Anzeige

MediAwareness

Gefährliches Spiel mit Stereotypen

Eine Plakat-Aktion für mehr Zivilcourage in Bussen und Bahnen in NRW geht provokativ gegen Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln vor – dazu wird auf gängige Klischees zurückgegriffen.

Von Kim-Carina Hebben Montag, 12.11.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 25.03.2014, 9:39 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Ein an einer U-Bahn-Haltestelle hängendes Plakat zeigt einen (aufgrund seiner dunklen Haut, Haare und Augen) südländisch-aussehenden Jugendlichen. Sein Konterfei steht im Vordergrund, mit leicht gesenktem Kopf ist sein Blick zum Betrachter gerichtet. Im Hintergrund sieht man eine menschenleere Bus- oder Bahnhaltestelle mit einem überdimensionalen Einschussloch in der Scheibe sowie ein nur sporadisch beleuchtetes tristes Hochhaus. In einer Sprechblase werden dem Jungen die Worte „Gewalt? Da misch ich mich ein! Ich wähle sofort 110!“ in den Mund gelegt.

Der denotierte Inhalt dieses Plakats ist absolut positiv: Der Jugendliche hat Zivilcourage, er sieht nicht weg, sondern mischt sich ein, indem er unverzüglich die Polizei verständigt.

___STEADY_PAYWALL___

Hier wurde bewusst mit Stereotypen gespielt. Ohne den Zusatz „Ich wähle sofort 110“ wäre die Botschaft unmissverständlich, der Jungendliche sofort als krimineller, gewalttätiger Ausländer abgestempelt, der darauf aus ist Streit zu suchen.

Durch dieses mehrdeutige Plakat wird mit dem gängigen Klischee des kriminellen Ausländers aufgeräumt. Der auf den ersten Blick bedrohlich wirkende Jugendliche hilft mit seiner Zivilcourage Gewalt auf den Straßen zu vermeiden.

Dennoch kann das Plakat auch anders gelesen werden: Allein das Referieren auf dieses Vorurteil beweist das Vorhandensein einer Stereotypisierung gegenüber muslimischen oder generell südländischen Menschen. Die Verbindung der Begriffe ‚muslimischer Jugendlicher‘ und ‚Gewalt‘ können ebenso Fremdenfeindlichkeit bestärken.

Diese Plakat-Aktion erinnert an einen sehr ähnlichen Vorfall. Bereits Anfang Oktober habe ich im MediAwareness-Blog einen Beitrag über eine solche Kampagne verfasst. Auf diese Plakat-Kampagne aufmerksam wurde ich wiederum durch den Artikel des Germanistik-Professors Dr. Friedemann Vogel, der in seinem Blog „SpeechAct!“ einen offenen Brief an das Innenministerium veröffentlichte.

Anlass zu seinem Brief waren sogenannte „‚Vermisst‘-Plakate“, die u.a. im Spiegel erschienen und auf eine „‚drohende Radikalisierung türkischer Migranten‘ aufmerksam machen“ sollen. Auf diesen Plakaten sind die Gesichter junger südländischer Menschen zu sehen, welche durch zusätzliche Symbole wie ein Kopftuch mit dem Konnotat „muslimisch“ aufgeladen sind. Im selben Kontext ist von Attributen wie „radikal“, „Angst“ oder „religiöse Fanatiker und Terrorgruppen“ die Rede. Darüber hinaus unterstütze die Grauzeichnung des Plakats „Konzepte des ‚Dunklen‘ und ‚Bedrohlichen‘“. Zu allem Überfluss sind diese Plakate als Vermisstenanzeige aufgemacht und erregen so zusätzliche Aufmerksamkeit.

Wie auch im aktuellen Beispiel der „Busse & Bahnen NRW“-Plakate fördert diese Kampagne die Bildung von fremdenfeindlichen Stereotypen. In beiden Fällen steckt hinter den Plakaten eine durchweg gut gemeinte Absicht, die Umsetzung lädt jedoch zur Festigung negativer Vorurteile ein.

Prof. Dr. Friedemann Vogel geht in seinem Beitrag sogar so weit, dass er dem Innenmister vorwirft junge muslimische Menschen zu gefährden und zur Zielscheibe von Fremdenfeindlichkeit zu machen:

„Wer ‚jung‘ und ‚arabisch‘ aussieht, ist mit Ihren Plakaten bereits eine wandelnde Zeitbombe. Dass die abgebildeten Personen auf den Plakaten überwiegend lächeln und einen sympathischen Eindruck machen, dürfte das Ganze nur noch schlimmer machen: in Ihrem Kontext wird damit jede türkisch-arabische Freundlichkeit zum ‚Schein‘, zur ‚lauernden Gefahr eines terroristischen Schläfers‘.“

Aus diesem Grund bittet Prof. Vogel um den sofortigen Abbruch der Plakat-Kampagne und um eine öffentliche Entschuldigung gegenüber unseren türkisch-arabischen Mitmenschen.

Auch wenn ich Prof. Dr. Vogel im Falle der von ihm kritisierten Plakat-Kampagne recht gebe, kann ich die „Mehr Zivilcourage in Bus und Bahn“-Kampagne trotz ihres Spiels mit dem Feuer im Ganzen nur gutheißen. Zum ersten Mal aufgefallen ist mir das Plakat an einer U-Bahn-Station an der sich viele Jugendliche aufhielten – meine ersten Gedanken bildeten keine negativen Stereotype, sondern sahen den jungen Mann als Vorbild für die vielen Schulkinder, die an der Haltestelle tobten.

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)