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Familienzusammenführung

„Ich habe mich für den Menschen entschieden“

Urlaub in Spanien. Die große Liebe gefunden. Der Rest ist eine lange Geschichte mit bürokratischen und juristischen Mauern, die erklimmt werden müssen, ehe das Zusammenleben beginnen kann - die Geschichte von Daniela, Hazim und Amira.

Von Donnerstag, 12.01.2012, 8:30 Uhr|zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 04.06.2015, 10:20 Uhr Lesedauer: 6 Minuten  |   Drucken

„Ich bin gerade so ein Nervenbündel, dass ich froh bin über Ablenkung“, meint Daniela 1 als ich mich bei ihr für den besonderen Gesprächstermin bedanke. Noch drei Stunden, dann holt sie ihren Freund Hazim 2 vom Terminal ab. Über ein halbes Jahr haben sie sich nicht gesehen. Er ist Marokkaner und so hat es lange gedauert, bis er ein Visum für Deutschland bekommen hat. Nach vier Jahren Beziehung mit viel Hin und Her kann er heute endlich einreisen und bleiben. „Ich bin gespannt, aber auch nervös und ängstlich“, versucht sie ihre gemischten Gefühle in Worte zu fassen.

Wir sitzen in der Lounge eines schicken Hotels am Flughafen München. Am Nebentisch eine Gruppe angetrunkener Geschäftsmänner in dunklen Anzügen, die sich in gebrochenem Englisch über ihr letztes Meeting amüsieren. Daniela lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Mit ihrer Tochter Amira 3 hat sie es sich auf einem der hellen Ledersessel gemütlich gemacht und verteilt nun nach und nach Spielzeug und Reiswaffeln im Umkreis von zwei Metern auf Tisch und Boden. „Sechs Monate und sechs Tage hat sie nun ihren Papa nicht gesehen“, stellt die junge Mama noch einmal betroffen fest. Die Kleine zieht vergnügt an ihren schwarzen Locken.

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„Am Anfang hatte ich Angst. Weil ich einfach durch die Medien in Deutschland so ein schlechtes Bild vom Islam hatte. Aber durch die Gespräche hat sich das nach und nach abgebaut.“

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Personen mit marokkanischem Pass ist es nicht gestattet, ohne Visum nach Deutschland einzureisen. Sie zählen rechtlich zu sogenannten visumspflichtigen Drittstaatsangehörigen. Eine der wenigen legalen Möglichkeiten, um nach Deutschland zu kommen, ist der Ehegattennachzug oder die Familienzusammenführung. Als sich Daniela in Hazim verliebte, dachte sie noch lange nicht an die rechtlichen Schwierigkeiten, die auf sie zukommen würden. „Kennengelernt haben wir uns in Spanien. Am Strand. Es war total irre“, holt die 28-Jährige aus. Sie waren beide in Murcia gelandet und hatten nach kurzer Zeit beschlossen, gemeinsam eine Wohnung zu mieten. Nächtelang haben sie geredet – über Kultur und Religion. Hazim ist Moslem. Damit hatte sie sich vorher noch nicht auseinandergesetzt. „Am Anfang hatte ich Angst. Weil ich einfach durch die Medien in Deutschland so ein schlechtes Bild vom Islam hatte. Aber durch die Gespräche hat sich das nach und nach abgebaut. Das ist eigentlich eine so faszinierende Religion!“, erklärt die Katholikin. Als die gelernte Erzieherin nach sechs Wochen für einen Job zurück nach Deutschland muss, sind sie ein Paar.

Mit ihren dunklen langen Haaren und dem braunen Teint würde man Daniela eher weniger die österreichische Nationalität zuordnen. Mit drei Jahren kam sie nach Deutschland und wuchs in einem kleinen bayerischen Dorf auf. Dass sie dort bei ihrer Rückkehr aus Spanien auf Widerstand stoßen würde, hatte sie nicht erwartet. „Die Leute haben furchtbar reagiert als ich mit einem Araber, mit einem Moslem ankam“, denkt sie mit traurigem Blick an diese Zeit zurück. Plötzlich war sie mit Vorurteilen konfrontiert wie „irgendwann musst du ein Kopftuch tragen, er schlägt dich und entführt deine Kinder“. „Weil es einmal dieses Buch gab“, fügt sie fast entschuldigend hinzu. Die Rede ist von dem Bestseller ‚Nicht ohne meine Tochter‘ von Betty Mahmoody aus den 80ern. Darin beschreibt die amerikanische Autorin, wie sie vor ihrem iranischen Mann flieht, der ihre Tochter entführt hatte.

