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„Halbierte Hoffnungen“ von Pınar Selek

Pınar Selek hat bereits drei Märchen geschrieben, Journalisten in der Türkei haben ihren ersten Roman "Halbierte Hoffnungen" als ein weiteres Märchen bezeichnet. Selek lacht darüber und sagt „Ich glaube an Märchen und auch fest daran, dass sie eines Tages wahr werden.“

Von Freitag, 16.03.2012, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Dienstag, 20.03.2012, 7:45 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Pınar Selek, türkische Soziologin und Feministin, geboren 1971 in Istanbul, schreibt über ungemütliche gesellschaftliche Themen wie Militär, Kurdenpolitik und Geschlechterrollen und fällt damit in der Türkei seit Jahren auf. Sie veröffentlicht Studien über Gewalt an Straßenkindern, Prostituierten und Transsexuellen. Sie kritisiert unterdrückende Rollenzuweisungen und beschäftigt sich mit dem Thema Mannsein.

In ihrem Buch „Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt“ setzt sie sich mit dem Thema „Männlichkeit und Männlichkeitsmechanismen in der Türkei“ auseinander. Ihr Augenmerk hat sie hierzu auf die Erlebnisse von Männern während des obligatorischen Wehrdienstes gelegt und diese ausgewertet. Manche ihrer Kritiker sehen diese Arbeit als eine Beleidigung des Militärs. Auf der anderen Seite wird Ihre mutige Arbeit mit dem PEN Duygu-Asena-Preis ausgezeichnet. Ihr Einsatz für die Rechte von Frauen, Demokratie und Frieden werden gewürdigt, heißt es in der Erklärung hierzu.

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Die junge Soziologin sagt, dass es viele Fragen in ihrem Kopf gibt, sie geht diesen Fragen nach und sucht nach Antworten. Es ist eine Art Kampf auf dem Papier. Sie ergänzt, dass noch lange nicht alle Fragen geklärt seien. Sie gibt nicht auf und vor allem schweigt sie nicht.

Für eine Studie recherchiert sie über den Kurdenkonflikt und führt hierzu Interviews. Die türkischen Sicherheitsbehörden werfen ihr daraufhin vor, dass sie Kontakte zur PKK habe. Im Juli 1998 kommt es auf dem Istanbuler Gewürzbazar zu einer Explosion, mehrere Menschen sterben. Aufgrund diverser, teilweise umstrittener Informationen wird Pınar Selek vorgeworfen, dass sie an diesem „Bombenanschlag“ beteiligt gewesen sei.

„Ich glaube an Märchen und auch fest daran, dass sie eines Tages wahr werden!“

Seitdem wird immer wieder verhandelt, die Autorin wird dreimal freigesprochen, die Staatsanwaltschaft legt nun erneut Berufung ein und fordert lebenslange Haft für Pınar Selek. Menschenrechtler beurteilen dieses nervenaufreibende Verfahren als politisch motiviert. Seit 14 Jahren wird nun verhandelt. Trotz kritischer Stimmen wird das Verfahren neu aufgerollt, der nächste Termin wird im August dieses Jahres stattfinden. Für Pınar Selek muss sich dieser Prozess wie ein böses Märchen anfühlen. Die Autorin lebt seit 2008 im Exil und ist Stipendiatin des PEN in Berlin. In Straßburg arbeitet sie an der Universität an ihrer Promotion.

Als Tochter eines linken Anwalts, der als Regierungskritiker in der Türkei bereits im Gefängnis saß, ist Pınar Selek „vor den Toren von Gefängnissen aufgewachsen“ wie sie ihre Kindheit beschreibt. „Unser Haus war wie ein Verein, es kamen viele Menschen zusammen und haben diskutiert, viele Freunde wurden verhaftet.“ Diese Erfahrungen waren auch ein Grund dafür, warum Pınar Selek für ihren Roman „Halbierte Hoffnungen“ die Kulisse des Militärputsches von 1980 nimmt. Sie beschreibt die Angst, Beklemmung und Perspektivlosigkeit kurz nach dem Militärputsch.

Halbierte Hoffnungen
Istanbul ist der Mittelpunkt ihres Romans. Istanbul mit seinen Kurden, Griechen, Armeniern… Fischern, Liebenden, Prostituierten… die Metropole mit ihrer Vielfalt, ihren Widersprüchen und Hoffnungen. Sie zeigt viele Lebensgeschichten aus dieser Zeit. „Es ist alles Fiktion, wie Märchenhelden“ erklärt die Autorin, diese Figuren stehen stellvertretend für viele Menschenleben.

Der zeitliche Rahmen ist die 20jährige Suche der Protagonisten nach Lebensmöglichkeiten nach diesem Putsch. „In der Nase der Geruch von Uniformen“ und im Kopf die Erinnerungen an diese unruhige Zeit, erzählt Pınar Selek mit ihren vielen Protagonisten die Geschichte einer verletzten Generation, die auf der Suche nach dem eigenen Ich ist.

Sie muss sich entscheiden: bewaffneter Kampf oder friedlicher Widerstand? Exil oder Heimat? Diese Fragen und Ängste, aber auch die Hoffnung auf bessere Zeiten in Freiheit sind Pınar Seleks Themen. Durch das Schreiben hat auch die Autorin ihren eigenen Schmerz, dass sie ihre Heimat verlassen hat, im Exil verarbeitet. „Das Schreiben hat mich gerettet“ sagt sie und beschreibt ihren Roman als einen eifersüchtigen Liebhaber, mit dem sie sich inzwischen gut verstehe.

Der Titel „Halbierte Hoffnungen“ ist eine Anlehnung an ein Gedicht von Metin Altıok, ein Dichter, der bei dem Brandanschlag von Sivas 1993 ums Leben kam. Der türkische Romantitel lautet „Yolgeçen Hanı“ (Durchgangsherberge). Es ist ihr erster Roman. Pınar Selek hat bereits drei Märchen geschrieben, Journalisten in der Türkei haben diesen Roman als ein weiteres Märchen bezeichnet. Die Autorin lacht darüber und sagt „Ich glaube an Märchen und auch fest daran, dass sie eines Tages wahr werden.“

Das Thema Märchen spielt auch in diesem Roman eine wichtige Rolle. Während der Lesungen von Pınar Selek spürt man genau diese positive Energie und ihre emotionale Kraft, obwohl sie in Gefahr lebt. „Halbierte Hoffnungen“, erschienen im Orlanda Verlag, ist ein Buch voller Zuversicht und Träume und will zeigen, dass es auch dann noch Möglichkeiten gibt, selbst wenn die Hoffnung schwindet. Hut ab vor so viel Lebensenergie, die die Schriftstellerin aus ihrem Glauben an Märchen schöpft.

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