Erstaunliche Parallelen

Der Terroranschlag auf das Oktoberfest 1980 und die NSU Morde

Vor über 30 Jahren wurde der Terroranschlag auf das Münchener Oktoberfest verübt. Viele Hinweise deuten auf einen organisierten neonazistischen Hintergrund hin. Die offizielle Version hingegen lautet: ein verstörter und verstorbener Einzeltäter hat die Tat verübt. Endlich werden die Ermittlungen wieder aufgenommen aufgrund "neuer" Hinweise. Ein näherer Blick auf den Ermittlungsverlauf zeigt erstaunliche Parallelen mit dem NSU Fall. Von Wolf Wetzel

Von Freitag, 06.02.2015, 8:23 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.07.2015, 0:17 Uhr Lesedauer: 14 Minuten  |   Drucken

In einigen Ländern wurde die Geschichte dieses Staatsterrorismus politisch aufgearbeitet, zumindest in Angriff genommen, wie in Italien, der Schweiz und zuletzt in Luxemburg.

Und in Deutschland? Hat die lapidare Erklärung der Bundesregierung aus dem Jahre 2013 Entrüstung, Empörung ausgelöst? Wurde auch nur einmal im Parlament die Frage laut gestellt: Wer hat diesen Staatsterrorismus politisch befürwortet und gedeckt? Wer ist bis heute politisch und strafrechtlich dafür verantwortlich? Welche Terroranschläge tragen die Handschrift von ›stay-behind‹? Dabei geht es nicht nur um den Oktoberfestanschlag in München, sondern auch um das Attentat auf einen jüdischen Buchhändler in Nürnberg 1980 oder den Brandanschlag auf das jüdische Altersheim und Gästehaus in München 1970, bei dem sieben Menschen ermordet wurden. Anschläge, die bis heute ›unaufgeklärt‹ sind.

Auch wenn die Entscheidung der Bundesanwaltschaft gut tut, die Ermittlungen im Fall des Oktoberfestanschlages 1980 wieder aufzunehmen, so wundert doch sehr, dass mit keinem einzigen Wort ein möglicher Zusammenhang zu besagten ›stay-behind‹- Terrorgruppen hergestellt wird.

Die Frage: Wer hat diesen Staatsterrorismus ermöglicht und gedeckt, ist nicht nur im Hinblick auf diesen staatseigenen Untergrund von grundsätzlicher Bedeutung. Nicht minder wichtig ist es, öffentlich und vernehmbar die Frage zu beantworten: Warum wurde die Einzeltäterthese bis zuletzt – auf Teufel komm raus – verteidigt? Wohin kommt man, wenn man den zahlreichen Spuren zu weiteren Neonazis folgt?

Wenn heute unbestritten ist, dass Neonazis von deutschen Auslandsgeheimdienst BND in ›stay-behind‹-Operationsgruppen organisiert wurden, dann ist es Aufgabe dieses Geheimdienstes und dieser Bundesregierung, im Detail zu belegen, woran sich diese Terrorgruppen beteiligt haben, woran sie nicht beteiligt waren!

Kann es also sein, dass die Einzeltäterthese nicht von Fakten gedeckt wird, sondern einzig und allein von dem geballten Willen, den Weg zu Mittätern zu versperren, die in Verbindung zu ›stay-behind‹ stehen? Ja.

Gundolf Köhler war nur in den Augen der Ermittlungsbehörden ein Unpolitischer. Um diese Lüge nicht zu gefährden, war man bereit, selbst die Beweislage zu manipulieren: »In Gundolf Köhlers Zimmer in Donaueschingen fanden die Polizisten seinen Wikingjugend-Ausweis – und ließen ihn liegen.« (Vernichtete Spuren – Ermittlungsfehler mit Tradition, BR vom 31.1.2015)

Auch seine engen Verbindungen zur neonazistischen ›Wehrsportgruppe Hoffmann/WGH‹ waren den Ermittlern bekannt, was auch zahlreiche Zeugen zu Protokoll gegeben hatten. Diese Begeisterung ging soweit, dass er selbst eine ›Wehrsportgruppe‹ im Raum Donaueschingen gründen wollte 1

Er war nicht alleine am Tatort. Zeugen hatten mindestens zwei weitere Personen an jenem Mülleimer gesehen, in dem die Bombe platziert worden war. Eine Zeugenbeobachtung, die so präzise war, dass sie auch von einem Streit zwischen drei Personen berichten konnte.

Der ehemalige Beamte, der sich jetzt als Zeuge bei Rechtsanwalt Dietrich meldete, würde nicht nur die bisherigen Zeugenaussagen bestätigen. Er würde den Tatablauf um ein entscheidendes Puzzle ergänzen. Der Beamte war am Tag des Oktoberfestanschlages mit fünf weiteren Arbeitskollegen auf dem Weg zur Wiesn. Kurz vor der Detonation standen sie zusammen vor dem Ausgang des Oktoberfestes. In dieser Zeit beobachtete er »einen jungen Mann, der zunächst zu einem schwarzen Auto gegangen sei, das am Bavariaring geparkt war. Darin sollen vorne zwei, hinten mindestens eine Person gesessen haben. Mit diesen habe er durch das heruntergekurbelte Fenster gesprochen. Dann sei der Mann, den er bis heute sicher für Gundolf Köhler hält, zu jenem Papierkorb gegangen, in dem dieser den Ermittlungen zufolge die Bombe zündete.« 2

  1. Bundestagsdrucksache 18/3117, S.17
  2. SZ vom 8.12.2014

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  1. H.P.Barkam sagt:

    ’stay behind‘, ‚Gladio‘ usw. sind doch seit Jahrzehnten bekannt. Die Amerikaner hatten sich nach dem Zweiten Weltkrieg unwiderrufliche das Recht gegeben (nicht erbeten), jede Form von Spionage, Terror und Mord wann und wo es ihnen passt zu betreiben.
    Bis heute hat sich daran nichts geändert, wie jeder wissen sollte, der sich auch nur täglich die TV-Nachrichten ansieht, die nun wirklich nicht von neutraler Berichterstattung geprägt sind.
    Wer jetzt auch nur an eine zehnprozentige Aufklärung in Richtung Wahrheit über die terroristischen Verfehlungen unserer Bundes- oder Landesschützer glaubt, der kann nur ein Märchenfreund sein.
    Die dürfen das nämlich gar nicht, sonst kriegen sie Ärger mit den USA. Verträge wie TTIP sind doch nur Lachnummem im Verhältnis zu den zig Geheimverträgen der USA mit dem Rest der Welt.
    Wer stört sich da schon an den Aufklärungswünschen eines kleinen Teils der eigenen Bevölkerung. Zumal diese Leute sowieso alles Linke und Chaoten sind.
    Ob es um die Leitung, Unterstützung oder nur Deckung rechtsxtremer Organisatoren und Täter zu Zeiten des Oktoberfestattentats oder um aktuelle – siehe NSU – Taten und Strukturen geht, die Öffentlichkeit wird bis auf ein paar kleinere Details nichts erfahren. Wobei das wenige vielleicht Entdeckte, von Politik und deren Medien schöngeredet werden wird. Davon dürfen wir alle ausgehen.
    Und wer sich trotzdem noch Illusionen hingibt, sollte sich nur einmal die Protokolle der NSU Gerichtsverhandlungen ansehen. Wie Staatsanwaltschaft und Gericht, auch hier deutlich zu erkennen, von Außen gesteuert agieren, ist doch unübersehbar; und damit wirklich nur noch traurig.

    In diesem Sinne