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Brückenbauer

Wem gehört das Ei? – Und warum ich Integrationsverweigerer bin.

Sehr oft werden mir folgende Fragen gestellt: Herr Chahrour, wie integriert sind Sie? Würden Sie nach der Leitkultur leben? Jahrelang habe ich versucht, passende Antworten auf diese scheinbar passenden Fragen zu finden.

Von Donnerstag, 22.03.2012, 8:25 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 30.05.2016, 16:22 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Bevor ich nun antworte, möchte ich selbst eine Frage stellen.

Man stelle sich folgendes vor: Zwei aneinander grenzende Grundstücke zweier Bauern werden durch eine farbige Linie getrennt. Diese farbige Linie ist quasi die Grenze zwischen den Grundstücken. Nun kommt ein Hahn und legt genau auf dieser Grenze ein Ei. Nun streiten sich die Bauern um das Ei. Das ganze Dorf ist in Aufregung. Kühe werden entführt und Schafe ihrer Wolle bestohlen. Es ist kalt. Die Schafe frieren.

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Das Problem muss gelöst werden. Wem gehört das Ei?

Was denken Sie? Gehört das Ei Bauer 1 oder Bauer 2?

Viele von Ihnen werden folgende Gedanken haben:

– Wem gehört der Hahn? Dem Besitzer des Hahns gehört auch das Ei. So denken Juristen.

– Das Ei wird geteilt. Jeder bekommt die Hälfte. So denken unsere sozialistischen Freunde.

– Ein Bauer bekommt die Schale, der andere den Inhalt. So lautet eine ökonomische Betrachtungsweise.

– Wer zuerst kommt, der bemalt das Ei zuerst. Gedanken eines Kapitalisten zu Ostern.

– Wir setzen uns auf das Ei bis ein Küken schlüpft. Dann streicheln wir das Küken. So denken Menschen, die professionelle Hilfe brauchen.

– Wir essen den Hahn. So würde ich denken. Sie jetzt auch!

Dies war bloß ein Teil der vielen Antwortmöglichkeiten. Man könnte lange über diese Frage streiten oder gar philosophieren. Wie geht man mit solchen Fällen um?

Ich erspare Ihnen nun die gedankliche Anspannung und kläre Sie auf.

Die richtige Antwort lautet: Ein Hahn legt keine Eier. Es gibt folglich kein Ei. Die Bauern streiten nicht und das Dorf, ja, das ödet vor sich hin. Und den Schafen geht’s gut.

Einfach gesagt: Die Frage nach dem Ei war eine falsche Frage. Dennoch ist es mir gelungen, einige von Ihnen für eine gewisse Zeit mit dieser falschen Frage zu beschäftigen. Sie verzeihen mir sicherlich, es waren ja bloß zwei Minuten Ihrer kostbaren Zeit.

Schlimmer ist, wenn sich eine komplette Republik mehr als 50 Jahre mit falschen Fragen befasst. Hier geht es nicht um zwei Minuten, sondern um Biographien, Generationen und gar Völkerverständigung.

Die falsche Frage nach der Leitkultur
Fragen bzw. Forderungen nach Anpassung an eine Leitkultur müssen aus der Debatte und den Köpfen entfernt werden. Denn auch hier ist die Frage falsch. Existiert denn überhaupt eine Leitkultur, sodass ich mich ihr anpasse? Welche Kultur ist denn gemeint? Die der lockeren und stets fröhlichen Kölner? Die der Club-Mate-trinkenden Mac-User, die übrigens Berlin belagern? Oder die der preußischen Ich-lächle-nur-zu-Feiertagen-Kultur? Deutschland ist so vielfältig, dass eine alle Kulturen überdeckende Kultur gar nicht existiert. Und das ist auch gut so. Einige Opportunisten müssen verstehen und akzeptieren, dass freie Menschen ihre Lebensinhalte und folglich ihre Identität selbst bestimmen. Eine Forderung nach einer Leitkultur in einem Verfassungsstaat ist folglich eine Forderung gegen die Freiheit des Menschen.

Die falscheste Frage
Die Frage nach dem Grad der Integration ist für mich eine der falschesten Fragen überhaupt, denn ich will mich nicht integrieren. Ich verweigere sogar die Integration.

Ich verweigere die Integration, weil es ein 2011 gab. Weil 2011 so traurig, schwarz und rot war. Nicht das Schwarz, mit dem Dichter auf weißem Papier schreiben. Und nicht das Rot der Liebenden.

Ich meine das Schwarz der Dunkelheit und das Rot des Blutes, welches als Indikator verwendet, zumindest etwas Positives hat. Dieses Rot hebt Lügner, Rassisten und Menschenfeinde hervor. Das Rot auf dem Boden einer Insel in Oslo, ist das gleiche Rot wie auf den schamerfüllten Gesichtern einiger Manipulierer in Europa und konkret in Deutschland.

Ich verweigere die Integration, weil durch Terror gefallene Menschen nach einer Imbiss-Speise benannt wurden. Weil Opfer zu Tätern wurden und ein Gros der Gesellschaft schwieg. Und weil die, die schützen sollten, es nicht konnten oder gar wollten.

Ich verweigere die Integration, weil ich ein Teil dieses Landes bin. Ich gehöre dazu, ich bin schon drin. Wie gesagt, ein Teil. Ein Teil vom Ganzen, gehört zum Ganzen. Versteht es doch endlich. Ich will mit euch nicht streiten. Es ist mir egal, was ihr sagt. Ihr habt euch einen Maßstab erwählt und ich akzeptiere ihn. Das Grundgesetz ist das, womit ich euch entgegnen will. Euch, das sind nicht alle, sondern die, die einen Teil des Ganzen aus dem Ganzen isolieren wollen. Wenn sie es geschafft haben, ihre Herzen (ein Teil) von ihren Körpern (das Ganze) zu trennen, so heißt es nicht, dass dies auf alle Lebensbereiche übertragbar ist. Geschweige denn auf eine komplette Gesellschaft. Wir sind das neue Herz, wir, das sind Melanie und Fatima, das sind Hassan und Jan, wir sind das neue Herz dieses Landes, mit dem wir den alten Körper wiederbeleben wollen. Hand in Hand, partizipiert und auf Augenhöhe. Ich schreibe, weil ich diese Augenhöhe will. Und um das zu erreichen, stelle ich mich auf das Grundgesetz, meine Stütze.

Wir brauchen richtige Antworten, aber auch richtige Fragen.

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