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Die Typisch Deutschen

Heimatgespräche im Ramadan

„Die Fähigkeit zu lieben, macht uns erst zu großen Aufgaben fähig“. So in etwa formulierte es der alte Meister Laotze im Tao Te King. Diese Fähigkeit wohnt uns allen Menschen inne und daher sollten wir uns gemeinsam darauf besinnen, was schon vor über 2000 Jahren ein alter Chinese niederschrieb.

Von Abdullah Ince Montag, 22.08.2011, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 24.08.2011, 5:09 Uhr Lesedauer: 4 Minuten  |   Drucken

Da uns genau diese Liebe antreibt, wurden wir vom Hauptverband des Deutschen Jugendherbergswerks zu einer Diskussionsrunde mit dem Titel „IOU Respect“ („I owe you respect“ = „Ich schulde Dir Respekt“) eingeladen. Die TeilnehmerInnen trafen aus verschiedenen Ländern – größtenteils aus den Ländern, wo der „arabische Frühling“ begann – zusammen, um über multikulturelle Identitäten zu sprechen. Dort stellten wir uns und unseren Verein vor und beantworteten die Fragen der Zuhörer. Das Interesse und die Sympathien waren sehr groß. In der Runde war auch eine altdeutsche Grundschullehrerin, die mit funkelnden Augen den Mut fand, uns eine interessante Erfahrung aus ihrer bunten Klasse zu schildern. Sie sprach davon, dass ihre Schüler während einer Vorstellungsrunde so selbstverständlich und selbstbewusst erzählten, aus welchem Ursprungsland sie stammten, dass sie sich einen Moment lang dazu verführt sah zu behaupten, sie würde auch aus einem anderen Land wie etwa Polen oder Russland stammen, nur um von ihren Schülern besser akzeptiert zu werden.

Worauf lässt uns so etwas schließen? Dass es Menschen gibt, die sich ihrer deutschen Identität schämen? Ja, in der Tat gibt es auch solche Menschen. Aber sind sie das wirkliche Problem? Das Problem in Deutschland ist die etwas gehemmte Art so mancher Altdeutschen das eigene Deutschsein zu begründen und das Gefühl von Heimat zu beschreiben. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch von anderen nicht geliebt werden. Viele Vorurteile und Stereotypen über das Deutschsein werden dabei aufgezählt oder das Deutschsein gerät ins Diffuse. Das geht soweit, dass viele kaum mehr verstehen können, warum es Neudeutsche gibt, die überhaupt einen Anspruch stellen, Deutsche zu sein. Nun, diese Frage muss wohl ein jeder für sich selbst beantworten. Denn das Gefühl von Heimat muss einen Menschen mit Leichtigkeit überkommen können. Nichts darf in ihm erzwungen sein und auch nichts unterdrückt werden. Erst dann, wenn die Altdeutschen unbeschwert mit Ihrer Identität umgehen können, wird es Neudeutsche geben, die das nötige Bewusstsein entwickeln, um Verantwortung für ihr Land zu übernehmen.

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Ein Stück Heimat ist auch die Sprache, die man am liebsten spricht. Wer die deutsche Sprache liebt, wird nur sehr schwer seiner deutschen Heimat den Rücken zukehren können. Es sei denn, er muss sich in dieser Sprache weiterhin anhören, dass er in Deutschland ewiger Ausländer bleibt. Und das mit einer unterkühlten und herzlosen Art. So sagt der neudeutsche Dichter Zafer Senocak in seinem Buch „Deutschsein“:

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Sprache fließt, berührt und erzeugt Lust. Nichts ist von dieser Lust spürbar, wenn in Deutschland über Integration und Sprachdefizite gesprochen wird. Es herrscht die kühle Atmosphäre eines Labors. Man spricht über Einwanderung oft so, als ginge es dabei um chemische Formeln. Wo bleiben die Wörter, die schmecken, berühren und berauschen?“ (Aus seinem Buch „Deutschsein“)

Den Menschen, die hier gerne leben, wird ihrer Heimat mit solchen Diskussionen die Süße genommen oder ihr Heimatgefühl bleibt ihnen buchstäblich im Halse stecken. Das soll natürlich nicht bedeuten, wirkliche Probleme zu ignorieren oder gar totzuschweigen. Im Gegenteil. Dadurch, dass mehr Menschen Heimatbewusstsein entwickeln, werden Probleme gemeinsam und dadurch auch besser angegangen, da man ein gemeinsames Verantwortungsgefühl entwickelt. Ein türkisches Sprichwort sagt: „Tiere verständigen sich durch Gerüche und Menschen durch Gespräche“. Ein Gespräch, und sei es ein Streitgespräch, sollte nach menschlichen Maßstäben möglichst höflich sein. Wir sollten auf verletzende und spaltende Worte, auf Verallgemeinerungen und üble Nachrede verzichten. Und damit klinge ich auch schon so, wie der Imam der Berliner Şehitlik Moschee, der dieser Tage vor dem gemeinsamen Nachtgebet während des Fastenmonats Ramadan den Muslimen Folgendes predigt:

Liebe Gläubigen, […] fragt also nicht, ob einer von euch das Fastengebot nicht einhält! Fragen sollt ihr euch vielmehr, ob das Fasten euch selbst hält. Euch davor zurückhält eure Nächsten, egal welchem Glauben sie angehören, übel nachzureden und ihnen Schlechtes zu wünschen. Und euch dazu anhält, Gutes zu tun.

Wenn wir in diesem Land wirklich etwas verändern wollen, dann geht das nur durch Liebe und gegenseitigen Respekt. Anstelle mehr sozialen Zündstoffs brauchen wir mehr verantwortliches Handeln. Diese Liebe wird dann wie löschendes Wasser auf einem schwelenden Brand, innerhalb unserer Gesellschaft, sein.

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