Zum Holocaust Gedenktag

Der eigene Schatten, Kollektive Feindbilder und die rechte Gewalt

Heute muss ich an meinen Klassenfreund aus der Schule denken, von dem wir alle wussten, dass er Jude ist, der aber nie öffentlich und offen sich dazu bekannt hat... Gedanken zum Holocaust Gedenktag von Vykinta Ajami

Von Vykinta Ajami Freitag, 27.01.2012, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 02.02.2012, 7:58 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |  

Der 27. Januar ist seit 1996 der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und seit 2005 internationaler Holocaust Gedenktag. „Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken“,- führte der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner Proklamation damals zu diesem Anlass aus.

Heute muss ich an meine jüdischen Freunde denken. An meinen Klassenfreund aus der Schule, von dem wir alle wussten, dass er Jude ist, der aber nie öffentlich und offen sich dazu bekannt hat. An eine Lehrerin, in deren Unterlagen auch „Jüdin“ stand, die das aber mündlich stets verneinte. Im sowjetischen Litauen war es überlebenswichtig, nicht alles zu sagen, was man weiß, nicht alles zu erwähnen, was man ist und schon gar nicht laut zu reden, was man denkt, geschweige denn auszusprechen, woran man glaubt.

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Damals mit 6 habe ich noch nicht verstanden, erst Jahre später wurde mir klar, wozu die ausgeteilten Zettelchen des Lehrers in der Grundschule an uns Erstklässler dienten. Wir sollten Gebete, die wir kennen, aufschreiben. Und wer sie uns beigebracht hat. Und unseren Namen sollten wir nicht vergessen. Mit 6 wusste ich damals schon, dass ich niemandem sagen darf, woran ich glaube. Dass alles, was mit der Kirche zu tun hat, geheim bleiben soll. Aus den Erzählungen der Eltern wusste ich, dass früher die Weihnachten unter verschlossenen Türen und sorgfältig zugedeckten Fenstern gefeiert wurden. Und zu meinem Weltbild gehörte das Wissen darüber, dass wir bloß niemandem weitersagen dürfen, dass die Nachbarstochter mit ihrer Oma insgeheim zur Kirche geht. Die Frage des Lehrers war ganz schön clever, denn sie lautete weder „glaubst du an Gott“ noch „gehst du zur Kirche“. Das war keine Ja-oder-nein-Frage, sondern eine Wissensfrage, auf die sogar ich mit meinem Vorwissen reingefallen bin. In so ziemlich jedem Erstklässler steckt ein Streber, der gerne sein Wissen dem Lehrer offenbaren möchte. Und so schrieb ich stolz den „Vater unser“ auf, den mir meine Oma beigebracht hatte.

Jahre später kam die Unabhängigkeit. Litauen wurde ein freies Land. Viele von uns haben sich in die Kirchen getraut, wir gingen zu Bibelkreisen, zur Messe, verreisten mit der Christlichen Jugend, der Stundenplan wurde sogar mit einem Christlichen Religionsunterricht aufgestockt. Der jüdische Mitschüler blieb jedoch bei seinem Schweigestatement. Er sagte nichts über seine Wurzeln und seine Religion. Die Versuche der über den einzigen ungetauften Jungen aus der ganzen Klasse bekümmerten Religionslehrerin überstand er auch stillschweigend. Die Situation hat sich geändert, seine Vorsicht ist geblieben.

Die Feindbilder. Sie ändern sich über Länder und Epochen. Die Krankheit, eigene Schatten an andere zu projizieren, nicht. Nach Schweizer Psychiater und dem Begründer der analytischen Psychologie Carl Gustav Jung ist der Schatten die dunkle Seite der Persönlichkeit. Er ist ein Teil des persönlichen Unbewussten und setzt sich aus allen, mit den bewussten Identifikationen des Ich unvereinbaren Aspekten, Neigungen und Eigenschaften eines Menschen zusammen. Solange keine bewusste Auseinandersetzung des Ich mit diesem unbewussten Schatten stattgefunden hat, kann dieser nur außerhalb des Ich wahrgenommen werden und wird deshalb häufig auf andere Personen projiziert. Mit Schatten werden solche Seiten an den Menschen bezeichnet, die sie persönlich an sich nicht akzeptieren können, oder die in einer Gesellschaft nicht akzeptiert und in der Folge an andere projiziert werden. Daraus entstehen kollektive Vorurteile – an Menschen anderer Nationalität, Hautfarbe, anderen Glaubens. Daraus entsteht auch Hass den anderen Gegenüber, das mit den Anderen nicht wirklich zu tun hat, sondern eher mit sich selbst.

Und so tut sie es immer noch. Die Geschichte projiziert Gefühle und Wahrnehmungen in Menschen, mehr oder weniger, milder oder stärker, so wie sie Gefühle und Wahrnehmungen in meinen Klassenfreund hinein projiziert hat, zu fürchten und zu schweigen. Die sich immer wieder wiederholenden Vorfälle der rechten Gewalt gegen ethnische und religiöse Minderheiten, insbesondere Muslime, Serienmorde, Fremdenfeindlichkeit sind Anzeichen der Wiederholung der Geschichte. Nicht im selben Ausmaß, aber Tendenz steigend. Wegen Wegschauen. Und kollektiver Schattenproduktion. Toleranz ist also keine einfache Angelegenheit. Ihr Fehlen ist ein soziales, moralisches und sogar psychologisches Problem der Gesellschaft.

Heute werden die Fahnen auf Halbmast gesetzt und damit die Erinnerung an die grausamen Verbrechen der Nazionalsozialisten wach gehalten. An ermordete Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, politisch Andersdenkende, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene und Deserteure, Zwangsarbeiter. Erinnerung an Millionen der Menschen, an die grausame Vergangenheit und an das Entgegenwirken jeder Gefahr der Wiederholung. In großem wie in kleinem Ausmaß. Für alte sowie für neue Feindbilder. Denn die rechte Gewalt, sei sie in Wort oder in Tat, so wie das Wegschauen, ist destruktiv und vernichtend. Leitartikel Meinung

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