Daniela ließ sich davon nicht verunsichern und nahm Kontakt zur Ausländerbehörde auf. Doch durch das deutsche Zuwanderungsgesetz rückte ein gemeinsamer Alltag in ihrem Heimatland in weite Ferne. „Du stehst vor einer Wand und denkst dir: Wie erklimme ich die jetzt?“, beschreibt sie entsetzt den Dschungel von Gesetzen und Formularen. Drei Monate im Jahr konnte ihr Freund in Deutschland verbringen, weil er zumindest für ein anderes EU-Land eine Aufenthaltsgenehmigung besaß. Daniela hielt die Situation nicht aus und flüchtete wieder nach Spanien. „Mich hat das damals alles so eingeschränkt“, begründet sie ihre Entscheidung.

„Nein, ich habe es mir nicht so ausgesucht. Ich habe mich für den Menschen entschieden, nicht für die beschissenen Rahmenbedingungen“

Nebenan brüllt wieder einer der älteren Herren vor Lachen. Vielleicht hat er die letzten Tage in identischen Hotels mit ähnlichen Leuten in Tokyo, Kapstadt oder New York verbracht. Zumindest könnte er das, rein rechtlich. Und schließlich leben wir in Zeiten der Globalisierung, wo Mobilität ganz groß geschrieben wird. „Alle reden immer von Globalisierung, Globalisierung hier und da, aber mit den Konsequenzen will sich keiner beschäftigen“, erklärt Daniela ihre Perspektive auf die globale Entwicklung. Auch in Spanien blieb eine räumliche Distanz zwischen den beiden. Berufsbedingt musste sie nach Madrid und er nach Murcia. „Wir haben es in den drei Jahren nicht geschafft, einen Platz für uns beide zu finden“, berichtet sie fassungslos.

Nun meldet sich Amira wieder zu Wort und sieht mittlerweile ganz unglücklich aus. „Sie ist eigentlich müde, aber zu neugierig um zu schlafen, weil der Papa heute kommt“, vermutet die Mutter und zieht dabei eine Grimasse, um sie aufzuheitern. Wenn Daniela ihre Tochter beim Namen nennt, dringt bereits ein arabischer Klang hindurch. „Amirrra!“ ruft sie mit rollendem R und schüttelt das Mädchen bis es quiekt vor Lachen. „Sie war dann der Lichtblick“, steigt Daniela wieder in die Geschichte ihrer Familie ein. Wenn man ein gemeinsames Kind hat, kann man für den ausländischen Partner Nachzug zum deutschen Kind beantragen. Auch dieser letzte Schritt war mit viel Warten, Hoffen und Bangen verbunden. Hinzu kamen Vorwürfe wie „Du hast es dir doch so ausgesucht!“ – „Nein, ich habe es mir nicht so ausgesucht. Ich habe mich für den Menschen entschieden, nicht für die beschissenen Rahmenbedingungen“, betont sie fast kämpferisch.

Bei der Geburt konnte Hazim nicht dabei sein. Durch seinen Job in Spanien konnte er erst drei Wochen später einreisen. Auch die ersten Worte und Schritte beobachtete er nur virtuell über Skype. „Das tat ihm schrecklich weh“, erinnert sich Daniela mit bedeckter Stimme. Doch das ist jetzt vorbei. Es ist kurz nach zehn. In weniger als einer halben Stunde liegen sie sich in den Armen. Nach und nach packt sie alles zusammen. Nun kann sie ein breites Grinsen nicht mehr unterdrücken. Auch Amira sieht wieder fröhlicher drein. „Wir hatten so viel Pech in den letzten Jahren, jetzt müssen wir einfach mal Glück haben“, meint sie beim Abschied zuversichtlich. Mit zielstrebigem Blick verlässt sie diesen Ort der mobilen Menschen. Ich bleibe zurück und frage mich, was das für eine Liebe ist. Eine Liebe, die so stark ist, dass sie über solche Hindernisse hinweg bestehen bleibt.

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