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Der Triebtäter

Das Kind im Manne

Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Denn ich will der Naivität huldigen. Kinder und Betrunkene, so heißt es, sagen stets die Wahrheit. Doch manchmal, sehr selten, gelingt es auch einem investigativen Fernsehtea einen kurzen Moment der Wahrheit auf Celluloid zu bannen, für den weder zu viel Alkohol noch zu viel Kindlichkeit ursächlich sind.

Von Dienstag, 18.06.2013, 8:24 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 19.06.2013, 22:09 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

„[W]er unter Menschen rein bleiben will, muss verstehn, sich auch mit schmutzigem Wasser zu waschen.“ (Friedrich Nietzsche)

Einen dieser Momente fing ein Fernsehteam des öffentlichen Rundfunks ein, als es durch eine größere Gruppe freiwilliger Fluthelfer im Osten dieses Landes stakste, auf der Suche nach jemandem, den sie von der Arbeit abhalten könnten. Sie stießen auf eine junge Frau, der sie sogleich ein paar O-Töne entlocken konnten, darunter einen, der sinngemäß etwa so lautete: „Hier sind alle gleich, egal ob reich oder arm, schwarz oder weiß“.

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Das Fernsehteam zog erfreut von dannen, ob dieses versöhnlichen Statements, dass ihre Message „Die Menschen sind total solidarisch“ unterstrich.

Also: „Wenn Städte unter Wasser stehen, schieben wir unsere rassistischen, sexistischen und sonstigen chauvinistischen Überzeugungen beiseite, um gemeinsam anzupacken!“ – so die eigentliche Aussage der Helferin, die der Sender Phoenix anschließend in seiner aktuellen Berichterstattung zelebriert.

Ist das nicht beruhigend?

Natürlich bedeutet das nicht, dass, wenn die Städte nicht mehr unter Wasser stehen, die Flut auch all diese antidemokratischen Überzeugungen weggespült hätte – sie überlagert sie nur kurzzeitig. Und wer nicht selbst von der Flut bedroht ist, kann es sich ohnehin leisten, nicht zum helfen an den Deich zu fahren, sondern um T-Shirts Gassi zu führen, auf denen die üblichen rassistischen Vorurteile zumindest implizit geäußert werden – oder um als Deichgräfin auf den Überresten vernichteter Existenzen Wahlkampf zu machen.

Und wenn anschließend ein hier nicht namentlich genannter amtierender Bundes-Innenminister in der aktuellen Bedrohungslage die Muße findet, sich exakt jenes Vokabulars zu bemächtigen, dass die eben angesprochenen „Fluthelfer“ auf ihre T-Shirts druckten, muss man sich auch nicht wundern, warum dessen Schreibtischtäter-Brigaden sich als Fünften Kolonne des arischen Volkskörpers gerieren.

Naivität ist eine Gabe, sie ist blind für Hautfarben und Ideologien, sie diskriminiert nicht, sie ist rein und unschuldig. Jedoch nicht zufällig behandeln die Religionen (z.B. in der „Vertreibung aus dem Paradies im Christentum“) und Philosophie (z.B. in Platons „Höhlengleichnis“) den Verlust der Naivität durch den erwachsenen Menschen – und beklagen ihn. Auch in schwerster Not wird es darum immer kühle Strategen geben, die ein naives Hilfsbedürfnis als Deckmantel und Vehikel für menschenverachtende Propaganda nutzen.

Wie mündig ein Bürger ist, zeigt sich auch darin, ob er fähig ist, sie zu durchschauen. Und vielleicht findet sich hierin auch ein Stück zweite Naivität.

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