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Kısmet

Weihnachtszeit

Immer dasselbe zur Weihnachtszeit. Ich kann es nicht mehr hören. Nein, ich spiele jetzt nicht auf Wham mit Last Christmas an. Zwar ebenfalls eine Geisel der Feiertage, ich bin jedoch vielmehr genervt von einer ständig wiederkehrenden Frage.

Von Florian Schrodt Mittwoch, 19.12.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 20.12.2012, 23:36 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

„Feiert ihr denn auch Weihnachten?“ Die Frage ist sicherlich legitim, aber sie ist immer mit einem gewissen Unterton verbunden, so dass ein klischeehafter Beigeschmack wie bei der Frage „ob wir denn nicht verheiratet seien“entsteht.

Auch wenn die vorweihnachtlichen Aktionen Babas zuletzt eher an den Grinch denken ließen, ist auch im türkischen Teil meiner Familie Weihnachten seit Jahrzehnten fest verankert. Vielleicht nicht im hiesigen traditionellen Sinne, aber weder durch Assimilation, noch Integration, sondern in voller Selbstbestimmung und Konzentration – nämlich auf das Wesentliche: Weihnachten als Fest der Liebe.

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Schon zu früheren Zeiten haben meine Schwiegereltern zu Weihnachten Freunde ins Haus geladen, unter dem Tannenbaum gesessen, gut gegessen und voller Besinnlichkeit die Feiertage mit ihren liebsten Mitmenschen verbracht. Sie haben vielleicht nicht „Oh Tannenbaum“ gesungen, sondern in guter Laune türkische Lieder zum besten gegeben, dennoch war es für sie nichts Fremdes.

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Wie nicht anders zu erwarten, hat Baba den größtmöglichen Tannenbaum organisiert, so dass zwischen Decke und Spitze kaum Platz war für den Weihnachtsstern. Den Baum hat man im Schoße der Familie gemeinschaftlich geschmückt und die Geschenke in Hinterzimmern verpackt, so dass sie halbwegs vor den neugierigen Blicken der Kinder geschützt waren. Zudem konnte Baba zu den Feiertagen auch einer anderen Leidenschaft fröhnen. Wenn er schon mal ein paar Tage Zeit hatte, hat er sich cineastische Klassiker wie „Die Bibel“ oder „Ist das Leben nicht schön“ angesehen. Dann hat die ganze Familie um den Wohnzimmertisch bei Tee zusammen gehockt und mit großen Augen und warmen Herzen den alten Filmhelden von Baba gelauscht.

Wenn ich an James Stewart in seiner Rolle als George Bailey denke, kommt mir unweigerlich Baba in den Sinn. Ich will nicht vermessen klingen: aber wenn ich alte Geschichten über meinen Schwiegervater höre, fallen mir unweigerlich so viele Parallelen auf. Die Erkrankung in der Kindheit, der Ehrgeiz für sein Unternehmen und die Liebe für die Familie und Mitmenschen, aber auch die Verzweiflung, die zu schwierigen Situationen für die Familie führt.

Als wir uns neulich über den Film unterhielten und Baba gedanklich in seine alten Zeiten davondriftete, wurde mir das mehr als deutlich. Er warf sich Rücksichtslosigkeit vor, weil er damals nach Deutschland gegangen sei, um Geld zu verdienen. Während er also hier wenigstens Lohn hatte (den er zwar umgehend größtenteils zur Familie schickte), hätten sie mit dem Nötigsten auskommen müssen. Das sei ungerecht gewesen. Ich finde es eher ungerecht, dass ein Mann mit solchem Charakter auf diese Gedanken kommt. Dermaßen für seine Familie einzustehen ist aller Ehren wert. Und dann auch noch Gutes für andere tun zu wollen.

Da fällt mir noch eine Geschichte ein: Als Baba gerade nach Deutschland gekommen war, hatte er einen deutschen Kollegen, der für sich, sein Neugeborenes und seine Frau ein Haus baute. Als der Winter zu kommen drohte und sie nicht fertig wurden, sagte Baba seine Hilfe zu, damit sie noch vor Weihnachten einziehen können. So wie allen anderen wollten sie auch Baba bezahlen, doch mein Schwiegervater lehnte ab. Es sei nur richtig, dass eine Familie ein Haus baue und so etwas müsse man unterstützen, dafür könne man kein Geld verlangen. Aber ich schweife ab.

