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Interview mit Yasemin Shooman

Wir brauchen mehr als einen höheren Migrantenanteil in den Medien

Welche Bilder von ethnischen und religiösen Minderheiten werden in den Medien transportiert? Und wie wirken diese Bilder auf die Rezipienten? Antworten auf diese und weitere Fragen sucht eine internationale Konferenz zum Thema “Medien und Minderheiten” der Akademie des Jüdischen Museums Berlin. Im Vorfeld sprach MiGAZIN mit der Leiterin der Akademieprogramme, Dr. Yasemin Shooman.

Freitag, 21.11.2014, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 24.11.2014, 17:57 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

MiGAZIN:Frau Shooman, am 27. und 28. November veranstaltet die Akademie des Jüdischen Museums Berlin in Kooperation mit dem Rat für Migration eine Internationale Konferenz zum Thema „Medien und Minderheiten – Fragen der Repräsentation im internationalen Vergleich“. Warum beschäftigt sich die Akademie mit diesen Themen?

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Yasemin Shooman: Ein Schwerpunkt unserer Akademieprogramme ist das Themenfeld Migration und Diversität, in dem wir Prozesse der Pluralisierung der Gesellschaft in den Blick nehmen und schauen, wie sich das Diktum von „Deutschland als Einwanderungsland“ in ein neues nationales Selbstverständnis übersetzen lässt. Dabei liegt uns viel an einem Transfer von Fachdiskursen in die breite Öffentlichkeit, um innovative Forschungsansätze und neue Konzepte vorzustellen – vor allem auch in internationaler Perspektive. Wenn es um Themen wie Rassismus und Antidiskriminierung geht, können wir in Deutschland viel von Diskussionen lernen, die in Ländern geführt werden, die sich schon länger mit diesen Themen als klassische Einwanderungsgesellschaften auseinandersetzen – z.B. die USA, Kanada oder Großbritannien.

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Dr. Yasemin Shooman leitet die Akademieprogramme des Jüdischen Museums Berlin und verantwortet dabei die Programme Migration und Diversität und den Aufbau eines Jüdisch-Islamischen Forums. Sie hat am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin promoviert. Zu ihren Schwerpunkten gehören die Themen Rassismus, Islamfeindlichkeit und Medienanalyse.

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Im Rahmen unserer Konferenz zu Medien und Minderheiten geht es daher auch um einen transatlantischen Erfahrungsaustausch. Wir wollen erörtern, welche Rolle den Medien als Opinion-Leaders bei der Herausbildung von Einstellungen gegenüber Minderheiten zukommt. Gerade weil viele Angehörige der Mehrheitsbevölkerung im Alltag wenig Berührung haben und auf medial vermittelte Sekundärerfahrungen zurückgreifen, d.h. ihr Wissen über Minderheiten, Migration und Integration vor allem aus Zeitungen, Fernsehen, Rundfunk oder dem Internet beziehen. Insofern lohnt es sich anzuschauen, was für Bilder die Medien von ethnischen und religiösen Minderheiten produzieren. Wie werden beispielweise Juden in deutschen TV-Serien in populären Krimis wie dem „Tatort“ repräsentiert und wie sieht die Darstellung von Arabern in US-amerikanischen und europäischen Videospielen aus? Im Rahmen der Konferenz wollen wir aber über die Analyse von Medieninhalten hinausgehen und uns auch der Medienwirkungsforschung widmen und fragen, wie die mediale Darstellung und Stereotypisierung auf Rezipienten wirkt.

Welche Bilder sind derzeit in den Medien dominant?

Shooman: Wie man am Beispiel der kürzlich erschienenen Focus-Titelgeschichte „Die dunkle Seite des Islam“ wieder sehen konnte, sind Muslime und der Islam in deutschen Medien vielfach einer stereotypen und stigmatisierenden Darstellung unterworfen. Im Europa-Wahlkampf 2014 war immer wieder die Rede von der sogenannten Armutszuwanderung, bei der die Stigmatisierung von Roma eine große Rolle gespielt hat. Auch das Thema Flucht und Asyl und eine in Wellen aufkommende „Das Boot ist voll“-Rhetorik sind zu beobachten. Hierbei sind auch die Wechselbeziehungen des medialen und politischen Diskurses interessant, u.a. die Frage, welchen Einfluss mediale Debatten auf das Erstarken von rechtspopulistischen Parteien in Europa haben. In den USA sind es wiederum in erster Linie Schwarze und Latinos, die mit bestimmten negativen Zuschreibungen versehen werden, die zur Stabilisierung von Vorurteilen beitragen und Auswirkungen auf diskriminierende Praktiken, wie das Racial Profiling haben können. Wir werden bei unserer Konferenz zum Beispiel einen Vortrag von Charlton McIlwain von der New York University hören zum medialen Umgang mit den jüngsten Unruhen in Ferguson nach der Tötung eines Afroamerikaners durch einen weißen Polizisten.

Welche konkreten Auswirkungen haben eigentlich negative Darstellungen auf stigmatisierte Gruppen?

Shooman: Einerseits ist zu fragen, wie mediale Stereotypisierungen auf die weiße Mehrheitsbevölkerung wirken, nicht zu vernachlässigen ist aber auch, wie diese Bilder von den stigmatisierten Gruppen selbst internalisiert werden, was sie also für die Selbstbilder von Minderheitenangehörigen bedeuten. Studien in den USA haben gezeigt, dass die Assoziation mit Kriminalität nicht nur etwas war, was Weiße Schwarzen zugeschrieben haben, sondern was alle Befragten Schwarzen überproportional zugeschrieben haben. Das spricht dafür, dass auch Schwarze rassistische Stereotype über sich selbst u.a. durch medial vermittelte Bilder verinnerlichen. Hier lohnt sich auch ein Blick auf Medienstrukturen.

Inwiefern spielt die mediale Struktur denn eine Rolle?

Shooman: Es gibt die Vorstellung, dass ein höherer Anteil von Minderheitenangehörigen in der Medienproduktion automatisch zu einer ausgewogeneren Berichterstattung führen würde. Wir wollen diese These hinterfragen und haben zu dem Thema Anamik Saha aus Großbritannien eingeladen, der sich am Beispiel der Fernsehsender BBC und Channel 4 angeschaut hat, inwieweit sich der Umgang mit solchen Themen verändert, wenn Minderheitenangehörige an der Medienproduktion beteiligt sind. Und was er feststellt ist, dass sich diese zum Teil – entgegen ihrer Intention, aber eben auch aufgrund struktureller Zwänge – an der Stereotypisierung beteiligen, also selbst undifferenzierte Bilder mitentwerfen, weil es bestimmte Marktzwänge gibt und auch ein bestimmtes Verlangen zu polarisieren. Das heißt, dass die Strukturen sehr wichtig sind und es mehr braucht als einen höheren Anteil von Minderheitenangehörigen, um etwas im Umgang der Medien mit Minderheiten zu verändern.

Unsere Konferenz fragt daher nach notwendigen Strategien, um eine differenzierte Berichterstattung in pluralen Gesellschaften zu gewährleisten und ethnische und religiöse Vielfalt in Medienstrukturen zu fördern. Dazu werden wir auch einen Blick in die Praxis von Journalisten aus Rundfunk, Fernsehen und Printmedien werfen und zivilgesellschaftliche Initiativen präsentieren, die durch die Nutzung neuer Medien ein alternatives Agenda Setting von Minderheitenthemen betreiben.

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