Immigrierte Chefs

Neue Allianzen in der Schweiz

Grandios, wer anlässlich der Schweizer Volksabstimmung gegen Einwanderung zueinander findet! Und in Deutschland wird die erste schwarz–grüne Bundesregierung auch nicht mehr lange auf sich warten lassen - die neue Kolumne von Tobias Busch.

Von Montag, 24.02.2014, 8:27 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 26.02.2014, 0:59 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Grandios, wer anlässlich der Schweizer Volksabstimmung zueinander findet! Im Berlin der neunziger Jahre standen die Wachstumsskeptiker und die Befürworter einer multikulturellen Gesellschaft Seite an Seite und bildeten eine mehr weniger gemäßigte Linke. Kapitalisten, Spießer und Fortschrittsprediger standen auf der Gegenseite und bildeten die Rechte.

Schon im Vorfeld der Schweizer Abstimmung formierten sich dort die Nationalen und die ewig Gestrigen als Befürworter zu einer vor wenigen Jahren noch undenkbaren Front mit den braven Bürgern und den Zweiflern am endlosen Wirtschaftswachstum. Auf der Seite der Gegner der Initiative standen nahezu geschlossen das wirtschaftliche und das politische Establishment zusammen mit den Befürwortern einer offenen Gesellschaft – eine nach herkömmlichen Maßstäben skurrile Allianz.

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Es gibt tatsächlich in der Schweiz eine ganz besondere Konstellation. Das Wohlstands- und Einkommensniveau ist selbst für deutsche Verhältnisse hoch, das Land ist attraktiv für Einwanderer aus allen möglichen Berufen und Gesellschaftsschichten und der Immigrationsanteil mit rund 25 % deshalb rund dreimal so hoch wie in Deutschland. Trotzdem : Die erste schwarz–grüne Bundesregierung wird auch in Deutschland nicht mehr lange auf sich warten lassen – die Linke und die Rechte sind in der zentralen Zukunftsfrage der Zuwanderung gespalten.

In jenen Zeiten, als die Migranten noch Gastarbeiter hießen, gewünscht und gewollt ein niedriges Bildungsniveau hatten und theoretisch nur befristet kamen, war die Verteilung klar: Die Migranten machten die einfachen Arbeiten, die „Gastgeber“ übernahmen die Aufsicht. Heute stellt sich die Situation ganz anders dar: Zuwanderung wird unter wirtschaftlichen Aspekten gerade im qualifizierten Bereich benötigt – Menschen für einfache Tätigkeiten gibt es in Deutschland genug, es mangelt oft eher an Jobs als an Personal.

IT Fachleute, Entwicklung- und Vertriebsingenieure, Logistiker, Pflegekräfte, Ärzte und Handwerker – alles Tätigkeiten, bei denen Tatkraft und guter Wille alleine für ein vernünftiges Ergebnis nicht ausreichen. Deshalb entwickelt sich die Partei „Die Linke“ in Deutschland zur eurokritischen Verbündeten der AfD – beide verstehen nicht, dass von einer globalisierten Wirtschaft Leistungsfähigkeit viel höher geschätzt wird als Nationalität.

Nachhaltiges Wirtschaftswachstum ist in Deutschland (und der Schweiz) ohne Zuwanderung undenkbar. Wenn substantielle Zuwanderung in unseren Gesellschaften nicht mehrheitsfähig sein sollte, müssten wir dringend unser Wirtschaftsmodell überprüfen. Der Umstand, dass ein nicht ganz kleiner Teil der deutschen Bevölkerung den hohen Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft an Fachkräfte auch mit sehr viel Ausbildungsaufwand nicht entsprechen kann oder will, dieser Umstand ist durch ein Referendum nicht abwählbar. Er beschreibt eine Tatsache.

Für die kleine Schweiz mag der Ausweg in noch mehr Zuwanderungsselektion liegen, wenn die EU das zulassen sollte. Für die EU Staaten besteht diese Option nicht. Ich bin im Gegenteil optimistisch, dass der unausweichliche Zustrom von ausländischen Fachkräften in Verbindung mit der ebenso unvermeidlichen ehrlicheren Diskussion über Kosten und Nutzen in Deutschland die Öffnung unserer Gesellschaft weiter befördert. Der billige Populismus von Seehofer und Konsorten wirkt doch heute schon gestrig. Nichts wirkt so gut gegen Vorurteile wie das tatsächliche Erleben und die Realität! Wir stehen vor interessanten Zeiten und die Chancen für talentierte Menschen mit „Migrationshintergrund“ werden schon in einem Jahr wieder besser sein als heute.

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