Servus Bosporus

„Hier kann ich was bewegen“

Den Manager Ali Bilgiç haben die Aufstiegschancen nach Istanbul gelockt. Denn die Baubranche boomt in der Türkei. Doch sein Haus in Stuttgart hat er behalten.

Von Nicole Graaf Dienstag, 04.02.2014, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 07.02.2014, 1:08 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Das Angebot klang verlockend. Ali Bilgiç sollte die Niederlassung der Firma Putzmeister in Istanbul leiten, ein Werk mit 300 Mitarbeitern. Das Unternehmen stellt Betonpumpen her. Nach China ist die Türkei der größte Markt für Baumaschinen, denn die Baubranche boomt. Bei seiner damaligen Stelle in Stuttgart sah Bilgiç kaum mehr Aufstiegschancen und sagte zu.

An einem Samstagnachmittag im April sitzt er mit Sonnenbrille und leichter Strickjacke im Istanbuler Rönepark beim Tee. Er blickt über eine satte grüne Wiese bis zur Uferpromenade, die sich kilometerweit am Bosporus entlang streckt. Luftballon- und Popcornverkäufer haben am Wegrand ihre Stände aufgestellt. In seiner Freizeit fährt Bilgiç hier gern Fahrrad.

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„Für gut ausgebildete junge Leute sind die Karrierechancen in der Türkei besser“, sagt er. „Die Gesellschaft ist viel jünger, die Wirtschaft viel dynamischer. In Deutschland ist alles schon entwickelt, da kann man nicht mehr so viel bewegen.“

Bilgiç lebt seit fast sieben Jahren in Istanbul, gleich um die Ecke, in einem gehobenen Wohnviertel mit mediterranem Flair.

In Deutschland musste er sich anfangs durchbeißen. Erst als Zehnjähriger kam er dorthin, in die Nähe von Ulm. „Meine Eltern waren klassische Gastarbeiter, sie stammen aus einer armen Gegend in Anatolien.“ Gerade deshalb legten sie großen Wert auf Bildung. Bilgiçs Vater wollte, dass sein Sohn die Möglichkeiten bekommt, die er selbst nicht hatte. Er schickte ihn aufs Gymnasium und engagierte einen Nachhilfelehrer, damit er die neue Sprache schnell lernte. „Ich rechne ihm heute hoch an, dass er sich so etwas geleistet hat. Er hat ja damals nicht so viel verdient.“

Bilgiç hat nicht die Erfahrungen vieler türkischer Gastarbeiterkinder gemacht, die in der Schule benachteiligt und abgestempelt wurden. Eher im Gegenteil: Um ihn im Lesen zu fördern, bestellte sein Lehrer ihm ein Probeabo der „Süddeutschen Zeitung“. Die liest er heute noch.

Bilgiç studierte Betriebswirtschaft, machte Karriere bei der Deutschen Bahn und bei Daimler-Benz, war Teamleiter, Planungsleiter, zum Schluss in der Abteilung für das internationale Geschäft. Trotzdem traf auch er auf typische Vorurteile. Als er Abteilungsleiter wurde, habe er in der Kantine ein Gespräch seiner Mitarbeiter mitbekommen: „Jetzt haben sie den Türken zum Chef gemacht“, hieß es da. Bilgiç zuckt mit den Schultern. Er geht mit solchen Dingen pragmatisch um: „Ich habe hart durchgegriffen und auch zwei, drei Leute ausgewechselt.“ Überhaupt ist er ein pragmatischer Mensch. Er glaubt gerade für deutsche Firmen, die sich in der Türkei niederlassen wollen, können Leute wie er eine Brückenfunktion übernehmen. „Allein mit deutscher Mentalität hat eine Firma hier keine Chance.“ In der Türkei funktioniert das Geschäft weniger geradlinig, die Kunden erwarten mehr Flexibilität. „Ich verstehe wie die Türken denken, und weiß auch, auf was die Deutschen Wert legen“, sagt Bilgiç.

Servus, Bosporus! 2014 reisten zwölf Schüler der Zeitenspiegel-Reportageschule nach Istanbul. Zehn Tage lang recherchierten sie in der türkischen Metropole für ihre Geschichten. Darin wollten sie vor allem die besonderen Beziehungen zwischen Menschen in Istanbul und Deutschland in den Fokus stellen. Aus den Geschichten ist „Servus, Bosporus!“ entstanden, ein Onlinemagazin, in dem sich die Vielfalt der Metropole Istanbul aber auch die Vielfalt journalistischer Erzählformen wieder findet. Einige der Artikel veröffentlichen wir in einer losen Reihe auch im MiGAZIN.“

Er selbst fühlt sich in beiden Ländern wohl. Sein Haus in Stuttgart hat er behalten. Vielleicht wird er irgendwann zurückkehren. So gut es ihm in Istanbul gefällt, das Leben dort findet er anstrengend: „Fünfzehn Millionen Menschen, das spürt man überall. Vor allem an den Wochenenden ist es immer voll“, erzählt er, während er hinüber auf die Wiese blickt, auf der einige Familien picknicken.

Später muss er noch seine Tochter von einem Kindergeburtstag abholen. „Am anderen Ende der Stadt, das sind sechzig Kilometer“, er seufzt. Außerdem sei Istanbul sehr viel teurer als Stuttgart, wenn man den gleichen Lebensstandard erwartet. „Allein die Schulgebühren kosten an die zehntausend Euro im Jahr.“ Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine private Schule, denn an den staatlichen sitzen bis zu fünfzig Kinder in einer Klasse. Bilgiçs Töchter gehen auf die Deutsche Schule. So können sie sich später einmal aussuchen, ob sie in der Türkei studieren möchten oder in Deutschland – oder auch ganz woanders. Er kann sich gut vorstellen, noch ein anderes Land auszuprobieren, wenn er in ein paar Jahren wieder eine berufliche Veränderung sucht: „Australien, Indien oder USA vielleicht“, sagt er. „Schau’n ma mal.“

Hier geht es zum ersten Teil der Artikelserie: Zurück in die Türkei – Die dritte Identität

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