Anzeige

Salafismus

Kölner Frieden

Der „1. Islamische Friedenskongress“ warf mehr Fragen auf, als dass er Antworten bot. Aber es blieb friedlich. Sowohl Veranstalter wie auch Polizei nannten die Kundgebung einen Erfolg. Doch Bedenken über die Vereinbarkeit zwischen Salafismus und Demokratie bestehen weiterhin.

Von Mittwoch, 13.06.2012, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 13.06.2012, 9:55 Uhr Lesedauer: 5 Minuten  |   Drucken

Köln. Samstag, 16 Uhr. Eine Stunde nach offiziellem Beginn des „1. Islamischen Friedenskongress“ betritt Pierre Vogel die Bühne auf dem Barmer Platz: „Wir müssen noch schnell ein Kabel wechseln, bevor ich mit der Hasspredigt loslege“. Ein Lachen geht durch die Menge. Keine Frage, Vogel ist witzig. Ob es einem gefällt was der deutsche Konvertit zu sagen hat oder nicht: Dem Kölner Karneval ist ein großes Talent abhanden gekommen. Der Mann redet frei, eloquent und vor allem mit viel Witz, beinahe Charme. Das ist der große Unterschied zwischen ihm und den anderen Rednern auf der Bühne, darunter Ibrahim Abou-Nagie, der Erfinder der Koran-Verteilungsaktion.

Initiierte hatte den „Kongress“ Vogels Organisation „Einladung zum Paradies“. Der deutsche Muslim war nach mehrmonatiger Schaffenspause aus Ägypten eingeflogen, um die schrecklichen Ereignisse in Syrien zu thematisieren. Unterm Strich nahm Syrien jedoch nur einen geringen Teil seiner Redezeit ein.

___STEADY_PAYWALL___

Zu humanitärer Hilfe wurde allgemein aufgerufen, Assad ein „Terrorist“ genannt. Ob als ultima ratio auch ein Militärschlag des Westens gegen Syrien in Erwägung gezogen werden sollte? Dazu wollte sich Vogel, der als „Friedensaktivist“ angekündigt worden war, endgültig nicht äußern, das Thema sei dafür zu komplex. Ansonsten zog er sein übliches Programm durch. Über den Respekt, den er dem Propheten Jesus und der Bibel gegenüber brächte sprach er, wie falsch er von Medien oft zitiert würde, und schließlich verurteilte er auch unmissverständlich gewalttätige Handlungen im Namen der Religion, Ehrenmorde beispielsweise.

Kritischen Fragen wich der „Vogel im Schafspelz“, so zitiert die WELT einen Polizeibeamten, gekonnt aus. Die Frage einer WDR-Reporterin, ob Demokratie und Islam miteinander vereinbar seien, geriet unter Vogels Lavieren um den Begriff Demokratie herum, schnell in Vergessenheit und blieb so unbeantwortet.

Für ein wenig Aufregung sorgte Willi Herren. Der Kölner Schauspieler ließ es sich nicht nehmen während Vogels Vortrag für ein paar Minuten die Bühne zu erklimmen, um dort seine Wertschätzung für den Konvertiten zu erklären. „Pierre Vogel ist herzensgut. Ich kenne alle seine Videos“. Laut Bildzeitung bereute Herren diese Aktion bereits am Montag: es sei ein „riesiger Fehler“ gewesen, zitiert das Blatt den Schauspieler.

Durch die Reihen der Zuhörer schlich ein weiterer, wenn auch recht zweifelhafter Prominenter: der ehemalige Linksterrorist Bernhard Falk, in den neunziger Jahren Kopf einer Nachfolgeorganisation der Roten Armee Fraktion, war während seiner Inhaftierung zum Islam konvertiert und machte zuletzt auf sich aufmerksam als er zum Dschihad gegen die USA und die Bundesrepublik aufrief.

