Unterbringung von Flüchtlingen

Osnabrück braucht keine Sicherheitsdienste

In Zeiten von misshandelten Flüchtlingen zeigt die Stadt Osnabrück, dass es auch anders geht: Es wurde ein Konzept entwickelt, bei dem Flüchtlinge in kleinen Wohneinheiten möglichst selbstständig leben und dort von Sozialarbeitern betreut werden. Leider eine positive Ausnahme in Deutschland.

Von Martina Schwager Mittwoch, 15.10.2014, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 21.10.2014, 18:07 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |  

Siyad Aidarus Osman ist froh. Nach seiner Flucht aus Somalia ist der 32-Jährige über Umwege in Osnabrück gelandet. „Osnabrück ist gut“, sagt er in gebrochenem Deutsch und grinst breit. Zur Unterstützung seiner Aussage hebt er den Daumen. Der Somalier lebt seit sieben Monaten in einer Gemeinschaftsunterkunft am westlichen Stadtrand.

Die Stadt in Westniedersachsen direkt an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen beherbergt derzeit 570 Flüchtlinge. Sie werden nach einem eigens entwickelten Konzept ohne große Sammelunterkünfte untergebracht und betreut. „Deshalb brauchen wir hier auch keine Sicherheitsdienste“, sagt Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU).

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In Osnabrück undenkbar
Vorkommnisse wie in Flüchtlingsunterkünften im Nachbar-Bundesland, wo Übergriffe privater Sicherheitsdiensten für negative Schlagzeilen sorgten, hält Griesert in Osnabrück für undenkbar. Ende 2013 hat der Rat das eigene Konzept für die Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen beschlossen.

Sein Kern ist, dass die Schutzsuchenden in kleinen Wohneinheiten möglichst selbstständig leben und dort von Sozialarbeitern der Stadt, der Caritas und des Vereins „Outlaw“ betreut werden. Es gibt auch eine eigene „Koordinierungsstelle Flüchtlingspolitik“. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen lobt das Konzept als vorbildlich: „Es sichert den Menschen eine Privatsphäre“, sagt Geschäftsführer Kai Weber.

Steigende Zahlen kein Grund
Dabei muss auch Osnabrück wie alle anderen deutschen Kommunen die sprunghaft steigenden Flüchtlingszahlen bewältigen. Innerhalb eines halben Jahres haben sie sich verdoppelt. Der Wohnungsmarkt ist eng. „Wir sind immer auf der Suche nach geeigneten Gebäuden, die wir anmieten können und rufen Privatleute auf, Wohnungen zur Verfügung zu stellen“, sagt der Oberbürgermeister.

Fast ein Viertel der Flüchtlinge – Familien, Kranke und Senioren – lebt in Osnabrück in Privatwohnungen. Für die Übrigen hält die Stadt mehrere Gemeinschaftsunterkünfte bereit. Die ehemalige Kaserne am Stadtrand, wo mit Osman noch etwa 100 Männer leben, ist die größte. Ursprünglich sollte jeder ein Einzelzimmer mit Nasszelle bewohnen. Jetzt teilen sich immer zwei ein Zimmer. Für sechs Zimmer gibt es eine Küche und einen Aufenthaltsraum.

Keine großen Konflikte
Hausmeister Miroslaw Kolpuc (43) hat es bislang geschafft, alle so unterzubringen, dass keine größeren Konflikte auftreten. „Miro ist gut Freund“, sagt Osman. Der Somalier arbeitet wie einige andere als Ein-Euro-Jobber. Sie putzen das Treppenhaus, helfen bei Reparaturen oder halten die Außenanlagen sauber. Kolpuc ist noch für zwei weitere Unterkünfte zuständig und direkt bei der Stadt angestellt.

Die Sozialarbeiter haben ihre Anlaufstellen ebenfalls in den Unterkünften. Sie klären rechtliche Fragen, helfen bei Behördengängen und Arztbesuchen, geben Tipps für günstige Einkaufsmöglichkeiten. Sie stellen Verbindungen her zu Sportvereinen und zu Moschee- und Kirchengemeinden, wie Seda Rass-Turgut, Leiterin des Fachdienstes Integration bei der Stadt und Autorin des Flüchtlingskonzepts, erläutert.

Ehrenamtliche spielen große Rolle
Auch Ehrenamtliche spielen darin eine große Rolle. Sie bieten Sprachkurse und Freizeitbeschäftigungen an. Große Gruppen von Nachbarn, Studenten und Sympathisanten haben schon mehrfach durch Blockaden verhindert, dass Flüchtlinge in ihre Ersteinreiseländer zurückgeschickt wurden: „Die Menschen sollen bei uns nicht nur versorgt werden, sondern sich auch angenommen fühlen“, sagt Rass-Turgut.

Deshalb werde Osnabrück auch die Finanzierungsfrage nicht auf dem Rücken der Flüchtlinge austragen, betont Griesert. Natürlich verursache das Konzept erheblich mehr Kosten als ein großes Lager, das von einem privaten Sicherheitsdienst betreut werde: „Dennoch haben wir uns bewusst trotz defizitärer Haushaltslage dafür entschieden.“

Land und Bund in der Pflicht
Der Oberbürgermeister sieht das Land und den Bund in der Pflicht, deutlich mehr Geld zu erstatten als bisher. Jeder Flüchtling koste die Stadt im Jahr 10.000 Euro. Die von Innenminister Boris Pistorius (SPD) angekündigte Erhöhung der Kopfpauschale auf knapp 6.200 Euro reiche vorne und hinten nicht. Allein 2013 habe Osnabrück Kosten in Höhe von zwei Millionen Euro nicht erstattet bekommen.

Siyad Aidarus Osman hofft, dass er in Deutschland bleiben kann. Sein Traum wäre, dass auch seine beiden Kinder noch aus Somalia kommen könnten. Eine andere Stadt kommt für ihn nicht infrage. Er schüttelt heftig den Kopf: „Nur Osnabrück. Osnabrück ist gut.“ (epd/mig) Leitartikel Politik

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