Rezension zum Wochenende

Unter Null im 21. Jahrhundert

Eine Stadt, die alles bietet außer Heimat. Geld, das alles kaufen kann außer Hoffnung. Wo findest du Halt, wenn deine Welt zusammenbricht? - Jamal Tuschick hat das neue Buch von Shreyas Rajagopal gelesen. Sein Urteil: Ein sehr guter Roman.

Von Freitag, 23.01.2015, 8:20 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 08.08.2016, 10:56 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Es ist immer die gleiche Geschichte von Kindern reicher Leute, die sich aufwendig langweilen, Drogen nehmen, Partner tauschen, auf den „perfekten Augenblick“ warten und ihr Studium vernachlässigen. Bret Easton Ellis erzählte sie 1985 beispielhaft in seinem Debüt „Unter Null“. Zehn Jahre später variierte Christian Kracht das Thema in „Faserland“. Ellis und Kracht setzten Maßstäbe. Sie zeigten, dass es nicht reicht, reich geboren zu sein.

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Nun zählt Shreyas Rajagopal in „Scar City“ die goldenen Löffel von Bombay. Sein Student schlägt zuhause auf, die Zurückgebliebenen empfangen ihn mit allen Ehren eines Maharadschas. Rish gehört zu den Auserwählten. Keine Leistung könnte ihn interessanter machen als seine Herkunft. Er spiegelt sich in der Betrachtung eines „Jungen in Schuluniform, der aus einem Porsche Cayenne steigt, ohne die Tür zu schließen und ohne aufzusehen“. Der Chauffeur trägt den Ranzen. Rish registriert die helle Hautfarbe des Eliteeleven.

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Ellis klärte für Amerika, Kracht für Europa, Rajagopal bringt Asien ins Spiel. Seine oberen Zehntausend beziehen sich nicht auf Indiens koloniale Vergangenheit. Braucht man was Repräsentatives, dass kein Audi oder Apple ist, dann nimmt man einen Feudalen aus der Zeit vor der britischen Fremdherrschaft. Die imperialen Relikte sind demontiert und dem Verfall ausgeliefert.

Rish zieht mit Sunny um die Häuser. Die Freunde stehen auf sämtlichen Gästelisten, sie drohen am Vergnügen zugrunde zu gehen. Sunny hält seine Form mit einem Training, das Ex-Marines anbieten. Er schleppt Steine, schiebt Schubkarren. Er bezahlt viel Geld für Anstrengungen, die zu den Angelegenheiten des Heers der Unterprivilegierten gehören. Rajagopal gibt diesem Treppenwitz nicht viel Raum, er zündet deshalb wie ein Feuerwerk im Barock.

Für die Schnösel an der Front des heißesten Scheiß dreht sich alles um Distinktion, selbst mit dem Schnee von gestern auf den Nasenflügeln. Koksen sie im Siff eines Clubklos, hat das Stil und wirkt vorbildlich. Kommt einer dazu, der einen Fingerbreit unter ihnen rangiert, ist ihnen vor Ort nicht mehr zu helfen. Divya, Rishs Vertraute, die Moderatorin seiner Affären, Beziehungen und unerfüllten Sehnsüchte, flüstert ihm die Ohren voll mit den Geheimnissen ihrer Stadt. Rish darf nicht bleiben, seine Lehr- und Wanderjahre dauern an.

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