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Islamische Architektur aus Isfahan © seier+seier auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Glaube trifft Wissenschaft

„Das Studium ist ein riskanter Prozess, aber anschließend ist der Glaube besser verwurzelt“

Im Jahre 2011 wurde die Gründung von Zentren für Islamische Theologie an vier Hochschulen angestoßen. Das ist nicht nur für Deutschland eine neue Erfahrung, sondern auch für Muslime. Für viele von ihnen prallen Welten aufeinander.

Von Jens Bayer-Gimm Mittwoch, 18.02.2015, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 23.02.2015, 17:48 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Der Terror in Frankreich hat etwas verändert: Vertreter von Muslimen räumen ein, dass der Islam kritisch sein Erbe der Gewalt untersuchen müsse. Das geschieht seit kurzem an deutschen Universitäten: Das Bundesbildungsministerium stieß 2011 die Gründung von vier Zentren für Islamische Theologie an, die an den Universitäten Frankfurt/Gießen, Münster/Osnabrück, Erlangen-Nürnberg und Tübingen angesiedelt sind. Für Studienanfänger können allerdings Welten aufeinanderprallen, wenn der eigene Glaube auf Wissenschaft trifft.

„Die muslimischen Studenten haben den Islam bisher nie als Bestandteil einer Debattenkultur erlebt“, erläutert der Geschäftsführende Direktor des Frankfurter Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam, Bekim Agai. Zwar werde in Hunderten von Moscheegemeinden gelehrt, dass die islamische Tradition keine Anschläge rechtfertige. Aber „problematische Koranstellen und Geschichtsepisoden, in denen zu Gewalt aufgerufen wird, werden in religiösen Gemeinden nicht thematisiert“. Daher falle es Studenten zunächst schwer, gegen eine dschihadistische Position zu argumentieren.

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Während Studienanfänger zunächst annähmen, Glaubensinhalte gebe es „an sich“, lernten sie an der Universität, dass der Islam geschichtlich geworden und der historischen Veränderung unterworfen ist, erklärt Agai. Der 1974 geborene Professor hat Islamwissenschaft, Geschichte und Psychologie studiert und in Bochum promoviert. Die Aufgabe der Islamischen Theologie besteht nach seinen Worten darin, die religiöse Tradition in ihren Kontexten auszulegen und Antworten auf neue Fragen zu erarbeiten.

Der junge Gastdozent und Oxforder Islamwissenschaftler Nicolai Sinai hat im Seminarraum die Verse der 9. Koransure auf Arabisch und Deutsch ausgeteilt. Die inhaltlichen Brüche erklärt er dadurch, dass die einzelnen Verse auf verschiedene geschichtliche Kontexte Bezug nehmen und in anderer, chronologischer Reihenfolge zueinander passen – eine klassische Methode der historisch-kritischen Textauslegung, wie sie vor 100 Jahren in der Bibelwissenschaft entwickelt wurde.

Eine Studentin äußert sich fasziniert von den Einblicken, ein Student meldet Widerspruch an: „Bei der wissenschaftlichen Koranauslegung bleibt immer ein Fragezeichen!“ Die Methode sei von Nichtmuslimen erfunden und bringe keinen Nutzen, weil sie von den Moscheegemeinden nicht angenommen werde. „Sie kann für Otto Normalmuslim nicht verbindlich sein.“ Auch nach der Vorlesung, in der der Dozent sein Verständnis von historisch-kritischer Koranforschung vorstellt, erntet er noch Widerspruch. Ein junger Student stellt die Kritik am gegenwärtig Geglaubten infrage: „Wie kann man 1.400 Jahre mündliche Tradition als nicht glaubhaft betrachten?“

Ein gemeinsames Motiv für die Studenten, die fast alle aus Einwandererfamilien stammen, sei, den eigenen Glauben zu vertiefen, erklärt Agais Kollege, der in Ankara ausgebildete Koranwissenschaftler Ömer Özsoy. Manche Studenten zeigten große Bereitschaft, sich für wissenschaftliche Erkenntnisse zu öffnen, andere zögen sich anfangs zurück aus Angst, den Glauben zu verlieren. „Das Studium ist ein riskanter Prozess, aber anschließend ist der Glaube besser verwurzelt“, sagt Özsoy.

Die große Mehrzahl der rund 400 Frankfurter Studierenden der Islamischen Theologie sind junge Frauen, die allermeisten tragen Kopftuch. Das sei in der Türkei nicht anders, sagt Özsoy. Viele kämen wie auch in anderen geisteswissenschaftlichen Fächern aus persönlichem Interesse. Zu den Berufswünschen gehöre Lehrerin in der Moscheegemeinde oder an der Schule.

Die Theologie könne selbst salafistisch geprägte Männer und Frauen ansprechen, ist Özsoy überzeugt. Denn paradoxerweise teilten Salafisten und Wissenschaftler denselben Ausgangspunkt: Beide stellten die auf den Koran folgende Tradition infrage und blickten in die Vergangenheit zurück: „Ich habe Anlass zur Hoffnung, dass die Beschäftigung mit Geschichte zur Entwicklung eines reflektierenden Bewusstseins führt.“ (epd)

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