Mittlerweile haben meine Schwiegereltern keinen Tannenbaum mehr, aber die familiäre Tradition wird bei meinem Schwager weitergelebt. Auch hinsichtlich der Dimension des Baumes und der Unverhältnismäßigkeit der Geschenke für die Kinder. Aber selbst meine Mutter fühlt sich pudelwohl, die hinsichtlich Weihnachten sehr traditionalistisch ist. Für diesen familiären Rahmen haben wir sogar seit einigen Jahren mit der eigenen Tradition gebrochen, zur nächtlichtlichen Christmette zu gehen, sondern gehen nachmittags in die Kirche. Warum? Weil die Tochter meines Schwagers dort im Krippenspiel mitwirkt. Bis auf Anne und Baba, die der Besuch körperlich überfordern würde, pilgern wir dann allesamt in die Kirche und genießen die besinnliche Atmosphäre. Das dürfte auch meiner Freundin lieber sein. Denn nunmehr gehen wir in eine evangelische Kirche, die ersten Male, die meine Freundin mich und meine Mutter in eine katholische Kirche begleitet hatte, machten ihr sehr zu schaffen. Keine Sorge, keine Ressentiments. Nur der Weihrauch war für sie eher unerträglich. Damit hat sie nun nicht mehr zu kämpfen. Nun ist der Kirchenbesuch für uns der Startschuss in einen besinnlichen Weihnachtsabend. Dann geht es ans Festmahl, zu dem jeder etwas beisteuert, Jahr für Jahr fällt die Wahl auf Braten, Rotkraut und Knödel. Ein Leibgericht, auf das sich alle ohne Diskurs einigen können.

Langsam steuern wir auf den Höhepunkt, zumindest in Augen der Kinder, zu. Meine Mutter konnte aber durchsetzen, dass wir vor der Bescherung noch einige Weihnachtslieder singen, was meine Nichte dankbar annimmt, weil sie gleich zeigen konnte, was sie in der Schule gelernt hat. Meine Schwiegereltern sitzen mit roten Wangen in der Ecke und teilen die allgemeine Freude. Ab und an überkommt es sie und sie stimmen in das „Oh Tannenbaum“ oder ähnliches mit ein. Auch wenn sie nicht ganz textsicher sind.

Nicht nur die Kinder kommen bei der Bescherung zum Zug, denn gewichtelt wird seit einigen Jahren auch. Nur mein Schwager hatte letztes Jahr Pech. Da meine Nichte die Zettel geschrieben hatte, hatte ich einen „Baba“ Zettel erhalten, der ihrem eigenen Vater galt. Ich habe leider meinem Schwiegervater ein Geschenk besorgt, so dass mein Schwager leer ausging. Dafür will ich ihnen dieses Jahr kompensieren. Geschenke kaufen steht übrigens auch noch ganz groß auf der Agenda. Baba darf zu den Besorgungen nicht mehr mitkommen, weil er dann gleich Gott und der Welt eine Kleinigkeit organisieren will. Das veranlasst ihn dieses Jahr dazu, Schabernack zu treiben und leichte Züge des Grinches anzunehmen.

Mein Neffe ist vor einigen Tagen zu einem Kurzbesuch in die Türkei aufgebrochen, Baba wollte der Familie Kleinigkeiten in Form von Süßigkeiten zukommen lassen. Er bestand Partout darauf, für seine Schwägerin Mon Cheri mitzugeben. Anne versuchte zu intervenieren, weil ihre Schwester kein Alkohol trinkt. Erst eine leichte physische Intervention brachte ihn davon ab. Zumindest so lange bis sie ihm den Rücken zudrehte und er sie trotzdem zusteckte. Aber sonst ist eigentlich alles sehr besinnlich.

Nur in der Frage, ob wir uns weiße Weihnachten wünschen sollen, sind wir etwas unsicher. Denn in diesem Fall ist es insbesondere für meinen Schwiegervater nicht einfach vor die Tür zu kommen, da macht die Krankheit einen Strich durch die Rechnung. Vor zwei Jahren führte das dazu, dass meine Freundin und ich nach dem Rückweg von meinem Schwager noch die halbe Nacht bei meinen Schwiegereltern blieben, weil Baba Atemnot hatte (obwohl sie kaum 100 Meter voneinander entfernt wohnen). Aber Glück im Unglück hatte Baba selbst durch diesen Umstand noch eine gute Tat vollbracht.

Als meine Freundin und ich zum Auto gingen, saß wenig entfernt ganz eingeschneit eine halberfrorene Betrunkene, die ihren Schlüssel verloren hatte. Mit einiger Mühe haben wir sie zu einer Freundin von ihr gebracht. Das hatte dann auch Baba versöhnlich gestimmt, der zuvor ganz in Sorge war, weil die Familie um ihn besorgt war. Er wollte doch nicht die festliche Stimmung zerstören. Er überlegte, ob er dieses Jahr nicht lieber zu Hause bleiben solle. Dem können wir nur widersprechen.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen. Ja, wir feiern Weihnachten. Und ich könnte es mir nicht passender vorstellen, als mit dieser Familie. Voller Liebe und im Kreise der Liebsten. Auf besinnliche Feiertage! Inşallah.

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