Kindergarten, Kinder, Krippe, Kita
Kinder in der Kita © Poiseon Bild & Text auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Kultur?

Vorurteile brauchen keine Fremden

Bis heute ist Kultur kein neutraler Begriff wissenschaftlicher Analyse, sondern vor allem ein Konzept, mit dem Politik gemacht wird und sie wird in der Regel bemüht, wenn es um vermeintlich fremde Kulturen geht - von Simon Tement

Von Simon Tement Dienstag, 17.03.2015, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 18.03.2015, 15:58 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

„Ich habe Hunger“ schreit ein kleines Mädchen und rennt zum Frühstückstisch, um sich ein Brot zu nehmen. Viele Kinder sind um den Frühstückstisch im Kindergarten versammelt und essen eifrig ihre Brote. Auf dem Tisch stehen mehrere Teller, auf denen Käse in verschiedenen Sorten sowie Gemüse liegen. Mittendrin ein Teller mit Wurst. Auch dieser Teller ist für alle Kinder da. Wegen den muslimischen Kindern wird einfach auf Schweinefleisch verzichtet.

Der Teller ist nichts Besonderes, er gehört einfach dazu; er wird weder negativ noch positiv hervorgehoben. Gründe kein Schweinefleisch zu essen, gibt es viele; Religion ist meistens nur ein Grund von vielen. Dennoch wird der Verzicht auf Schweinefleisch generell als Teil einer fremden Kultur betrachtet, die Migranten aus islamisch geprägten Ländern mitbringen.

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Aber was bedeutet eigentlich Kultur? Sind es wirklich fest stehende Regeln, die eine Kultur ausmachen? Sämtliche Rituale, Religionen, Sitten und Gebräuche auf der ganzen Welt sind ständigen Veränderungen unterworfen. Dies geschieht überall auf der Welt. In christlich geprägten Ländern haben wir uns zum Beispiel schon lange von der Sitte verabschiedet, keine Zinsgeschäfte zu machen; dabei war dies mehr als tausend Jahre im Christentum streng verboten. Heutzutage kann ein Vorstandsvorsitzender einer Bank ein frommer Christ sein, ohne dass jemand darin einen Widerspruch erkennt.

Wenn also eine Kultur sich ständig verändert, ist es in Wirklichkeit keine Kultur. Entsprechend kann man sich nicht auf Kulturen berufen. Denn es gibt keine Kulturen. Dies hat auf treffende Weise Martin Sökefeld in seinem Buch „Jenseits des Paradigmas kultureller Differenz“ erläutert. Darin heißt es: „Bis heute ist Kultur kein neutraler Begriff wissenschaftlicher Analyse, sondern vor allem ein Konzept, mit dem Politik gemacht wird“.

Sogar Menschen, die Kultur im positiven Sinne benutzen wollen, verheddern sich regelmäßig in ihrer Argumentation. Wenn jemand von der Bereicherung eines multikulturellen Zusammenlebens spricht, so meint er es ja gut, aber er weckt Erwartungen an das Multikulturelle, die dieser Begriff nicht erfüllen kann. Es soll die Menschen zusammenbringen und uns positiv beeinflussen. Es ist aber nur ein gut gemeintes Vorurteil. In den Großstädten, wo der Anteil von Migranten und Ihrer Familien am höchsten sind, leben immer mehr Menschen gleich welcher Herkunft für sich in einer Anonymität, wo sie meistens nicht mal alle direkten Nachbarn kennen.

Diese wachsende Anonymität ist teil der Entwicklung unserer Zeit. Familien bleiben nicht mehr so zusammen wie früher. Auch wenn sich viele ein idyllisches Leben im Kreise einer Familie, guten Freunden und Nachbarn wünschen, ist dies in einer Großstadt häufig nicht so zu realisieren. Die gleiche Sprache zu sprechen, der gleichen Religion anzugehören oder die gleiche Arbeit zu haben, bringt die Menschen jedenfalls nicht näher.

Da es Multikulti gar nicht gibt, kann es die Menschen nicht bereichern und zusammenbringen. Es kann die Menschen aber auch nicht voneinander trennen, wie das viele Multikulti-Kritiker immer meinen. Gründe für eine mangelhafte Integration und die Anonymität unter den Menschen sind vielfältig und kompliziert. Aber ohne den irreführenden Begriff der Kultur ist man gezwungen, näher hinzuschauen. Sind die Probleme aus der Entfernung betrachtet wirklich so riesig, wie es manchmal den Anschein erweckt? Sind wirklich so viele Menschen nicht integriert, oder scheint es nur so?

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung Deutschlands in zwei Staaten getrennt wurde, hat diese Trennung dafür gesorgt, dass in diesen Staaten innerhalb von nur 40 Jahren die Menschen recht unterschiedliche Vorlieben, Abneigungen und Meinungen entwickelten. Nach der deutschen Einheit waren in Westdeutschland die Vorurteile gegen Ostdeutsche genauso groß wie gegen Asylbewerber und Migranten. Und das obwohl sie ja genauso deutsch wie die westdeutsche Bevölkerung sind.

Den Schweizern interessiert die Einteilung in Wessis und Ossis eher weniger. Sie betrachten lieber den Gesamtdeutschen in seinem Heimatland. Zumindest in einigen Medien und politischen Kampagnen wird „ein“ Bild der Deutschen gezeichnet, die sich mehrheitlich in der Schweiz nicht integrieren und vielen Schweizern die Arbeitsplätze wegnehmen würden.

Zwar haben Studien ergeben, dass die Mehrheit der Schweizer diese Meinungen nicht teilt, doch ist es interessant, wie auf die gleiche Art und Weise Stimmung gegen Einwanderung gemacht wird. Die Vorurteile sind also da trotz der gleichen „christlich abendländischen Kultur“. Vorurteile brauchen also nicht „die Fremden“, sie sind flexibel und können sich ändern. Das müssen sie auch, damit ihre Widersprüchlichkeit nicht enttarnt wird.

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