Anzeige

Tanz auf zwei Hochzeiten

Mode liebt Freiheit

Die Welt wird heller, das Gras wird grüner und die Mode knapper – der Frühling ist da! Die Jahreszeit, in der viele Afghanen sich dazu entschließen, noch im Sommer zu heiraten. Die Einladungen häufen sich und der Dresscode ist Gesetz: „elegant“.

Von Nasirah Raoufi Montag, 30.05.2011, 8:28 Uhr|zuletzt aktualisiert: Freitag, 03.06.2011, 1:00 Uhr Lesedauer: 3 Minuten  |   Drucken

Und damit beginnt auch schon, die Suche nach dem perfekten Kleid. Prima! Denn, lang muss es sein, auf jeden Fall neu, nicht zu schlicht und wehe dir, du zeigst zu viel Haut.

„Ach, die mit dem nackten Kleid auf der Hochzeitsfeier im Sommer 2001.“ Ob du zwischenzeitlich zur Nobelpreisträgerin gekürt wurdest oder dir in der Politik einen Namen gemacht hast interessiert da niemanden – du bist und bleibst „die eine da mit dem offenen Kleid auf der Hochzeit im Sommer 2001“. Will dieser Stempel verhindert werden, braucht es lange und intensive Recherche und etliche Diskussionen mit der Mutter. Ohne ihren Segen sollte kein Cent auf ein Kleid verschwendet werden. Auch nicht mit 28 Jahren!

___STEADY_PAYWALL___

„Das ist kein Kleid, sondern ein Stück Stoff!“, wird da ein wunderschönes cognacfarbenes Traum aus Chiffon degradiert. Wie bitte? Nur eine Schulter und ein wenig Rücken blitzen heraus, der Rest des Körpers wird doch elegant und modern vom anschmiegsamen Material bedeckt.

Anzeige

Ohne viel Bling Bling
Nächstes Bild, nächstes Kleid. Die K.O.-Kriterien sind nun bekannt – waren sie eigentlich schon immer, aber ein Versuch war es wert. Nach gefühlten zwei Stunden Kleidergucken folgt die obligatorische Frage: „Weshalb nicht einfach afghanische Mode?“

In Modemetropolen dieser Welt jagt ein modisches Großereignis das nächste. Auf Fashionshows prägen Farben, Handwerk und die Kultur der Designer den Ruf des Catwalks. Nichts anderes präsentiert die afghanische Modepuppe. Bunt beschmückte Kleider mit sehr aufwendigen Stickereien, die durch und durch mit kleinen Spiegelchen und Pailletten verziert sind. Dazu wird konventioneller Silberschmuck getragen und der Vergleich mit einem hübschen Weihnachtsbaum ist nicht mehr ganz so abwegig.

„Lebaas-e-Afghani“ – die traditionelle Tracht hat eine besondere symbolische Bedeutung und sorgt bei Exil-Afghanen nicht selten für große Begeisterung. Auf besonderen Anlässen im Westen offenbart die Wahl dieser kostspieligen Gewandung die Identität und spricht dafür, dass die Wurzeln nicht in Vergessenheit geraten sind.

Jede verschiedene ethnische Volksgruppe in Afghanistan hat aber auch ihre typische Trachtbearbeitung, die sie von den anderen Volksgruppen unterscheidet. Der Stoff ist schwer und das Geklimper lenkt im Alltag vom Alltag ab. Bei einer Zeremonie im Sommer wäre die Wahl dieser Klamotte eine Kriegserklärung an das Make-up. Transpiration vorprogrammiert – somit ein No-Go!

Selbst in konservativen Dörfern Afghanistans wehren sich die Mädchen und Frauen gegen diese etwaigen Hitzewallungen. Dort greifen diese auf die „Punjabi“ zurück, welche eigentümlich eine indisch-pakistanisch Bekleidung ist. Atmungsaktiv, leicht und praktisch und ohne viel Bling Bling.

Zurück nach Deutschland. Während der Frust der erfolglosen Kleidersuche immer größer wird, verfällt der gnadenlose Kritiker (hier: die Mutter) beim Anblick der Bilder in Melancholie. Chiffon, Samt und Seide sind der afghanischen Frau keineswegs fremd. In Afghanistan gab und gibt es mehr als nur die sogenannte Burqa. Schon in den frühen 70er Jahren verführten junge Damen mit knielangen, figurbetonten Kleidern die wartenden Männer auf dem Unigelände.

Die Mode veränderte sich – und mit ihr auch die Einstellung dazu. Heute – weit weg vom Hindukusch – erzeugen nackte Schultern einen Aufruhr auf Festlichkeiten und die Tragende erreicht Bekanntheit: „…die Eine da mit dem offenen Kleid auf der Hochzeit…“

Après nous le déluge! Bestellung abgeschickt!

Hallo, du Traum aus cognacfarbenem Chiffon!

Zurück zur Startseite
UNTERSTÜTZE MiGAZIN! (mehr Informationen)

Wir informieren täglich über Migration, Integration und Rassismus. Dafür wurde MiGAZIN mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Um diese Qualität beizubehalten und den steigenden Ansprüchen an die Themen gerecht zu werden bitten wir dich um Unterstützung: Werde jetzt Mitglied!

MiGGLIED WERDEN
MiGLETTER (mehr Informationen)

Bestelle jetzt den kostenlosen MiGAZIN-Newsletter:

Auch interessant
MiGDISKUTIEREN (Bitte die Netiquette beachten.)