Berufsschüler, die mit langen Vermessungsstangen an ihnen vorbei nach draußen eilen, haben die Schutzsuchenden keinen Blick übrig.

Seit anderthalb Wochen leben in der idyllisch im Wald gelegenen Jugendherberge Gäste und rund 60 Flüchtlinge unter einem Dach. Weil alle vier niedersächsischen Erstaufnahmelager in Bramsche, Osnabrück, Braunschweig und Friedland überbelegt sind und die Zugangszahlen weiter steigen, hat das Land das Haus mit insgesamt rund 150 Betten als Außenstelle angemietet.

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Bis Mitte August laufen die Flüchtlingsbetreuung durch die Osnabrücker Diakonie und der Gästebetrieb parallel. Danach ist die Herberge sechs Wochen lang mit Schülern voll belegt. Ab Oktober wird das Gebäude dann komplett zur Außenstelle der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen – bis März 2017.

Auch die Schüler sind kaum an ihren Mitbewohnern auf Zeit interessiert. Sie sind erst am Morgen angekommen und haben von ihren Lehrern ein strammes Programm verordnet bekommen. Die angehenden Vermessungstechniker üben im strömenden Regen mit ihren Geräten im Gelände. Dass außer ihnen die Flüchtlinge in der Herberge wohnen, finden sie okay. „Irgendwo müssen die ja hin“, sagt Hennes (19) und ergänzt: „Ich finde es nicht gut, wenn manche meckern, sobald Asylbewerber in ihrer Nähe untergebracht werden.“

Die Schüler glauben aber nicht, dass sie während der nächsten Tage mit den Menschen aus dem Nahen Osten in Kontakt kommen. „Das ist ja schon wegen der Sprache schwierig“, sagt Christine (19) und macht sich fertig für den Außeneinsatz. „Das ist hier eine Art friedlicher Koexistenz“, bemerkt ein Betreuer im Vorbeigehen und zuckt die Axeln.

Die Flüchtlinge befürchten, dass der Umzug aus dem überfüllten Lager Friedland bei Göttingen nach Bad Iburg ihr Verfahren verzögert. Sie bangen um ihre Eltern, Geschwister, Frauen oder Kinder. Niemand will seinen Namen nennen oder gar für Fotos posieren. Die meisten haben an diesem Morgen den Wegweiser-Kurs boykottiert und aus Protest nichts gegessen. Sie fordern Gewissheit, dass sie in den nächsten Tagen ihre vorläufige Aufenthaltsgenehmigung bekommen und einer Kommune zugewiesen werden. Erst dann können sie Anträge auf Familiennachzug stellen.

Ein 22-Jähriger hat sich allein mit seinem siebenjährigen Bruder über das Mittelmeer nach Italien und weiter nach Deutschland durchgeschlagen. Den Zwillingsbruder des Kleinen, drei jüngere Schwestern und die Eltern mussten sie zurücklassen: „Ich fühle mich schuldig, dass ich die anderen nicht mitnehmen konnte“, sagt er und lächelt freundlich trotz der aufsteigenden Tränen in seinen Augen.

„Für uns ist es selbstverständlich, dass wir unsere Häuser, wo es möglich ist, für Flüchtlinge öffnen“, sagt Oliver Engelhardt von den Jugendherbergen im Nordwesten. Das Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt gehöre ebenso zu der seit 2010 geltenden Nachhaltigkeitsstrategie der Häuser wie der Klimaschutz. Bundesweit gibt es nach Angaben des Deutschen Jugendherbergswerks rund 1.300 Plätze für Asylsuchende.

Während die Berufsschüler in Bad Iburg am Nachmittag rund um das Haus mit Maßband, Messlatten und Schirmen im Regen ihrer Arbeit nachgehen, zeichnet sich in der Eingangshalle Entspannung ab. Zum ersten Mal hellen sich die Mienen der jungen Männer und Frauen auf, und so etwas wie Ausgelassenheit macht sich unter den Kindern breit. Der Sozialarbeiter hat neue Nachrichten von der Landesaufnahmebehörde: Die meisten von ihnen sollen noch in dieser Woche auf die Kommunen verteilt werden.

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