Interview mit Hassan Eshkevari

Wie der Iran den Weg zur Demokratie schaffen kann

Nach dem arabischen Frühling fragen sich viele, wie es mit dem Iran weitergeht. Sind die Proteste gescheitert? Welche Rolle spielt der Islam bei der Weiterentwicklung? In einem Gespräch mit Hassan Yousefi Eshkevari, einer der renommierten iranischen Theologen und Kritiker, gehen wir diesen Fragen nach.

Von Forough Hossein Pour Mittwoch, 09.11.2011, 8:26 Uhr|zuletzt aktualisiert: Montag, 14.11.2011, 3:04 Uhr Lesedauer: 8 Minuten  |   Drucken

Zuletzt sah ich Hassan Yousefi Eshkevari vor 11 Jahren auf einer Iran-Konferenz in Berlin. Als „Hodschatoleslam“, ein bedeutender religiöser Titel im schiitischen Islam, sorgte er damals mit seinen Thesen für einen Eklat im Iran. Denn er hatte sich vom überzeugten islamischen Ex-Parlamentarier zum Kritiker des theokratischen Systems entwickelt und plädierte als Vorreiter unter dem iranischen Klerus für Islam-Reformen und die Trennung zwischen Staat und Religion.

So wurde ihm sein Auftritt in Berlin zum Verhängnis. Eshkevari kam kurz nach seiner Ankunft in Teheran ins Gefängnis, wurde zunächst zum Tode verurteilt und nach fünf Jahren Haft freigelassen. Heute lebt der 61-jährige im Exil und arbeitet als Schriftsteller und Islamwissenschaftler.

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Am 10. November 2011 nimmt er wieder an einer Iran-Konferenz in Berlin teil, organisiert von „Transparency for Iran“. Humorvoll sagte er zu mir: „Enshallah (hoffentlich) erwartet mich diesmal keine Todesstrafe!“

MiGAZIN: Erlauben Sie mir mit den Entwicklungen im Nahen Osten anzufangen. Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khamenei bezeichnete den arabischen Frühling als das „Erwachen der islamischen Welt“ und betonnte mehrfach, dass die Aufstände im Nahen Osten ihre Wurzeln in der islamischen Revolution von 1979 hätten. Wie schätzen Sie Ayatollah Khameneis Aussagen ein?

Hassan Eshkevari: Ich denke der erste Teil diese Aussage stimmt, bin aber mit der Schlussfolgerung absolut nicht einverstanden. Klar leben in den arabischen Ländern überwiegend Muslime, deren politisches Gedankengut auch zum größten Teil vom Islam geprägt ist. Dennoch strebt die Mehrheit nicht einen islamischen Staat an und schon gar nicht nach dem iranischen Modell. Die Führer der „Muslim Brüder“ in Ägypten oder der aktuelle Wahlsieger in Tunesien, Rachid al-Ghannouchi, und viele andere Persönlichkeiten haben sich vom iranischen Staatsmodell klar distanziert. Sie versprechen Demokratie, Freiheit und tendieren zu einem Staatsmodell wie der Türkei.

MiGAZIN: Bleiben wir bei Rachid al-Ghannouchi. Seine Begeisterung über die islamische Revolution von 1979 im Iran ist kein Geheimnis. Sehen Sie dennoch keine Gefahr, dass sie die iranische Regierung nachahmen?

Hassan Eshkevari: Stimmt, Ghannouchi hatte sogar ein Buch über Ayatollah Khomeinis Leben herausgebracht. Aber nicht nur er, sondern die meisten Köpfe der arabischen Opposition hatten jahrelang ein gutes Verhältnis mit dem Iran und wurden auch damals sogar zum Teil Finanziell unterstützt.

Aber Fakt ist auch, dass sie alle heute in der Öffentlichkeit das iranische Staatsmodell ablehnen.

Hierzu haben wir, einige der iranischen Oppositionellen – unter anderen auch Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi – vor einigen Tagen einen offenen Brief an die führenden Kräfte in Ägypten, Tunesien und Libyen veröffentlicht. Darin haben wir sie vor der Gründung einer islamischen Staatsmacht gewarnt und ausdrücklich empfohlen, eine Lehre aus unserer 32-jährigen Erfahrung im Iran zu ziehen. Außerdem haben wir dazu geraten, die Trennung vom Staat und Religion sowie die Einführung von gleichen Rechten für die Minderheiten einzuführen. Ein ganz wichtiger Punkt ist: Es muss verhindert werden, dass die absolute Macht in die Hände einzelner Personen oder Gruppen fällt.

MiGAZIN: Wie darf ein islamischer Staat nicht sein?

Hassan Eshkevari: Es darf kein System sein, das seine Legimitation ausschließlich und allein vom Wortlaut des Koran ableitet und der Auslegung keinen Raum lässt. Das Paradoxe daran ist, dass der Koran selbst Auslegung und Interpretation erlaubt. Ich stelle mir auch kein System vor, dessen Legitimation nicht vom Volk ausgeht. Darunter fallen Länder wie, Saudi Arabien, der Iran aber auch die Taliban damals in Afghanistan.

