Buchtipp zum Wochenende

„Vielfalt der sprachlichen Bildung“ von Rita Zellerhof

Rita Zellerhoff hat ein Buch vorgelegt, dass sich umfassend mit der sprachlichen Bildung Heranwachsender auseinandersetzt, wobei sie die mehrsprachig aufwachsenden Kinder besonders in den Blick nimmt – ein Auszug aus dem Buch.

Freitag, 15.11.2013, 8:22 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 29.11.2013, 6:44 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |  

In diesem Buch wird Bildung im umfassenden Sinne als lebenslanger Prozess gesehen, durch den Menschen im Sinne von Humboldts zu Mündigkeit und Selbstbestimmung befähigt werden sollen. Bildung wird hier verstanden als eine aktive Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt, ein Sich-Bildens zu einer autonomen Persönlichkeit, die lernt. selbstbestimmt für sich einzustehen. Dabei ist die Sprache wesentlich, denn im Sinne von Humboldts gilt:

„Sprache wird zu einem Ort der Vermittlung zwischen dem Menschen und der Welt sowie den Menschen untereinander. Auch ein reflexiver Bezug des Menschen auf sich selbst ist nur sprachlich möglich.“ (Dörpinghaus & Uphoff, 2011, 80)

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Dieser Prozess entwickelt sich in vielfältigen Lebenssituationen aus einer sicheren Beziehung des Kleinkindes heraus (vgl. Schwer & Völker, 2011). Wenn es gelingt, seine Wissbegier anzuregen und seine Lernfreude aufrechtzuerhalten, so wird es in allen Lebenssituationen die Möglichkeit nutzen, sich zu bilden. Dabei lernen Kinder unentwegt und aus eigenem Antrieb, wenn man ihnen den ausreichenden Freiraum gewährt. Sprachbildung ist dabei eine Querschnittsaufgabe aller an der Bildung, Erziehung und Versorgung der Kinder Mitwirkenden.

Dies gilt gleichermaßen für die Primärsprachen der Kinder. Unabhängig von dem Grad der Verwendung von Sprachen und ihrer Beherrschung wird hier die Mehrsprachigkeit von Kindern als eine Lernbedingung ihres lebensweltlichen Kontextes betrachtet und als eine besondere Herausforderung, aber auch als Gewinn für die sprachliche Bildung gesehen (vgl. Lengyel, 2012a). Eine neue Chance ergibt sich durch die Ausbildung mehrsprachiger junger Menschen für den Lehrberuf (vgl. Lengyel & Rosen 2012). Das primäre Ziel der Bildung mehrsprachiger Menschen muss der Erhalt ihrer ersten Sprache sein. Sie darf ihnen nicht genommen werden, wie Werlen in der folgenden These betont:

„[…] jede Sprachpädagogik muss aufbauen auf dem Prinzip, dass nicht zerstört werden darf, was vorhanden ist, und ihr Ziel muss es sein, Menschen zu bilden, die Mehrsprachigkeit nicht mehr als Ausnahmezustand, sondern als das Normale schlechthin sehen.“ (Werlen, 1994, 331)

Nach den Empfehlungen der Kultusministerkonferenzen (KMK) von 1996 und 2007 stellt die interkulturelle sprachliche Bildung eine bedeutende übergreifende Dimension dar, zu der Lehrerinnen und Lehrer befähigt werden müssen, damit sie in ihrem Unterricht Raum für unterschiedliche Sichtweisen und vielfältige Blickrichtungen geben können:

„2. Ziele: Wie alle Ziele der allgemeinen Persönlichkeitsbildung in der Schule ist auch die interkulturelle Bildung und Erziehung auf die Entwicklung von Einstellungen und Verhaltensweisen gerichtet. Die Schule vermittelt dazu Kenntnisse, entwickelt Einsichten, trägt zur Urteilsbildung bei und fördert wertorientiertes Handeln, indem sie die ihr zugänglichen Lern-, Lebens- und Erfahrungsräume aktiviert und durch erzieherische Bemühungen zur Persönlichkeitsbildung beiträgt. Der interkulturelle Aspekt ist dabei nicht in einzelnen Themen, Fächern oder Projekten zu isolieren, sondern eine Querschnittsaufgabe in der Schule.“ (KMK, 1996, 5-6)

Zur Umsetzung wird auf die jeweiligen Schulgesetze der Länder verwiesen. In diesem Zusammenhang wird die Wahrung der Würde des Menschen, seiner Grundrechte und der Verfassungsnormen hervorgehoben. Aufgabe der Bildung sei es zu betonen, dass alle Menschen gleichwertig und ihre Wertvorstellungen und kulturellen Orientierungen zu akzeptieren seien. Es geht also darum, Verhaltensweisen zu entwickeln, „die dem ethischen Grundsatz der Humanität und den Prinzipien von Freiheit und Verantwortung, von Solidarität und Völkerverständigung, von Demokratie und Toleranz verpflichtet sind.“ (KMK, 1996, 6-7).

