Österreichische Befindlichkeiten

Lautes Geschrei und Einäugigkeit: die Beschneidungsdebatte

Die Beschneidungsdebatte - Fortsetzung des huntingtonschen Kulturkampfes, der entsetzte Fingerzeig auf das vermeintlich Fremde lenkt ab vom Kehren vor der eigenen Haustüre.

Von Helga Suleiman Dienstag, 28.08.2012, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 29.08.2012, 21:00 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich erinnert öfters an die tierische Fabel von Hase und Igel. Der Hase wettet mit dem Igel, dass er schneller am Ende des Feldes sein werde, als der Igel. Des Igels Frau aber setzt sich an die eine Seite des Feldes, der Igel selbst an die andere. Jedes Mal, wenn der Hase am Feldende ankommt, schreit ein Igel: „Bin schon da!“.

Landeshauptmann Wallner aus Vorarlberg hat ganz besonders laut „Bin schon da“ geschrien, als er das Beschneidungsurteil von Köln vernahm. Damit hat er ein weiteres Exempel an kleingeistiger Großmannssucht statuiert, die offenbar danach verlangt, ein jahrtausendealtes, religiöses Gebot mit einem Dreh des landesfürstlichen Daumens aus der Welt zu schaffen. Dass ein österreichischer Landeshauptmann einem mittelstädtischen deutschen Gerichtsurteil Folge leistet, ist nur das „Sahnehäubchen“ an der Geschichte.

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Einige österreichische Landesspitäler sekundierten sofort. In deren Fahrwasser traten PsychologInnen auf, die vor posttraumatischen Störungen als Folge von Beschneidung warnten.

Zufällig fand ich dieser Tage einen Bericht in einer Regionalzeitung, der davon Kunde gab, dass die Wehrdienstpflichtigen im Osten Österreichs immer mehr zur Untauglichkeit neigen. Häufig geben die Jungmänner als Grund „psychische Probleme“ an. Die Statistik zeigte zwischen Oberösterreich (höchste Zahl der Untauglichen) und Vorarlberg (niedrigste) einen Unterschied von bemerkenswerten 10,9%!

Das ließ mich stutzen, denn die Mehrzahl der jungen Wehrpflichtigen mit Migrations- und überwiegend muslimischem Hintergrund finden sich im Westen des Landes. Offenbar sind die eher psychisch intakt als der Rest der Crew. Ob das etwas mit Beschneidung zu tun hat? Fragen Sie bitte einen Psychologen, Herr Landeshauptmann Wallner, aber nicht im eignen Ländle, – besser in Köln.

Abseits der Polemik: Wahr ist, dass es in Österreich ein klares, rechtliches Ja zur Beschneidung gibt!

Meiner Meinung nach strotzt diese ganze Debatte von unheimlicher Ignoranz. Sie ist die Fortsetzung des huntingtonschen Kulturkampfes, der unbedingt und überall Differenzen sehen will. Hier, die Konstruktion der Differenz „archaisch-fundamentalistische Religionsriten“ versus „säkular-aufgeklärter EU-Humanismus“. Letzterer gegossen in die Form der Kinderrechte.

In all den Artikeln und Kommentaren hierzulande, konnte ich keinen einzigen finden, der sich anlässlich der Beschneidungsdebatte die Frage stellte, wie der Umgang mit Kinderrechten im eigenen Wohnzimmer aussieht. Nach Ansicht von ExpertInnen einer Vergleichsstudie des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend 2009* ist in Österreich kein einziges Kinderrecht voll umgesetzt. Erst 1989 hat der österreichische Staat mit dem §146a des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches ein Fundament gegen jegliche Gewaltanwendung an Kindern gelegt und war damit einer der ersten in Europa. Erst jetzt, nach mehr als 20 Jahren war es möglich, dass die Klagen jener, die als Kinder erschreckende Gewalt in Kinderheimen erlitten haben, auch öffentlich gehört werden. Der Staat leistet Entschädigungszahlungen. Diese späte Aufarbeitung kann als Indiz dafür gelten, dass sich das Gewaltverbot in der Erziehung bei weitem nicht als allgemeiner Wertmaßstab durchgesetzt hat. ExpertInnen der Vergleichsstudie kommen zu dem Schluss, dass das Gewaltverbot von allen Kinderrechten am mangelhaftesten umgesetzt ist. Es wird – wie der österreichische Kinderschutzbund schreibt – von Politik und Medien völlig ungenügend an die Bevölkerung kommuniziert.

Umgekehrt! Es war im Mai diesen Jahres, dass ein Landeshauptmannstellvertreter (Uwe Scheuch, Freiheitliche Partei Kärnten) – frei von der Leber weg verkündete, es sei sinnvoll und gut, wenn Pädagogen einem Schützling ab und zu „a klane Tetschn“ geben könnten, weil die Kinder das durchaus vertragen würden.

In die Debatte um ein mögliches Beschneidungsverbot sind auch links und liberal eingestellte Intellektuelle eingetreten. Am häufigsten ist von ihnen zu hören, dass sie zwar für Religionsfreiheit seien, aber es doch auch gut wäre, dass „diese Diskussion geführt wird“. Warum eigentlich? Ich frage mich, ob es die Schockwellen der breivikschen Terrorbotschaft sind, die sich mittlerweile bis ins Unterbewusstsein des aufgeklärten Bildungsbürgertums durchgeschlagen haben.

Ebenso vergeblich suchte ich eine/n, der/die sich angesichts der Debatte an all die Kinder erinnerte – und ja, es sei gesagt, unter ihnen sehr viele muslimische Kinder, die in Kriegen der letzten 20 Jahre bis heute ihre Familien verloren haben und selbst verletzt, verstümmelt oder getötet wurden. Wähnen sich daran die beschneidungsdebattierenden PolitikerInnen, Medien und Öffentlichkeiten der EU-Länder so unschuldig? Der eifrige Waffenexport hat die Kassen gefüllt: Deutschland macht Rekordumsätze mit Rüstungsexporten, aus Österreich kommt die meist verkaufte Pistole der Welt…

Es scheint, wir leben in Gesellschaften, die sich aufs Banale stürzen, um die wirklichen Grausamkeiten zu vergessen.

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