Hassan Yousefi Eshkevari während der Revolution 1979 © yousefieshkevari.com

Hassan Yousefi Eshkevari während der Revolution 1979 © yousefieshkevari.com

Zum iranisch islamischen Staat kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass wir bei der Revolution 1979 an Islam und Demokratie sowie Islam und Gerechtigkeit geglaubt und dafür gekämpft haben. Was folgte war aber, dass man strikt mit dem Wortlaut des Korans argumentiert und der Interpretationen keinen Raum gelassen hat. Wir wurden mundtot gemacht.

Das wiederum führt uns heute zu der Erkenntnis, dass die Missstände nach der islamischen Revolution im Iran nicht nur an der Person des Ayatollah Khomeini festgemacht werden kann. Mit ursächlich ist vielmehr das theokratische System, weswegen wir dieses Modell strikt ablehnen.

MiGAZIN: Ein säkularer Staat ist das, was Sie auch für die Zukunft Irans fordern?

Hassan Eshkevari: Ja, aber dazu brauchen wir sowohl Reformen im Islam, so wie sie derzeit im Iran und einigen anderen Ländern praktiziert wird, als auch die Stärkung von zivilgesellschaftlichen Institutionen im Land.

Ich bin zwar Theologe, sehe mich heute aber mehr als „frommen Intellektuellen“. Ich glaube, dass die 1400 Jahre alten islamischen Vorschriften für die damalige Zeit bestimmt waren und zu unserem heutigen Leben nicht mehr passen. Sie müssen angepasst werden, so wie es der Prophet vorgegeben hat. Schon damals wurden Diskussionen über das Richtige und Falsche geführt.

Wenn wir von einem säkularen Staat und von Demokratie sprechen, dann muss sich unsere Verfassung der UN-Menschenrechtskonvention entsprechen. Das wiederrum ist mit dem gegenwärtig praktizierten islamischen Recht, der „Scharia“, nicht zu vereinbaren.

Ein einfaches Beispiel: Die islamische Regierung in Teheran hat das UN-Menschenrechtsabkommen unterschrieben. Dennoch wird wegen Diebstahls die Hand abgehackt, Frauen wegen des Ehebruchs in der Öffentlichkeit gesteinigt oder es werden im Gefängnis unschuldige Menschen maßlos gefoltert oder hingerichtet. Frauen werden unterdrückt, und noch vieles mehr.

Alles unter „Allahs Namen“!

Deshalb müssen vor allem ermächtigte Theologen endlich den Schritt wagen und sich über das Strafrecht, Erbrecht der Frauen, Polygamie etc. beraten und für einen aufgeklärten Islam sorgen. Sie müssen verhindern, dass die Religion von einigen Machthabern für ihre Zwecke instrumentalisiert wird.

Gleichzeitig müssen zivilgesellschaftliche Organisationen – Frauen, Arbeiter und Studentenbewegungen – die Bevölkerung über ihr Mitspracherecht informieren. Das Bewusstsein für ein demokratisches System muss in der breiten Öffentlichkeit wachsen. Denn ein säkularer Staat ist nicht gleich Demokratie. Husni Mubarak, Ben Ali, Saddam Hussein, selbst unser Shah früher, die alle hatten säkulare Regierungen und waren dennoch große Diktatoren.

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  1. Caspar sagt:

    Der Iran ist schon eine Demokratie, nur nicht nach westlich-liberal-sekularem Muster. So muss eine Demokratie ja auch gar nicht sein.

    Solche Exilanten hätten es gerne wie in London, Paris und Berlin: Mit Minirock unterm Azaditurm am MTV-Studio in Tehran flanieren und sich danach in der nächsten Disko absetzen.

    Nur wollen das die Iraner nicht. Tja, pech gehabt Herrn Eshkevari.

  2. Mathis sagt:

    Der Iran ist eine Demokratie nach der Definition des iranischen Regimes, dass nach unserer „westlichen“ Definition eine Willkürherrschaft ist, in der die Bürger keine Rechtssicherheit genießen.
    Die iranische Gesellschaft ist , wie wir alle wissen, auch in der Beurteilung dessen, was sie unter „Demokratie“ versteht, zutiefst gespalten.
    Die sog. Grüne Revolution entstand aus dem Gefühl großer Ungerechtigkeit heraus und hatte als minimales Ziel eine unverfälschte Offenlegung der Wahlergebnisse.Dass dem Iran eine weiter gehende Revolte „erspart“ blieb,erklärt sich ausschließlich aus dem Maß an Brutalität, das die iranische „Demokratie“ gegen die Protestierenden aufzubieten hatte. Was die Iraner wollen, können sie unter den dort herrschenden Bedingungen nicht einmal hörbar artikulieren, es sei denn, sie befinden sich im Exil.