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Integration

Im Andenken an die Nachbarn

Integration ist ein politischer Begriff. Sie kann nur gelingen, wenn sie als gesellschaftliche Aufgabe Einzelner begriffen wird. Ohne persönliches Engagement wird das Thema nur kaputtgeredet.

Von Donnerstag, 31.01.2013, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Sonntag, 05.04.2015, 21:37 Uhr Lesedauer: 2 Minuten  |   Drucken

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es nun her, dass die Türkische Republik und die BRD ein Anwerbeabkommen unterzeichnet haben. Seit dem sind viele der Gastarbeiter – wie man sie nannte und immer noch nennt – geblieben und Teil dieser Gesellschaft geworden. Es wurde viel geklagt über misslungene Integration, viel geklagt über Diskriminierung und zu wenig geredet über die Nachbarn, die die Türken einst aufnahmen in ihre Gemeinschaft, in ihre Herzen und (vielleicht auch) ihre Gebete und so überhaupt ein Fundament dafür legen konnten, dass wir heute einen eifrigen Diskurs darüber anstreben, unsere gemeinsame Zukunft zu planen.

Als meine Eltern 1971 als eine der letzten Familien nach Deutschland kamen, um zu arbeiten, lebten sie noch in kleinen barrackenähnlichen Wohnungen direkt gegenüber der Fabrik, in der sie arbeiteten. Eine Wohnung oder jemanden, der an uns vermieten wollte, konnten sie nicht finden. Das blieb auch so, als die 40 m² große Wohnung mit sechs Köpfen allmählich zu klein wurde. Dass meine Eltern dann entschieden, ein kleines Haus zu erwerben, um aus der ganzen Sache „rauszukommen“ erklärt sich fast von selbst.

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Im Jahre 1986, zwei Jahre nach meiner Geburt, zogen wir also in unser neues Haus in einer Gegend, in der es überhaupt keine Migranten gab – in einer Gegend, in der ich Deutsch lernen musste, um mit den anderen zu spielen; in einer Gegend, in der wir uns entwickeln und entfalten und ihn finden konnten, den Platz in der Gemeinschaft. Diesen Platz verdanken wir Gott weiß nicht allen Nachbarn, aber zumindest denjenigen, die uns bereitwillig und liebevoll aufnahmen. Wir verdanken ihn unser netten Familie Hachmeister oder der großmütterlichen Frau Matthäus oder unserem Onkel Horst, die uns ganz beiläufig deutsche Kultur nahebrachten, ohne dies je forciert und ohne je unsere Kultur kritisiert zu haben.

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Wenn ich heute daran denke, dass ich ohne die Offenheit meiner „Ersatz-Oma“ Frau Matthäus gar nicht wüsste, was die deutschen Kinder Weihnachten zu Hause unternahmen; wenn ich daran denke, dass sie uns in ihr Heim ließen, als sie ein für sie heiliges Fest feierten, dann weiß ich, dass mir diese Leute und ähnliche Familien die moralische Grundlage dafür gaben, mich zu engagieren. Denn sie zeigten uns, dass uns einige durchaus willkommen hießen.

Wenn heute über Integration gesprochen wird, habe ich oft den Eindruck, dass man darüber in einer abstrakten Form redet. Man begreift diesen gesellschaftlichen Vorgang – als etwas, dass durch Politik gesteuert werden muss und daher auch nur die Politik angeht. Dabei ist die Annäherung zweier gesellschaftlicher Gruppen aufeinander notwendigerweise auch die Annäherung (vieler) Einzelner aufeinander und daher ein höchstpersönlicher Vorgang. Wenn wir also in Zukunft darüber nachdenken, ob Integration gelingen kann, dann müssen wir uns fragen, was wir selbst jemals unternommen haben, um andere in unsere Reihen zu lassen. Und damit sind alle Seiten gemeint.

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