Heiraten als Maß sozialer Integration

Muslimisch-nichtmuslimische Ehen sind akzeptiert, aber selten

Die Bereitschaft zu interkulturellen und interreligiösen Eheschließungen steigt bei Migranten schon in der zweiten Generation deutlich an. In der Praxis sieht es aber anders aus. Ursächlich sind elterliche Vorstellungen über den richtigen Heiratspartner, familiäre Werte und Religiosität.

Von Sarah Carol Mittwoch, 06.08.2014, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 11.08.2014, 21:23 Uhr Lesedauer: 7 Minuten  |   Drucken

Interethnische Ehen und Freundschaften gelten in der Forschung als wichtige Indikatoren für die soziale Integration von Minderheiten. Neben dem tatsächlichen Heiratsverhalten und den Freundschaften zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen spielen die Einstellungen dazu eine wichtige Rolle. In meinem Dissertationsprojekt am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) habe ich – neben anderen Forschungsfragen – die Einstellungen zu interethnischen Heiraten und das tatsächliche Verhalten von Muslimen in sechs europäischen Ländern untersucht. Wie sind die Heiratsmuster der zweiten Generation? Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei der Partnersuche? Welche Rolle spielen Eltern und die Religiosität in der Familie? Und wie wirkt sich die Integrations- und Immigrationspolitik bei der Partnersuche aus?

Um die Auswirkungen der Politik auf die Partnersuche zu beantworten, wurden verschiedene international vergleichende Datensätze analysiert, insbesondere der im WZB entstandene EURISLAM-Datensatz. Dieser Datensatz umfasst Informationen über rund 7.000 Menschen ohne Migrationshintergrund und über Menschen muslimischer Abstammung mit jugoslawischem, marokkanischem, türkischem oder pakistanischem Migrationshintergrund in Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz. Die Befragten der als muslimisch kategorisierten Migrantengruppe hatten mindestens einen Elternteil mit muslimischem Hintergrund. Diese Länder haben unterschiedliche religiöse Rechte und Strategien im Umgang mit Muslimen entwickelt.

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Untersucht wird die Frage, ob Muslime besser integriert sind in Ländern, die eher liberal mit religiösen Rechten umgehen, oder ob das liberale Gewähren von Rechten die Abgrenzung zwischen religiösen Gruppen verstärkt und zu einer Wiederbelebung religiöser Praxis führt. Die Analysen zeigen, dass weder das Einräumen religiöser Rechte für Muslime, wie zum Beispiel in Großbritannien, noch die restriktive Politik der Schweiz zu einer Rückbesinnung auf die eigene religiöse und ethnische Gruppe führt („reaktive Ethnizität“). Die Integrationspolitik gegenüber Muslimen ist also weder förderlich noch hinderlich für die soziale Integration.

Familienzusammenführungspolitik als Teil der Immigrationspolitik wirkt sich jedoch indirekt auf die soziale Integration und Partnerwahl aus. Basierend auf dem international vergleichenden Six Country Immigrant Integration Comparative Survey (SCIICS) zeigt sich, dass sich Nachkommen von türkischen und marokkanischen Einwanderern in Belgien, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich und Schweden zunehmend einen Partner im Aufnahmeland suchen und transnationale Ehen, also Ehen mit Menschen aus dem Herkunftsland der Eltern, abnehmen, wenn die Politik der Familienzusammenführung strikter wird.

Die Partnersuche wird auch von anderen Faktoren bestimmt. Sie hängt maßgeblich von den Möglichkeiten und der Größe des Heiratsmarkts ab. Insbesondere pakistanische Migranten, die in Westeuropa mit Ausnahme von Großbritannien nur einen geringen Anteil der Muslime ausmachen, greifen auf die Hilfe ihres familiären Netzwerks zurück. Nur ein Bruchteil der geschlossenen Ehen sind arrangierte Ehen. In der zweiten Generation lassen sich auch Mischformen beobachten, bei denen Kinder zusammen mit ihren Eltern nach einem geeigneten Partner suchen. Und dort, wo mehr Migranten aus demselben Land leben, fällt die Wahl in erster Linie auf einen Partner aus der eigenen Gruppe. Gerade für die zweite Generation von Einwanderern eröffnen sich dadurch mehr Möglichkeiten, einen Partner im Aufnahmeland zu finden, der eine ähnliche Sozialisation erfahren hat und in der Regel weniger religiös ist.

Transnationale Ehen bieten für hochqualifizierte Frauen die Chance, einen Partner zu finden. Die wissenschaftliche Literatur interpretiert dieses Ergebnis als eine Emanzipationsstrategie, da eine transnationale Heirat Frauen erlaubt, aufgrund der geografischen Distanz unabhängig von der Familie des Bräutigams zu leben, die die Braut traditionell nach der Hochzeit in ihrem Haushalt aufnimmt. Insgesamt zeigen die Analysen, dass Frauen mit und ohne Migrationshintergrund durch ihre Familie eher protegiert werden, was mit niedrigeren interethnischen Heiratsraten einhergeht. Eine Heirat von Frauen wird dabei teilweise als Verlust für die religiöse Gruppe interpretiert, denn es wird angenommen, dass sich die Religion des Manns durchsetzt und an Folgegenerationen weitergegeben wird.

Heiratsmuster bleiben stabil

Bei der genaueren Untersuchung interethnischer und -religiöser Beziehungen zeigt sich, dass – entgegen theoretischen Annahmen – interethnisches Heiraten in der zweiten Generation nicht generell häufiger vorkommt, obwohl die zweite Generation deutlich positiver gegenüber Ehen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen eingestellt ist als die erste Generation der Muslime. Die Heiratsmuster der zweiten Generation unterscheiden sich jedoch nicht signifikant von denen der ersten Generation, wenn Bildungsunterschiede berücksichtigt werden.

Wodurch lässt sich erklären, dass die Heiratsmuster stabil bleiben? Elterliche Präferenzen für einen bestimmten Heiratspartner spielen eine wichtige Rolle für die soziale Integration, unabhängig vom Alter der Kinder. Die Einflüsse ethnischer Gemeinschaften und elterlicher Sozialisationsziele gehen dabei Hand in Hand. Bildung ist zwar für die Kinder von Immigranten ein wichtiger Weg zur Emanzipierung aus vordefinierten Strukturen und elterlichen Heiratsvorstellungen. Letztendlich ist schulische Sozialisation alleine jedoch keine ausreichende Bedingung für soziale Integration. Die Wahrnehmung, diskriminiert zu werden, erschwert den Integrationsprozess und trägt zur Aufrechterhaltung der sozialen Distanz bei.

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