Wirklich spannend wurde es eigentlich erst gegen Ende der Veranstaltung: Der ehemalige Boxer hielt antisemitische Plakate aus der Nazizeit in die Luft und solche mit rassistischen und gegen Muslime gewandten Bildern und Sprüchen. Darunter eine Karikatur mit einer verschleierten und offensichtlich schwangeren Frau und der Überschrift „The other islamic bomb.“ Natürlich gäbe es heute in Deutschland keine Konzentrationslager für Muslime, aber die Anfänge seien nicht zu übersehen. So wie in den 1930er Jahren in Deutschland gegen Juden gehetzt worden sei, würde heute Hetze gegen Muslime betrieben. „Auch der Holocaust musste vorbereitet werden“, kommentierte Vogel seinen Vergleich.

Auf Nachfrage von migazin.de, was er mit solchen Vergleichen zu erreichen versuche, erklärte Vogel, die Augen junger Muslime in Deutschland öffnen, und auf die tägliche Hetzte, durch „PI News“ und andere Medien, aufmerksam machen zu wollen. Diese Aussage passt zu den vielen Videobotschaften des Predigers im Internet. Dort warnt er, dass es in Deutschland bald „eskalieren“ werde zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die hier lebenden „Gläubigen“ der latenten Gefahr einer neuen, gegen sie gerichteten „Reichskristallnacht“ ausgesetzt seien und ihre Augen davor nicht verschließen sollten.

So versöhnlich sich Vogel auch gibt, wer solche Thesen vertritt ist ein Spalter. Dem Überwinden von kulturellen Gräben erweisen diese Prophezeiungen einen Bärendienst. Nur wenige Meter neben der Bühne stand an diesem sonnigen Samstag ein fahrender Eisstand. Dank der Kundgebung muss der Verkäufer ein ziemlich gutes Geschäft gemacht haben. Als vor einigen Wochen während einer muslimischen Kundgebung in Bonn Steine flogen, hätte eine Eisbude wohl nur gestört.

In Köln fügte sie sich problemlos in das Gesamtbild der Veranstaltung ein, denn trotz manch kruder These blieb alles friedlich: Thomas Held, Pressesprecher der Kölner Polizei, bestätigte, dass es weder vor noch während der Kundgebung zu irgendwelchen Auseinandersetzungen gekommen sei und lobte das Einsatzkonzept der Polizei, die mit Mannschaftswagen und Wasserwerfer angerückt war. Eben dieses Einsatzkonzept warf jedoch einige Fragen auf: Wurden in Bonn noch alle Teilnehmer der Demonstration auf versteckte Waffen kontrolliert und abgetastet, konnte in Köln jeder unbehelligt auf den Barmer Platz marschieren. Und eben dieser Barmer Platz ist ein Schotterfeld. Wurfgeschosse hätten hier gar nicht erst versteckt werden müssen. Die Polizei wollte dies nicht kommentieren.

Anstatt der angekündigten 1500 waren zwar nur rund 300 Muslime dem Aufruf nach Köln gefolgt, dennoch zeigten sich auch die Veranstalter der Kundgebung zufrieden. Auch sie lobten die reibungslose Zusammenarbeit mit der Polizei und betonten, dass sie im Vorfeld verstärkt dazu aufgefordert hatten friedlich zu bleiben, selbst wenn Vertreter von Pro NRW mit Mohammed-Karikaturen provozieren würden. Von Pro NRW sah man indes nichts. Die zwanzig Rechtsextremen wurden von der Polizei einige hundert Meter weit weg postiert und fielen nicht weiter auf. Die schwarz-rot-goldenen Flaggen, die gepaart von „Super Deutschland“-Gesängen, rings um den Deutzer Bahnhof immer wieder aufblitzen, kamen an diesem Samstag glücklicherweise nur von euphorischen Fußballfans. Pierre Vogel wollte das Spiel zum deutschen EM-Auftakt übrigens nicht verfolgen. Er interessiere sich nur wenig für Sport. Und falls er doch mal ein Spiel sieht? „Dann bin ich natürlich für Deutschland, ist doch klar!“

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)