Die KMK von 2007 hat auf die Beschlüsse der KMK von 1996 bestätigend verwiesen und noch stärker auf die Selbstverpflichtung von Eltern, Institutionen, Städten, Gemeinden und Ländern sowie der Bundesrepublik hingewiesen. Dabei legte sie den Schwerpunkt auf die Berücksichtigung der Vielfalt aller beteiligten Gruppen, die sich nicht allein auf ethnische Identitäten bezieht. Vielmehr sollte die Vielfalt gleichermaßen viele weitere Merkmale berücksichtigen: Alter und Geschlecht der Mitbürger, ihren kulturellen Hintergrund, die sozioökonomischen Gruppierungen und ihre sozialräumlichen Vergesellschaftungen. Es wird auf Institutionen hingewiesen, die zur Unterstützung des Integrationsprozesses geschaffen wurden und die noch stärker in Anspruch genommen werden sollten (vgl. KMK 2007). Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat am 20. Februar 2013 zum Internationalen Tag der Muttersprache die folgende Pressemitteilung herausgegeben:

„Die Förderung der Muttersprache, insbesondere von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, ist zentral für den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen. Erst durch die Sicherheit in der Erstsprache, aber auch durch deren Anerkennung und Wertschätzung als kulturelles Gut, können Kinder selbstbewusst eine zweite Sprache lernen und anwenden.“ (Deutscher Bundestag, Presserklärung vom 20.02.2013)

Sprache ist nicht nur Medium, sondern auch Gegenstand der Bildung, denn Sprache erschafft eine eigene Welt (vgl. List, 2011). Sie befähigt den Menschen zur Zeitreise, zum Nachdenken über sein Werden und schafft ein Bewusstsein für aktuelles Erleben und Empfinden in der Gegenwart und ermöglicht ein Vorausplanen in die Zukunft. Im Spiegel seiner Mitmenschen kann das Individuum ein Bild von sich selbst entwickeln und auf einer Metaebene durch sprachlichen Austausch sein Selbstbild konstituieren (vgl. Schmidt, 2003). In der Phantasie und Fiktion kann er gar über sich selbst hinauswachsen. Das Besondere an Sprache ist darüber hinaus, dass sie sich selbst Objekt ist; man kann in Sprache über Sprache reden. Inhaltlich sagen Sprechakte aus, wie das Gesagte verstanden werden soll. So ist es möglich, Nachfragen zu stellen und das Gemeinte zu präzisieren. Auch die Form der Sprache kann Gegenstand der Betrachtung sein, wie die Lautproduktion oder Aussprache, der Wohlklang und der Rhythmus des Sprechens, oder die grammatische Richtigkeit von Syntax und Morphologie. Bei Texten kommen darüber hinaus noch die schriftsprachlichen Konventionen hinzu, wie das Verfügen über Schriftzeichen und das Beachten von Rechtschreibung und Zeichensetzung, Textaufbau und Kohärenz. Texte unterscheiden sich wesentlich im Gehalt. Neben Gebrauchstexten sind besonders literarische Texte Gegenstand des „Sprechens über Sprache“.

In literarischen Texten gewinnt die Sprachverwendung eine künstlerische Form. Durch diese sprachliche Bildung wird gleichzeitig das künstlerisch- ästhetische Empfinden geschult (vgl. Zabka, 2008). Im praktischen Teil werde ich dies an der „Literacy“-Arbeit in der Kita und an der literarischen Auseinandersetzung mit einem Kinderbuch beschreiben.

Die Weiterentwicklung der sprachlichen Fähigkeiten wird als Bildungsaufgabe in allen Fächern und Lernbereichen gesehen, denn wie Jampert & Sens betonen, ist Sprache „das Tor zur Welt“ (vgl. Jampert & Sens, 2010; vgl. Kreisel, 2009). Im praktischen Teil des Buches werde ich diese Bildungsaufgabe an Beispielen aus dem Lernbereich „Sachunterricht“ aufzeigen. Aktuell Feuilleton

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